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| 16:07 Uhr

Nach Jahrzehnten Kunstdieben auf den Fersen
Heiße Spur zum Kirchenraub von Gröden

Der unvollständige Altar der Grödener Kirche. Die umfangreichen Recherchen  des Historikers Dr. Sebastian Rick nach vier wertvollen Holzplastiken führten ihn zu einem Auktionskatalog und zur Anna selbdritt.
Der unvollständige Altar der Grödener Kirche. Die umfangreichen Recherchen  des Historikers Dr. Sebastian Rick nach vier wertvollen Holzplastiken führten ihn zu einem Auktionskatalog und zur Anna selbdritt. FOTO: Katja Rick
Gröden. Hinter dem Diebstahl aus der evangelischen Kirche in Gröden könnte der Ex-Bühnenbildner von Bertolt Brecht stecken, hat der Historiker Dr. Sebastian Rick recherchiert. Von Dr. Sebastian Rick*

Es war einer der größten Kulturgutverluste im Elbe-Elster-Kreis, als im Jahr 1960 vier spätgotische Holzplastiken aus dem Besitz der Evangelischen Kirchengemeinde Gröden entwendet wurden. Heute kann der Wert für alle vier Figuren auf etwa 30 000 bis 50 000 Euro geschätzt werden.

Was war passiert? 1960 klopften zwei Männer an die Tür des Pfarrhauses in Gröden. Dabei handelte es sich höchstwahrscheinlich um Hainer Hill, den Bühnenbildner von Bertolt Brecht (1898 bis 1956), und eine Person, die sich als Museumsdirektor der Moritzburg vorstellte.

Beide gaben vor, die vier Plastiken (eine Anna selbdritt, ein Heiliger St. Christopherus, ein Heiliger St. Georg und ein Heiliger St. Sebastian) für wissenschaftliche Zwecke erwerben zu wollen. Leichtgläubig vertraute ihnen der damalige Grödener Pfarrer Heinrich Edler die Holzplastiken an. Die wertvollen Schnitzwerke kamen aber weder im Schloss Moritzburg noch im Kunstmuseum in der Moritzburg in Halle an. Seitdem fehlte jede Spur.

Anna selbdritt (Heilige Anna) mit Tochter Maria und Jesuskind. Die Figurengruppe wurde 2002 versteigert.
Anna selbdritt (Heilige Anna) mit Tochter Maria und Jesuskind. Die Figurengruppe wurde 2002 versteigert. FOTO: Landesamt für Denkmalpflege Sac / Landesamt für Denkmalpflege Sach

Dabei hatten die vier Figuren bereits eine bewegte Geschichte hinter sich. Sie waren um 1520 vermutlich in der Großenhainer Schnitzwerkstatt von Pankratius Grueber entstanden und sind Teile der drei Grödener Schnitzaltäre gewesen.

Nach der Reformation und der Umgestaltung des Kircheninneren im Barock waren die spätgotischen Schnitzaltäre aus der Mode gekommen, aus dem Kircheninneren verbannt und auch in Gröden sorglos auf dem Kirchenboden ausgelagert.

Erst im Jahr 1925, bei der Besichtigung des sehr schwer zugänglichen Kirchendaches, entdeckte der kunstsinnige frühere Grödener Pfarrer Burgstaller zusammen mit dem im Ort lebenden Kunstmaler Hans Nadler die Altarreste wieder. Die Fundstücke wurden in das Provinzialdenkmalamt nach Halle gebracht und restauriert. Darunter befanden sich neben dem seit 1929 wieder im Grödener Kirchenchor befindlichen Altarmittelteil auch die vier später entwendeten Figuren.

Gestohlen: Heiliger St. Georg.
Gestohlen: Heiliger St. Georg. FOTO: Landesamt für Denkmalpflege Sac / Landesamt für Denkmalpflege Sach

Zum großen Glück für die Grödener Kirchengemeinde wurden während der Restaurierung vom Provinzialkonservator Hermann Giesau Fotografien der Schnitzwerke angefertigt, die heute als Eigentumsnachweis bei der Suche nach den verlorenen Plastiken unverzichtbar sind. Nach der Restaurierung wurden die vier Figuren 1938 kurz vor Kriegsbeginn wieder von Halle zurück nach Gröden gebracht, wo sie schließlich 1960 entwendet wurden.

Höchstwahrscheinlich gelangten die Schnitzwerke mit Hainer Hill noch vor dem Bau der Mauer 1961 nach Westdeutschland. Hill arbeitete zwar im Berliner Ensemble in Ost-Berlin, wohnte aber im Westteil der Stadt. Als die Mauer gebaut wurde, entschied er sich, nach Karlsruhe zu gehen, wo er weiter als anerkannter Bühnenbildner arbeitete. Er verstarb dort im Jahr 2001.

Nach umfassender Recherche nach den verlorenen Figuren gelang es dem Autor dieses Beitrages, zumindest eine Spur von der Anna selbdritt, der mit Abstand schönsten Figur der vier Plastiken, zu finden. Demnach wurde die Anna selbdritt am 20. September 2002 im Stuttgarter Auktionshaus Nagel unter der Katalognummer 1103 für das Gebot von 13 000 Euro versteigert.

Spurlos verschwunden: Heiliger St. Christopherus.
Spurlos verschwunden: Heiliger St. Christopherus. FOTO: Landesamt für Denkmalpflege Sac / Landesamt für Denkmalpflege Sach

In dem Katalog gab das Auktionshaus an, dass die Anna selbdritt aus altem hessischem Besitz stamme. Auch zeigt das Foto im Katalog, dass die Anna selbdritt seit dem Diebstahl umfassend restauriert und fehlende kleinere Stücke ergänzt wurden.

In der Hoffnung, die Anna selbdritt zurückerhalten zu können, wandte sich die Kirchengemeinde nach der Entdeckung an eine auf Kunstrecht spezialisierte Berliner Anwaltskanzlei. Diese nahm jetzt Kontakt zum Auktionshaus Nagel in Stuttgart auf und bat um Vermittlung zum Käufer aus dem Jahr 2002. Das Auktionshaus teilte allerdings nur kurz mit, dass in der Firma keine Unterlagen über Käufer vor 2007 mehr vorhanden wären und diese daher nicht helfen könne.


Unauffindbar: Heiliger St. Sebastian.
Unauffindbar: Heiliger St. Sebastian. FOTO: Landesamt für Denkmalpflege Sac / Landesamt für Denkmalpflege Sach

Da das deutsche Recht in diesem Fall, unter anderem aufgrund der langen Zeit seit dem Diebstahl, keine strafrechtlichen Sanktionsmöglichkeiten vorsieht, bleibt der Kirchengemeinde nur noch die Hoffnung, dass bei einer späteren Kunstauktion die verlorenen Stücke wieder auftauchen.

Um darüber einen Überblick zu behalten, meldete die Kirchengemeinde Gröden die vier Schnitzfiguren im Londoner Art Lost Register an. In diesem Register werden alle weltweit als gestohlen oder vermisst gemeldeten Kunstwerke aufgeführt.

Die Mitarbeiter dieses Registers kontrollieren unablässig alle einschlägigen Kunstkataloge und informieren die Geschädigten bei einem Fund unverzüglich.

In diesem Fall wäre es möglich, mit dem Verkäufer in Kontakt zu treten und gegebenenfalls eine der verlorenen Figuren doch noch zurückerhalten zu können. In der neu restaurierten Grödener Kirche wäre dafür genügend Platz.


*Vorsitzender des Gemeindekirchenrates Gröden und promovierter Historiker