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Wenn wir nur Bahnhof verstehen

Die vielen Anglizismen im Alltag nerven nicht nur die älteren Mitbürger. Erhard Galle ist ein Freund der deutschen Sprache.
Die vielen Anglizismen im Alltag nerven nicht nur die älteren Mitbürger. Erhard Galle ist ein Freund der deutschen Sprache. FOTO: Manfred Feller/Montage: S. Schubert
Elsterwerda. Werden in der "hair factory" Haare hergestellt oder handelt es sich doch um einen Friseur? Muss ich einen "Backshop" rückwärtig ("back") durch die Hintertür betreten, um ein Brot zu kaufen? Und müssen Kinder im "kids corner" während des Einkaufs der Mutti in der Ecke stehen? Geschäftsinhaber treiben es oft sehr bunt, um modern daherzukommen und die Kundschaft angeblich zeitgemäß anzusprechen. Ältere Herrschaften wie Erhard Galle aus Elsterwerda, die nie Englischunterricht hatten, verstehen dann nur Bahnhof. Manfred Feller

"Wir haben eine schöne Sprache, mit der man alles ausdrücken kann", sagt der 78-jährige Stadtchronist. "Ich beobachte seit einiger Zeit, wie die deutsche Sprache immer mehr verwässert wird."

Natürlich verstehe er die jüngeren Generationen, die aufgrund der Technikentwicklung mit dem Englischen fast als Zweitsprache aufwachsen. Doch man sollte es im Alltag nicht übertreiben, meint er.

Der aktuellste Duden mit rund 5000 neuen Stichwörtern hat viele Wortschöpfungen der vergangenen Jahre aufgenommen. Manche erschließen sich sofort, wie Flüchtlingskrise, postfaktisch und Brexit. Andere kennt man, wie Selfie und Tablet. Social Bot schon weit weniger. Und zu Work-Life-Balance könnte man ebenso sagen: Es gibt auch ein Leben nach der Arbeit.

In Cottbus arbeitet eine Regionalgruppe des Vereins Deutsche Sprache. Diese überreicht Geschäftsinhabern und Dienstleistern Anerkennungsurkunden, wenn für den Firmennamen die Muttersprache gewählt wird und dieser noch dazu originell ist. In der Hansestadt Rostock wird sogar ein mit 1000 Euro dotierter Preis für "Gutes Deutsch" verliehen.

Zuerst ins Auge fallen im Straßenbild Geschäfts- und Firmenbezeichnungen und deren Außenwerbung. "Früher wusste jeder, wer was anbietet", bemerkt Erhard Galle - weil der Name des Inhabers an der Hauswand prangte. In den Städten und Dörfern in Elbe-Elster hat sich dies vielfach erhalten, auch wenn in den Geschäftsräumen dahinter längst andere Waren und Dienstleistungen angeboten werden. Familie Galle hatte einst vier Geschäfte in Elsterwerda: das Modehaus, die Herrenartikel, das Gardinengeschäft und das Wollhaus. Stets stand der Name dahinter. Für jeden war ersichtlich, was von wem verkauft wird.

Beim Rundgang durch Elsterwerda und Bad Liebenwerda sind englische Begriffe eher selten. Dass es bei Holiday um Reisen geht, dürften 99,9 Prozent der Menschen verstehen. Warum das unsinnige Wort "sale" Einzug gehalten hat, wissen höchstens die Werbestrategen. Die meisten Geschäfte halten sich zum Glück an "Schlussverkauf" und "reduziert".

"Als im Juli in Elsterwerda-Ost ein neues Geschäft mit dem Namen black.de eröffnet hat, war das für uns Ältere zunächst ominös. Ist das ein Schwarzhandel?", fragt Erhard Galle.

Das Rentnerehepaar Ellen und Gerhard George aus Hohenleipisch, dass nach Elsterwerda zum Shoppen, sorry, äh, Verzeihung, zum Einkaufen gekommen ist, ist von den englischen Begriffen zunehmend genervt. "Die sprechen wohl nur junge Leute an", meint sie zu Geschäften, die es mit fremdsprachigen Bezeichnungen übertreiben. Ältere machen einen Bogen, wenn sie nicht wissen, was angeboten wird. So einfach sei das.

Dabei gibt es jede Menge preisverdächtige Geschäftsnamen. "Frauenzimmer" und "Mann oh Mann" stehen für Bekleidungsgeschäfte, "essenszeit" ist auch klar, und bei "Schubidu" gibt es was für die Füße, um nur einige Beispiele aus Elsterwerda zu nennen. Ansonsten heißt der Fleischer Fleischer und der Optiker Optiker.

In Bad Liebenwerda reicht ein Spaziergang durch das Zentrum. Dort geht es teilweise kreativ zu. Es gibt die "Modestube", "der Kräuterhof", "Blumenzauber Dornröschen" und den "SchokoLaden". Aber auch "time fire", "Jeans Point" und "Cheeky Style".