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Pflege
Wer pflegt meine Mutti?

Eva Maria Pietzsch kann es kaum erwarten, ihre geliebte Mutter Elisabeth Henschel nach Hause zu holen. Alles ist für die rund um die Uhr zu pflegende Oma vorbereitet. Jedoch fehlt noch etwas ganz Entscheidendes: das Pflegepersonal. Und dieses Problem macht der besorgten Tochter sehr zu schaffen.
Eva Maria Pietzsch kann es kaum erwarten, ihre geliebte Mutter Elisabeth Henschel nach Hause zu holen. Alles ist für die rund um die Uhr zu pflegende Oma vorbereitet. Jedoch fehlt noch etwas ganz Entscheidendes: das Pflegepersonal. Und dieses Problem macht der besorgten Tochter sehr zu schaffen. FOTO: Sebastian Schultz
Wülknitz. Eine Frau aus Lichtensee möchte den Wunsch ihrer Mutter erfüllen. Doch bei einem Problem stößt sie an ihre Grenzen. Ein Lichtblick kommt aus Herzberg. Von Kathrin Schade

Eva Maria Pietzsch hat nur einen Wunsch: „Ich möchte, dass meine Mutter ihren Lebensabend bei uns zu Hause verbringen kann.“ Denn die 92-Jährige in einem Heim zu wissen, das tut sehr weh, sagt die besorgte Tochter. „Bei den fast täglichen Besuchen fleht mich Mutti stets an, sie doch wieder mit nach Hause zu nehmen. Das zerreißt mir das Herz“, so die Lichtenseerin.

Sie weiß natürlich um die Probleme der Pflege: Personalmangel, schlechte Bezahlung, familienunfreundliche Arbeitszeiten, zu wenig Anerkennung für den schweren Job. Aber dass es so schwer werden würde, für die häusliche Intensivpflege ihrer Mutter Fachpersonal zu bekommen, damit hatte Eva Maria Pietzsch nicht gerechnet.

Durch eine OP im Juli hatte sich die Situation sowohl für die pflegebedürftige Mutter als auch für die gesamte Familie schlagartig geändert. Die Seniorin hatte Wasser in der Lunge, bekam schlecht Luft, konnte nicht mehr schlucken. Ihr wurde im Riesaer Krankenhaus nach einem Noteingriff eine Trachealkanüle eingesetzt, die das Atmen ermöglicht. „Doch keiner in der Klinik hatte uns damals darüber aufgeklärt, dass die Mutter dadurch eine 24-Stunden-Fachkraftpflege benötigt“, sagt Eva Maria Pietzsch. Erst am Entlassungstag sei das beiläufig erwähnt worden. „Ich war so unwissend, so blauäugig, war der Meinung, dass die Betreuung bei uns zu Hause durch den Pflegedienst weiter erfolgen kann wie vor dem Eingriff“, gesteht die 58-Jährige. „Für mich brach eine Welt zusammen.“

Glücklicherweise klappte es mit einem Übergangsplatz in einer Intensivpflege-WG in Elsterwerda. Doch dort wartet bereits der nächste Patient auf das Bett. Man habe die Mutter nur vorübergehend aufgenommen und drängt nun, den Platz zu räumen – bis Dezember.

„Ich bin fix und fertig und habe das Gefühl, dass ich meiner Mutter nicht schnell genug helfe“, sagt Eva Maria Pietzsch mit Tränen in den Augen. Dabei kämpft sie doch seit Juli darum, den Willen ihrer Mutter zu erfüllen. So baute die Familie ein Nebengebäude auf dem großen Hof in Lichtensee zu einer modernen Wohnung um. Stolz zeigt Eva Maria Pietzsch die kleine Küche, das Bad mit Dusche und WC – alles barrierefrei. Ebenso den neu möblierten Wohnraum. Einzig die fast hundert Puppen auf den Regalen und Schränken dürften bereits Jahrzehnte alt sein. „Mutti liebt Puppen. Das ist ihre Sammlung“, so Pietzsch.

Doch der Umbau sei das geringste Problem gewesen. Weitaus wichtiger war die Suche nach einem Unternehmen, das die Tag- und Nachtpflege der Mutter übernimmt. Auch hier habe sie allein dagestanden, ohne Hilfe, ohne Beratung. „Meine Tochter und ich haben alles selbst ,ergoogelt‘, und das oft Nächte lang – aber schließlich mit Erfolg“, sagt sie. Seit August sei sie nun ständig in Kontakt mit der M&M Intensivpflegedienst GmbH in Herzberg. Ein Lichtblick, wie sie selbst sagt. Wenn auch nur ein kleiner. Denn, so Geschäftsführer Matthias Kadolowski: „Auch wir können kein Fachpersonal hervorzaubern.“ Deshalb müssten Hilfesuchende wie Frau Pietzsch oft bis zu drei Monate warten, bis ein geeignetes, qualifiziertes Team die häusliche Pflege übernehmen kann. Es sei in der Gesundheitspolitik regelrecht versäumt worden, Pflegekräfte auszubilden. Und auch jetzt tue man nach wie vor nichts, um die Pflegeberufe attraktiver zu machen, so der Geschäftsmann. „Viele wissen gar nicht, was es heißt, bei uns in der Intensivpflege zu arbeiten. Dabei ist es eigentlich das schönste Arbeiten für eine Krankenschwester oder einen Pfleger, das es gibt“, ist sich Matthias Kadolowski sicher. „Jeder Mitarbeiter hat nur einen Patienten, um den er sich ganz individuell kümmern kann. Was bedeutet, dass die Klienten bei uns ausschlafen, ganz in Ruhe die Körperpflege erledigen können. Essen oder spazieren gehen, wenn sie möchten. Und das alles in gewohnter Umgebung.“ Seine Angestellten arbeiten im Zwei- oder Drei-Schichtsystem. Das hänge stets davon ab, wie schnell man ein Team zusammenbekommt. „Ideal sind fünf Pflegekräfte, damit es für alle wohlwollend funktioniert“, sagt Kadolowski. „Im Fall von Frau Pietzsch ist es in der Tat so, dass wir dringend noch zwei Fachkräfte für das Team benötigen. Interessenten können sich jederzeit bewerben.“

Dass sich viele melden und dies schnell, darauf hofft nun Eva Maria Pietzsch. Damit bald ihr Herzenswunsch, aber vor allem der ihrer Mutter sich erfüllt. „Da wir die Mutti selbst auch gepflegt haben, wissen wir die Arbeit sehr zu schätzen und haben größte Hochachtung vor dem Personal“, betont sie. Deshalb wolle man es den Schwestern so angenehm wie möglich machen. Sie bekommen beispielsweise das Essen kostenfrei. Ebenso freies WLAN und ein Tablet – für etwas Ablenkung. Sie haben ihre eigene Schlafcouch und können über die Beschäftigung mit der Mutter selbst entscheiden.