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Wie viele Kulturtempel braucht der Kreis?

Der Landkreis Elbe-Elster ist reich an schönen Veranstaltungsorten. Sie kosten die Kommunen aber auch jede Menge Geld.
Der Landkreis Elbe-Elster ist reich an schönen Veranstaltungsorten. Sie kosten die Kommunen aber auch jede Menge Geld. FOTO: Schubert/lr
Elbe-Elster. Seit vier Jahren diskutiert Finsterwalde über den Bau einer Stadthalle für fast 11 Millionen Euro. Braucht die Stadt eine solche Halle, wo es doch eine Stadthalle im benachbarten Doberlug-Kirchhain, das Haus des Gastes in Falkenberg, das Bürgerzentrum in Herzberg und andere Kulturstätten gibt? Wie geht es diesen Häusern wirtschaftlich? Wie sind sie ausgelastet? Die RUNDSCJHAU hat nachgefragt. D. Babbe, B. Rudow, H. Lehmann, S. Kunze und F. Claus

Das Herzberger Bürgerzentrum (Kosten vier Millionen Euro) wurde 2014 für 216 Veranstaltungen genutzt, von Konzerten oder Lesungen, über Ausstellungen und Tagungen, Treffen von Vereinen bis hin zu privaten Feierlichkeiten. Insgesamt wurden 9810 Besucher gezählt. Dennoch ist und bleibt das Haus für die Stadt ein Zuschussgeschäft. Im Herzberger Haushalt waren im vergangenen Jahr 175 000 Euro für die Bewirtschaftung des Bürgerzentrums eingestellt. "Ein Großteil, fast die Hälfte, sind aber Abschreibungen", so Kämmerer Mathias Krüger. Benötigt hat die Stadt unter dem Strich 158 500 Euro. Über eine Entgeltordnung kommt auch etwas Geld in die Haushaltskasse zurück. "Das sind aber nur ein paar tausend Euro", erklärt der Kämmerer.

Die Stadthalle Doberlug-Kirchhain bietet ein Spektrum von Volksmusik- und Schlagerprogrammen über Puppentheater, Summer & Beats-Partys bis hin zu Silvesterpartys. "Aber auch der Politische Aschermittwoch der CDU, Nachtflohmärkte, Firmenbälle und -versammlungen sowie Abi-Bälle finden bei uns statt", sagt Wolfgang Pansow, Geschäftsführer der Wohnungsgesellschaft der Stadt Doberlug-Kirchhain. Die ist seit 1998 Eigentümer und betreibt die Stadthalle. Es habe Jahre gedauert, für Kulturveranstaltungen stabile Agenturen zu finden mit einem Gefühl für die Region. "Eintritts- und Künstlerpreise müssen hier nun mal moderat gehalten werden", so der Geschäftsführer. Etwa 20 Großveranstaltungen gibt es im Jahr - öffentlich und nichtöffentlich - mit bis zu 800 Besuchern, die aber selten erreicht werden. Pansow spricht dennoch von einer "guten Auslastung". Denn: Die klassische Mehrzweckhalle hat den Schul- und Vereinssport als wesentliche Standbeine. Zu den Kosten hält sich Pansow bedeckt. Er sagt: "Eine solche Halle wird immer ein Verlustgeschäft bleiben."

Im Haus des Gastes Falkenberg sieht die Finanzlage nicht besser aus. Trotz etwa 200 Veranstaltungen mit 30 000 Besuchern im Jahr bleibt das an sich gut ausgelastete Haus ein Zuschussgeschäft. Um die 100 000 Euro muss die Stadt als Träger jährlich berappen. Ist sie in den ersten Jahren noch recht häufig selbst als Anbieter von Veranstaltungen aufgetreten, hat sie sich inzwischen von derartigem Risiko weitgehend verabschiedet. Made in Falkenberg ist nur noch der Modeball. Den Rest überlässt man Agenturen und anderen Anbietern.

