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Wenn die verletzte Seele schreit

Im Landkreis Elbe-Elster sind vor allem Frauen in der Notfallseelsorge und Krisenintervention ehrenamtlich tätig. Im Bild von links: Imke Jonas aus Hillmersdorf, Josefine Beeg aus Bad Liebenwerda sowie Pfarrerin und Teamleiterin Kerstin Höpner-Miech aus Mühlberg.
Im Landkreis Elbe-Elster sind vor allem Frauen in der Notfallseelsorge und Krisenintervention ehrenamtlich tätig. Im Bild von links: Imke Jonas aus Hillmersdorf, Josefine Beeg aus Bad Liebenwerda sowie Pfarrerin und Teamleiterin Kerstin Höpner-Miech aus Mühlberg. FOTO: Manfred Feller
Bad Liebenwerda. Die Notfallseelsorge im Landkreis Elbe-Elster gibt es seit 15 Jahren. Drei Frauen sprechen über ihre Motive für dieses verantwortungsvolle Ehrenamt und wie sie das Erlebte verarbeiten. Manfred Feller

Wenn ein Notfallseelsorger vor der Tür steht, dann hat das nichts Gutes zu bedeuten. Denn er überbringt eine schlechte Nachricht. Manche nennen sie auch die Todesengel, weil sie den Angehörigen im schlimmsten Fall mitteilen, dass ein ihnen nahestehender Mensch ums Leben gekommen ist.

Etwa 50-mal im Jahr werden die Notfallseelsorger gerufen. Acht Ehrenamtliche, die Tag und Nacht bereit sein müssen, leisten diese Arbeit. Darunter sind sechs Frauen. Sie sind Pfarrer oder kommen aus sozialen Berufen. Die Notfallseelsorge im Landkreis Elbe-Elster besteht jetzt 15 Jahre. Aus diesem Anlass wird am Sonntag um 14 Uhr in der Marienkirche in Herzberg ein Gottesdienst gefeiert.

Es sind nicht selten einschneidende Erlebnisse, die die Frauen und Männer zur Notfallseelsorge geführt haben. Bei Pfarrerin Kerstin Höpner-Miech aus Mühlberg war es ein schwerer Verkehrsunfall vor etwa 16 Jahren. Dabei sind junge Menschen ums Leben gekommen. "Ich weiß nicht, wer da war, ob Mann oder Frau, aber ich war in jener Nacht nicht allein", sagte später eine Mutter.

Von diesem schweren Schicksal hatte die Pfarrerin von einer Notfallseelsorgerin erfahren. Sie ließ sich daraufhin selbst ausbilden. Dies geschieht binnen einer Woche in der Landesrettungsschule in Bad Saarow und dann in regelmäßigen Fortbildungen.

"Mit verletzten Seelen der Menschen muss man sorgsam umgehen", weiß die Teamleiterin Notfallseelsorge/Krisenintervention im Landkreis. Als Pfarrerin spende sie zwei, drei Tage nach einem Ereignis den Angehörigen Trost und Beistand. Doch die Seelsorger sind sofort da. Diese trifft die ganze Härte des seelischen Leids.

Josefin Beeg sieht es gar als ihre Berufung an. Sie hatte davon gelesen und sich in Bad Liebenwerda an den Pfarrer gewandt. "Ich hatte den dringenden Wunsch zu helfen", sagt sie. Auf den ersten, den oberflächlichen Blick würde man dies der mit knallroten Haaren und Piercings ausgeflippt daherkommenden 53-Jährigen gar nicht zutrauen. Doch mittlerweile hilft sie anderen Menschen seit acht Jahren zum "Weiterleben nach und mit der Not".

Die gelernte Konditorin arbeitet nicht nur im Familienunternehmen mit Café und Konditorei, sondern ist auch autodidaktische Künstlerin und Heilerin nach den Richtlinien des Dachverbandes geistiges Heilen. "Zum Leben gehört der Tod. Und wenn man verloren ist, sucht man nach Halt", hat sie diesen schon vielen Menschen gegeben.

Die gelernte Krankenschwester Imke Jonas aus Hillmersdorf ist vor neun Jahren zu den Ehrenamtlichen gestoßen. "Ich bin zufällig zu einem Unfall gekommen und habe mich gefragt, wer geht zu den Angehörigen und überbringt die Nachricht?", so die 51-Jährige. Der Zufall wollte es so: Kurz darauf wurde sie als Hospizkoordinatorin von den Notfallseelsorgern zu einem Gespräch über ihre Arbeit eingeladen. "Seitdem hat mich das Thema nie wieder losgelassen", versichert sie.

Ob bei einem Verkehrs- oder Arbeitsunfall, nach einem vollendeten oder versuchten Suizid, beim Amokalarm an einer Schule oder bei Naturkatastrophen, wenn Menschen ihr Hab und Gut verlieren, und Betroffene und/oder Rettungskräfte Beistand brauchen - die Notfallseelsorger müssen stets die richtigen Worte finden. Und wer kümmert sich um sie? "Es gibt Einsätze, die uns nicht loslassen, über Jahre begleiten, weil sie uns emotional fesseln", weiß Kerstin Höpner-Miech aus Erfahrung.

Jeder findet seinen Weg, um das Geschehene zu verarbeiten. Die Seelsorger suchen untereinander das Gespräch. Dreimal im Jahr und bei Bedarf kommt ein externer Gesprächspartner (Supervisor). "Ich habe mein eigenes Ritual", sagt Josefin Beeg: das Protokoll schreiben, wenn das Erlebte extrem war, ein Glas Sekt, duschen, die Sachen in die Maschine und reden mit Kolleginnen. Verarbeiten, nicht verdrängen heißt die Devise. Zudem sei die eigene Familie für alle die wichtigste Stütze.

Nach all dem Erlebten sehen die Notfallseelsorger das Leben ganz anders. "Die Leute nörgeln zu viel im Alltag. Sie sollten zufriedener sein, weniger materialistisch denken. Denn alles kann sich schlagartig ändern", sagt Josefin Beeg.

Zum Thema:
Wer sich für die Notfallseelsorge interessiert, der sollte mindestens 26 Jahre und teamfähig sein, die notwendige innere Stabilität mitbringen, einen Führerschein und Auto besitzen sowie bereit sein, Tag und Nacht gerufen zu werden.Kontakt zur Notfallseelsorge: Pfarrerin Kerstin Höpner-Miech in Mühlberg/Elbe, Telefon 035342 566 Spenden an den Kirchenkreis Bad Liebenwerda. IBAN: DE89 1805 1000 3300 1041 99BIC: WELADED1EES, Zahlungsgrund: Notfallseelsorge

Auf der B 169 Plessa - Lauchhammer haben sich immer wieder schwere Verkehrsunfälle ereignet. Nicht selten werden dann die Notfallseelsorger gerufen, um vor allem mit Angehörigen zu sprechen.
Auf der B 169 Plessa - Lauchhammer haben sich immer wieder schwere Verkehrsunfälle ereignet. Nicht selten werden dann die Notfallseelsorger gerufen, um vor allem mit Angehörigen zu sprechen. FOTO: Sattler