Von Frank Claus

Auch das noch: Zu einer angesetzten Generalreparatur an Anlagen des Klärwerks des Wasser- und Abwasserverbandes Elsterwerda (WAV), in dessen Zuge es bereits zu übelriechenden Gerüchen und wenn auch behördlich überwachten, aber dennoch Einträgen in die benachbarte Schwarze Elster kommt, nun noch eine Havarie in einem Nachklärbecken.

Passiert ist sie bereits in der Nacht von 8. zum 9. Juli. Als die Mitarbeiter früh zur Arbeit kommen, bemerken sie, dass die große Räumbrücke – so heißt der wuchtige „Quirl“, der sich im Becken dreht, die Biologie in Schwung hält und den zu Boden gesunkenen Schlamm in die Mitte des Beckens schiebt – steht.

Und nicht nur das. Aus einem Schacht quillt Wasser. Schließlich die Erkentnis: Die Räumbrücke hat die etwa drei bis vier Millimeter starken Tauchwände am Rand des Beckens mit 35 Meter Durchmesser „aufgefressen“. Besser: Abgeschert wie von einem Dosenöffner. Schnell wird klar, auch Teile der Räumbrücke wurden dabei verbogen. Und weil es an einigen Stellen im Becken plötzlich blubbert, ist klar: Auch einige der sogenannten Flutungsklappen auf dem Beckenboden haben etwas abbekommen. Etwas mehr als 100 Meter langes und etwa 30 Zentimeter breites Blech der Tauchwände liegt damit in Einzelteilen verstreut auf dem Beckenboden des Nachklärbeckens. Wo? Gute Frage.

Klärwärterin Sabrina Münch weiß nur: „Insgesamt sind es 34 Tafeln, drei haben wir schon rausgeholt.“ Die Tauchwände sorgen dafür, dass dickes Schwemmgut nicht in den Überlauf gerät.

Um die Bleche aus dem Becken zu bekommen, hilft nur, im Trüben zu fischen. Besser: zu tauchen. Das ist ein Fall für die Männer der Taucher Heros GmbH aus Hamburg. Die wiederum freilich einen vollen Terminkalender haben und nicht sofort anreisen können.

Am Dienstag treffen die Taucher ein. Einsatzleiter Jan Manzelmann, Signalmann Nico Gebhardt und Florian Trübel, der sich an diesem Tag den Taucheranzug überstreift, sind völlig entspannt.

Es ist eine ganz normale Arbeit für die Jungs. Die Wartung in Klärbecken, die Arbeiten in Talsperren, das Tauchen in Becken von Kühltürmen von Kraftwerken, selbst der Abstieg in Faultürme von Kläranlagen – es gibt fast nichts Wasserbefülltes, in das sie nicht steigen. Kürzlich standen Arbeiten in einem Hafenbecken an, Tauchgänge in der Elbe und in anderen Flüssen kommen öfter dazu. Am liebsten, das geben sie aber dann doch zu, steigen sie in Gewässer mit klarer Sicht. „Kürzlich waren wir im Tierpark Hagenbeck in Hamburg und haben die Scheiben der Kegelrobben-Anlage gereinigt. Cool, wenn die Tiere neugierig um dich rumschwimmen“, sagt einer der Männer.

Im Klärbecken in Elsterwerda kommt das, was sie tun müssen, so ein bisschen der Suche nach der Nadel im Heuhaufen gleich. Während der Taucher die längeren abgescherten Teile relativ schnell findet – „da unten siehst du nichts“ –  geht Zeit ins Land, bis auch die Kleinteile an die Oberfläche gebracht werden können.

Übrigens, mit Schwimmen ist da nichts! „Du bewegst Dich wie in Hündchenstellung vorwärts, tastest Meter für Meter ab“, sagt Florian Trübel und meint nichts anderes, als dass Stück für Stück der Schlamm durchwühlt wird. „In der Mitte kommst du am schwersten voran. Da ist der Schlamm am dicksten.“

Permanent wird Florian Trübel dabei von seinen Kollegen überwacht und am Luftschlauch mit Sicherungsseil geführt. Dabei hat er ständig Sprechkontakt zum Signalmann. Einer muss sich auf den anderen verlassen können und „Liebkosungen“ helfen mitunter.

Auf die Frage aus dem Schlamm: „Wo bin ich denn jetzt?“, entgegnet der Mann am Luftschlauch: „Du bist jetzt ganz dicht vor meiner Nase, Süßer.“ Spaß bei der Arbeit muss sein, steckst du – mit Verlaub – auch noch so tief in der Scheiße.

Am späten Nachmittag sind alle Teile geborgen. Doch mehr geht erst mal nicht. Die Flutungsklappen sollen am Mittwoch kontrolliert werden. WAV-Verbandsvorsteher Maik Hauptvogel ist froh, dass zumindest dieser Teil der Havariebeseitigung ordentlich lief. Die Räumbrücke solle, so das Ziel,  möglichst Mittwoch wieder anlaufen. Danach müsse das Klärwasser abgesenkt werden, um am Beckenrand  eine Rüstung einzuhängen und neue Tauchwände zu montieren.

Die Entsorgung der Bevölkerung ist nicht gefährdet. Mit dem Großeinleiter ODW Frischprodukte gäbe es Absprachen, um die Einleitmenge vorerst zu reduzieren.