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| 02:46 Uhr

Windkraft-Studie: Pro Jahr 308 getötete Rotmilane

Der Ausbau der Windkraft hat eine neue Rekordmarke erreicht. Foto: Karl-Josef Hildenbrand
Der Ausbau der Windkraft hat eine neue Rekordmarke erreicht. Foto: Karl-Josef Hildenbrand
Elsterwerda. Naturschutz kontra Windkraft? Im Erneuerbare-Energien-Land Brandenburg gewinnt das Thema zunehmend an Bedeutung. Erst recht, nachdem Studien belegen, dass der weitere Windenergie-Ausbau zulasten der Tierwelt geht. Besonders betroffen ist der Rotmilan, aber auch Störche, Eulen sowie Fledermäuse. Allein in Brandenburg werden demnach pro Jahr mehr als 300 Rotmilane getötet. Frank Claus

Mehr als 3200 Windkraftanlagen gibt es inzwischen in Brandenburg, etwa 24 000 in der Bundesrepublik. Hinsichtlich der installierten Leistung liegt Brandenburg hinter Niedersachsen auf Platz zwei. Im Elbe-Elster-Land drehen sich 202 Windräder (Stand Ende 2012).

Aufhorchen lässt eine Studie zu Vogelverlusten der Staatlichen Vogelschutzwarte Brandenburg. Deren Leiter Dr. Torsten Langgemach hat in einem Beitrag für die Fachzeitschrift "Der Falke" erklärt, dass die Vogelschutzwarte auf der Grundlage von etwa 65 000 Anlagenkontrollen für Brandenburg "derzeit vorsichtig mittlere Zahlen von etwa 3,8 Vögeln und vier Fledermäusen pro Jahr und Anlage" kalkuliere. Besonders betroffen von Kollisionen an Windrädern sind Greifvögel. Zum ersten Mal haben Experten nun wissenschaftlich berechnet, wie viele Rotmilane durch die Rotorblätter von Windrädern erschlagen werden. Dazu wurden in einem Monitoring über mehrere Monate die Schlagopferzahlen in Windparks erfasst. Dr. Langgemach: "Der erste Versuch einer Hochrechnung der Verluste (. . .) wurde durch Personen, denen die Zahlen nicht gefielen, verrissen oder angezweifelt." Die Zahlen, so der Vogelkundler, wurden später einer weiteren wissenschaftlichen Analyse unterzogen, wobei renommierte Experten betraut wurden, die ihre Ergebnisse auch international publiziert hätten.

Demnach, so Dr. Torsten Langgemach, ist im Ergebnis "pro Jahr von 308 kollidierten Rotmilanen in Brandenburg auszugehen." Wenn man weiß, dass mehr als die Hälfte des Weltvorkommens dieser Greifvogelart in Deutschland beheimatet ist, ist das ein brisantes Ergebnis und führt den Chef der Vogelschutzwarte zur Erkenntnis: "Für keine andere Vogelart hat Deutschland eine so große regionale Verantwortung."

Doch wird die auch wahrgenommen? Die Antwort aus dem Landwirtschaftsministerium Brandenburg lässt zweifeln. Mit den 300 getöteten Rotmilanen konfrontiert, schreibt Sprecher Achim Wersin: "Diese Aussage trifft so nicht zu. Die Staatliche Vogelschutzwarte führt eine Statistik der uns bekannten Totfunde, die auch im Internet zugänglich ist. Daraus ersichtlich ist, dass Vögel und Fledermäuse an Windenergieanlagen zu Tode kommen, nicht aber in der angegebenen Größenordnung." Der Ministeriumsauffassung zufolge sei der Bestand des Rotmilans "durch das Freihalten unserer Schutzgebiete (. . .) von Windenergieanlagen gesichert". Demnach kämen nur "Einzelexemplare an Windenergieanlagen zu Tode". Der Sprecher begründet seine Aussagen damit, dass der Schwerpunkt der Rotmilan-Vorkommen in Brandenburg "innerhalb von Schutzgebieten" liege.

Der Landkreis Elbe-Elster sieht sich in dieser Angelegenheit nicht zuständig. "Die Statistik zu Totfunden unter Windkraftanlagen führt das Landesamt für Umwelt, Gesundheit und Verbraucherschutz (LUGV). Der Landkreis Elbe-Elster selber macht keine Untersuchungen zu Schlagopfern unter Windkraftanlagen und hat auch keine in Auftrag gegeben und arbeitet hier dem LUGV auch nicht systematisch zu. Dieses liegt auch nicht in seinem Aufgabenbereich", so Pressesprecher Torsten Hoffgaard.

Wenn Totfundmeldungen unter Windkraftanlagen beim Landkreis eingehen, würden "diese selbstverständlich an das LUGV weitergemeldet. Hierzu gibt es einen speziellen Meldebogen." Dabei handele es sich aber "um Zufallsfunde, die von Spaziergängern, Landwirten, Jägern oder Naturfreunden gemeldet werden. Aus diesen Zufallsfunden können keine Aussagen abgeleitet werden beziehungsweise sind keine Bewertungen möglich, insbesondere nicht, welche Gebiete am gefährlichsten sind."

Seit 2007 gibt es bundesweite Empfehlungen über konkrete Mindestabstände zwischen Windrädern und Brutplätzen. Inzwischen sind diese, vor allem wegen höherer Anlagen, teilweise überholt. Deshalb haben die Vogelschutzwarten der Länder neue Empfehlungen erarbeitet. In Nordrhein-Westfalen eskalierte darüber im Vorjahr ein Streit. Das Papier zu den Abstandsempfehlungen aus dem Mai 2014 werde nicht veröffentlicht, weil die Lobby der Windenergie keine weiteren Verschärfungen will - so der Vorwurf der Vogelschützer. Das wies der dortige Umweltminister als "völlig absurd" und als "Verleumdung" zurück und machte seinerseits deutlich, dass solche Empfehlungen vor Gericht "belastbar" sein und deshalb sorgfältig von Fachbehörden geprüft werden müssten.