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Wie die Geschichte von Auguste wirklich endet

Tschüss, Auguste! Was heute noch fröhlich durch’n Gänsegarten watschelt, schmeckt bald schon köstlich mit Klößen und Rotkohl. Nein, die wahre Geschichte der Weihnachtsgans kennt kein Happy End. Denn anders als im DDR-Film steht fürs Otto-Normal-Federviech so kurz vorm zweiten Lichtlein nur noch eines bevor: Dingdong… der Ritterschlag zum Festtagsbraten. Und das könnte für die Geflügelschlachter der Hirschfelder Agrar GmbH noch in Stress ausarten. Schließlich will die Region so kurz vor Weihnachten mit nicht weniger als 650 frischen Augusten versorgt werden. Von Kai Dietrich

Rund 150 davon sind bereits, naja! Günther Weinert meint wohl Gänsehimmel, als seine kurze Kopfbewegung gen Wolken deutet. Dabei ist's auf dem kurzen Fußmarsch zum Geflügelstall in Plessa-Süd angebrachter, den Blick nach unten zu richten. Vor zwei Tagen erst sei hier eine Mistfuhre durch, da gelte es die Schritte vorsichtig zu setzen. Sagt der gummigestiefelte Hirschfelder, der bei der Agrar GmbH hauptsächlich für die Schweinemast zuständig ist und mit seinen 60 Lenzen lange nicht ans Aufhören denkt. Dann schlägt er vorsichtig die Flügel eines großen Holztores zurück. 500 Hälse recken sich da den unerwarteten Gästen entgegen. Kurz Ruhe, dann bricht ein betörendes Genaake und Geschnatter los. Dass die Tiere jetzt knapp sieben Monate alt und damit reif für die Bratröhre sind, muss man Bauer Weinert mehr oder weniger von den Lippen ablesen.
Im Juni, vor beinahe einem ganzen Weihnachtsgänseleben also, da waren die 650 Gössel in Kisten auf einem Lkw angeliefert worden. Jedes Tierchen kaum mehr als eine Hand voll goldgelber Flaumfedern, zeigt Günther Weinert mit seinen Arbeiterpranken. Das Ausgangsgewicht„ „Keine Ahnung. Ein Ferkel kommt mit 25 Kilo. Aber die Gänse“ Also beim besten Willen.“ Entscheidend sei schon eher, dass sie im Spätherbst auf ihre vier bis sechs Kilo kommen und nicht allzu viel Fett mit auf die Waage bringen. Gutes, mageres Fleisch, wie es die Festfeinschmecker aus der Region seit mehr als zehn Jahren an den Hirschfelder Gänsen schätzen, sei nur mit artgerechter Mast zu erzielen. Da sei einerseits das Futter. Weinert geht um die Ecke und greift in einen Haufen duftenden Schrotes. „Alles eigener Anbau. Gerste, Weizen, Triticale. Dazu ein Mineralstoffgemisch für das Wachstum.“ Weiterhin müsse immer für klares Wasser und genügend Auslauf gesorgt werden. Wie zum Beweis stapft der lange Schlacks mitten durch die schnatternde Meute und scheucht die gefiederten Gefährten in Richtung Tageslicht. Drei Hektar Tummelplatz stehen den Weidegänsen rund um die alte Schweinemastanlage zur Verfügung, da sei über Monate genügend Bewegung und viel frisches Grün gewährleistet.
Während Günther Weinert ( „Aber nicht, dass ich nach dem Artikel überall der Gänsehirt bin“ ) die 500 endgültig verdutzten Wackelhintern mit Schippe und Besen zurück gen Herberge treibt, kündigt er für die nächsten beiden Wochen das Ende des Gezeters am Rande der Plessaer Siedlung an. Nach und nach werden die Gänse abgeholt und - arme Auguste - zur Schlachterei nach Hirschfeld geschaukelt. Hand aufs Herz: Darf da nicht ein bisschen Mitleid erlaubt sein? „Wer das hat, ist verkehrt im Beruf des Landwirtes.“ Weinert wirft noch einen Blick in den Stall, 1000 Augen gucken fragend zurück. Dann klappt das Holztor zu.
Und so endet die Geschichte der echten Auguste, wie es Geflügelfleischer Mike Rach (40) aus Großthiemig wohl einfühlsamer nicht zu umschreiben weiß: „Zur Betäubung eins auf'n Kopp. Kurz und schmerzlos.“ Nach einem professionellen Schnitt blutet das Geflügel aus, wird bei 90 Grad abgebrüht und in einer speziellen Schleuder von den Federn befreit. Anschließend muss die Weihnachtsgans geputzt und getrocknet werden, ehe eine Flamme auch die letzten Stoppeln von der Pelle sengt. Nochmals gesäubert und der Innereien entledigt, sollte der Nackedei einen Tag lang bei minus vier Grad abhängen, ehe er u.a. in die sechs Verkaufsstellen des Hirschfelder Betriebes ausgeliefert und für 8,50 Euro je Kilo verkauft wird. Das ist die ganze Wahrheit!
Und die lassen sich Jahr für Jahr gans - pardon - ganz viele Leute im Schraden und darüber hinaus so richtig schmecken. Auguste und ihre Schwestern gelten nach wie vor als beliebtester Festbraten in der Region. 650 proppere Exemplare gehen da auch dieses Jahr locker an weitsichtige Vorbesteller raus.