Seit Dezember 2001 ist auch im Elbe- Elster-Kreis ein solches Team im Einsatz. Es verfügt über 16 Mitglieder, die aus allen drei ehemaligen Altkreisen stammen. Sie wurden für ihre Aufgabe geschult, haben eine Ausbildung in Bad Saarow und Eisenhüttenstadt absolviert und nehmen regelmäßig an Weiterbildungen teil. Ein Dienstplan regelt die Einsatzzeiten der ehrenamtlichen Helfer, so dass jeder von ihnen jeweils eine Woche im Vierteljahr für den Ernstfall eingeteilt ist. Dienstherr ist das kreisliche Ordnungsamt in Herzberg.
„Notfallseelsorge heißt erste Hilfe für die Seele“ , sagt Ute Petersen aus Elsterwerda und will gleich mit einem Missverständnis aufräumen. Manche lehnen das Hilfsangebot mit dem Hinweis ab, dass sie nichts mit der Kirche am Hut hätten. Doch genau darum gehe es nicht. „Die Notfallseelsorge ist ein konfessionsfreies Angebot für jeden Menschen, der diese Hilfe braucht“ , erklärt Ute Petersen. „Man nennt es auch Krisenintervention oder psychosoziale Ersthilfe.“ Zum Team der Helfer in der Krise gehören sowohl kirchliche Mitarbeiter als auch Personen, die aus sozialen Bereichen kommen.
Bei der Anforderung der Notfallseelsorger sind bestimmte Wege einzuhalten. Diese werden grundsätzlich über die Leitstelle angefordert, von Notärzten, der Feuerwehr oder der Polizei. Auch Privatpersonen können die Ehrenamtlichen rufen. Aber eben nur über die Notrufnummer 112. Das habe zum einen versicherungstechnische Gründe, zum anderen sollen die Hilfskräfte nur im Notfall gerufen werden. „Wir verstehen uns nicht als Therapeuten oder Psychologen, die eine Person über einen längeren Zeitraum begleiten können. Das können und dürfen wir nicht leisten.“
Es gibt Momente, die verändern das Leben schlagartig. Da steht plötzlich die Polizei vor der Haustür und muss der Ehefrau die Nachricht vom Unfalltod ihres Mannes überbringen. Bei den Hinterbliebenen entsteht in solchen Momenten ein Gefühl der Ohnmacht, Leere, Hilflosigkeit, Panik. An dieser Stelle beginnt die Arbeit der Notfallseelsorger. „Es ist wichtig, dass wir erst einmal zuhören, die Emotionen aushalten, auch gemeinsam mit der Familie schweigen können und mit ihr ein Stück weit durch den dunklen Tunnel gehen“ , sagt die Leiterin des Familienzentrums. Dazu gehört auch, dass die Helfer Fragen zum Unglückshergang beantworten können. Die Betroffenen seien oft so ohnmächtig, dass sie nur Bruchstücke von der Schilderung des Unfall aufnehmen. „Manchmal kullern einem aufgrund der Tragik selbst die Tränen“ , sagt Ute Petersen. „Aber ich fasse mich auch relativ schnell wieder. Ich denke, das steht uns als Mensch auch zu.“ Vor allem nachts fahren die Notfallseelsorger meist zu zweit zum Einsatzort - aus Sicherheitsgründen und weil die Dunkelheit die Dramatik des Geschehens noch verstärkt.
Wichtig beim Einsatz sei das theoretische Wissen. „Wir wissen, wie Menschen in Extremsituationen reagieren. Dabei achten wir darauf, ob das Verhalten noch im Normbereich liegt oder ob zusätzlich ärztliche Hilfe notwenig ist.“ Bei Suizidversuchen versuchen sie, den Betroffenen davon abzuhalten sich das Leben zu nehmen, indem sie mit ihm nach neuen Lebenszielen suchen und weitere Hilfsangebote machen. Wichtig sei dabei, nichts zu versprechen, was nicht gehalten werden kann.
Jährlich ist das Notfallseelsorgeteam zwischen 40 und 50 Mal im Einsatz - zuletzt bei dem tragischen Unfalltod des jungen Mannes in Staupitz, der beim Zünden einer Silvesterrakete am Straßenrand überfahren wurde. Die Bilder der Tragödien hat Ute Petersen nach einem Einsatz noch lange im Gedächtnis - wie der Selbstmord eines Jugendlichen, der sich in den Tod gestürzt hatte. Ganz besonders berührt hat sie auch der Tod des jungen Mopedfahrers in diesem Sommer in Elsterwerda. Sie kennt die Familie. „Der Zugang zu den Angehörigen ist zwar leichter, aber die eigenen Emotionen sind ganz andere. Das sind Bilder, die kann ich nicht einfach wegschieben.“
Wie lösen sich die Notfallseelsorger von den schrecklichen Bildern? „Wir können im Team über unsere Gefühle sprechen und wir nehmen an Supervisionen und Weiterbildungen teil, wo wir auch anonym über Einsätze sprechen“ , sagt Ute Petersen. „Es sind ja nicht nur die Situationen, die wir erlebt haben, wir stellen uns auch die Frage, ob wir der Familie ausreichend helfen konnten.“ Das richtig einzuschätzen sei schwierig, da der Notfallseelsorger nach dem Einsatz meist keinen Kontakt mehr zu den Angehörigen hat.
Die Reaktion der Betroffenen auf die furchtbare Nachricht ist unterschiedlich. Manch einer hat ein großes Redebedürfnis, ein anderer weint, manche schreien, wenige reagieren mit einem Wutausbruch. Die Aufgabe des Krisenmanagers ist es, in der Lage zu sein, auf jede Situation angemessen zu reagieren. Für die Betroffenen sei es hilfreich, wenn sie ihren Gefühlen freien Lauf lassen. Und da ist auch die Angst, irgendwann zu einem Suizidanten gerufen zu werden, den sie nicht von seinem Vorhaben abhalten können.
Der Einsatz der Seelsorger soll nicht nur den betroffenen Familien helfen. Vielmehr sollen auch die Rettungskräfte entlastet werden, damit sie sich gezielt auf ihre eigentliche Arbeit konzentrieren können. „Die Zusammenarbeit funktioniert sehr gut“ , sagt Ute Petersen - und dies nicht nur bei einem familiären Unglück, sondern auch bei Großeinsätzen. So wären die Notfallseelsorger auch für den Fall gewappnet gewesen, wenn Urlauber aus der Region nicht mehr aus den Flutgebieten in Asien zurückgekehrt wären.
Den Prozess der Trauerbewältigung, der sich anschließt, können die Notfallseelsorger nicht mehr begleiten. Wer Hilfe braucht, findet Unterstützung in einer Selbsthilfegruppe oder kann psychologische Hilfe in Anspruch nehmen.

Service Den Schmerz lindern
 Das Team der Notfallseelsorge im Elbe-Elster-Kreis arbeitet seit Dezember 2001.
16 Männer und Frauen stehen den Angehörigen bei, wenn die Polizei ihnen die schreckliche Nachricht vom Tod eines Familienmitgliedes offenbart. Ihre Aufgabe ist es auch, einen angedrohten Selbstmord zu verhindern.
Die Notfallseelsorger werden von Polizei, Notarzt und Feuerwehr angefordert. Auch Privatleute können über die Leitstelle, Tel. 112, einen Seelsorger rufen.