Das Kulturhaus in Plessa ist Eigentum der Gemeinde. Nach Abzug der Einnahmen für Veranstaltungen hat sie im Jahr 2013 das Haus mit insgesamt 22 901 Euro und 2014 mit 8281 Euro bezuschusst. Im vergangenen Jahr wurden 20 000 Besucher gezählt. Die Eigenanteile des Kulturvereins und weiterer Aktiver belaufen sich von 2008 bis heute für Sanierung und Betrieb auf etwa 500 000 Euro. Um das Haus energetisch und technisch auf den neuesten Stand zu bringen, sind etwas mehr als vier Millionen Euro nötig.

Das Gut Saathain ist Eigentum der Gemeinde Röderland. Ausstellungshalle und Festsaal sind an den Förderverein vermietet, der Veranstaltungen durchführt. Etwa 3200 Besucher werden pro Jahr gezählt. Die Gemeinde hat Unterhalt, Bewirtschaftung und Personal im Jahr 2014 mit knapp 40 000 Euro bezuschusst.

Das Bürgerhaus in Bad Liebenwerda ist ein Objekt der Sparkasse Elbe-Elster und ist als Nutzenstiftung für die Stadt und den Kreis errichtet worden. Die Kosten für Unterhalt und die 2013 etablierte Veranstaltungsreihe sind nach Angaben der Sparkasse zwar erheblich, seien aber der Beitrag für attraktive Kulturangebote zum Nutzen aller Einwohner des Landkreises.

In Finsterwalde kennt man die Situation anderer Städte mit Kulturhäusern. Und dennoch machen sich der Bürgermeister und die Mehrheit der Stadtverordneten für den Bau einer fast 11-Millionen Euro teuren Stadthalle mit 600 Sitz- und 1000 Stehplätzen, mit modernster Ausstattung und Bühnentechnik weiter stark. Und das, obwohl jährliche Betriebskosten von etwa 280 000 Euro errechnet wurden. "Jede Stadt und jede Region braucht eine Vision", macht sich Jürgen Habermann, der Architekt der geplanten Stadthalle, zum Sprecher der Stadt. Mit der Wiederbelebung des Industriedenkmals der Schaeferschen Tuchfabrik sei Finsterwalde in der Lage, "als Kulturstandort den Begriff der Sängerstadt als Marke zu etablieren".

Die Stadthalle werde nur gebaut, wenn mindestens die Hälfte der Bausumme an Fördergeld fließt, versichert Bürgermeister Jörg Gampe (CDU). Ihm sei "nicht bange davor, dass wir die Stadthalle füllen", erklärt das Stadtoberhaupt, obwohl auch Finsterwalde weiter Einwohner verliert. "Wir müssen die Hälfte der Besucher aus dem Umland reinholen", so Gampe. "Es geht unbestritten um viel Geld - aber wir haben eine stabile Kostenberechnung", erklärt der Stadtverordnete Rainer Genilke (CDU). "Auch ohne Stadthalle haben wir in zehn Jahren nicht mehr Geld, aber weniger an Lebensqualität für unsere Bewohner - und für die, die wir herholen wollen, wie Ärzte zum Beispiel."

Doch nicht alle in der Sängerstadt sehen das so. "Jetzt sind es 10,7 Millionen Euro - was kommt am Ende raus?", befürchtet Hannelore Elmer (SPD) ein "unkalkulierbares finanzielles Großprojekt" in einer schrumpfenden Region, wo viele Bewohner zudem zu wenig Geld hätten, um teure Eintrittskarten für die Stadthalle zu kaufen. Ihre Fraktion lehne es ab, "eine neue Investruine der Region zu produzieren". Die SPD hat ein Bürgerbegehren initiiert, bei dem sich fast 2200 Finsterwalder gegen den Bau einer Stadthalle ausgesprochen haben. Das Bürgerbegehren ist von der Stadtverwaltung und der Mehrheit der Stadtverordneten rechtlich für ungültig erklärt worden.