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| 18:58 Uhr

Bad Liebenwerdaer Modellprojekt
Wenn Arbeiten bei der Entwöhnung hilft

Kooperationspartner aus Suchtberatungsstellen, Krankenhäusern und Gesundheitsämtern haben sich nach dem Symposium in Betrieben umgeschaut, in denen Abhängigkeitskranke in der letzten Phase der Rehabilitation wieder mit der beruflichen Realität konfrontiert werden – hier im Wonnemar.
Kooperationspartner aus Suchtberatungsstellen, Krankenhäusern und Gesundheitsämtern haben sich nach dem Symposium in Betrieben umgeschaut, in denen Abhängigkeitskranke in der letzten Phase der Rehabilitation wieder mit der beruflichen Realität konfrontiert werden – hier im Wonnemar. FOTO: Veit Rösler
Bad Liebenwerda. Bad Liebenwerdaer Erfolgsmodell: Firmen stellen Abhängigkeitskranke ein und beeinflussen stark den Therapieerfolg. Von Frank Claus

Den Wein vor der Nase, um „trocken“ zu werden? Jana Feuerstein, die Chefin des Restaurants „Exil“ in Bad Liebenwerda, hat mit ihrem Praktikanten aus der Psychotherapeutischen Klinik keine schlechten Erfahrungen gesammelt. Dort ist er zur Entwöhnung. In der letzten Phase sieht Bad Liebenwerdas seit 25 Jahren erfolgreich praktiziertes Modell der Suchtrehabilitation eine „Arbeitserprobung in ortsansässigen Betrieben unter realen Bedingungen“ vor. Der junge Mann ist Koch, kommt in der Gastronomie also auch unweigerlich mit Alkohol in Berührung, „wobei bei uns in der Küche nur Wein zum Ablöschen der Suppen zur Anwendung kommt“, wie Jana Feuerstein einschränkt.

Mehr als 30 Betriebe der Region hat die Klinik als Partner und Helfer bei der Entwöhnung Sucht-, zumeist Alkoholabhängiger, gewinnen können. Und damit so stark aufhorchen lassen, dass inzwischen bundesweit Erfahrungen übernommen werden. „Unsere Klinik erfüllt mit ihrem Therapieprogramm heute alle Standards der bundesweit geltenden Empfehlungen für die arbeitsbezogene Rehabilitation Abhängigkeitskranker“, sagt der Chefarzt der Bad Liebenwerdaer Suchtklinik, Dr. Konstant Miehe. Bei einem Symposium  hat er Kooperationspartner aus Suchtberatungsstellen, Krankenhäusern und Gesundheitsämtern aus Brandenburg, Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen mit den hier gesammelten Erfahrungen vertraut gemacht.

Er stellte das Rehabilitationskonzept der Klinik mit den eng aufeinander abgestimmten Therapieschwerpunkten vor. Dazu gehören psychotherapeutische Einzel- und Gruppengespräche, Sozialdienst, medizinische Betreuung, Sport- und Physiotherapie sowie Ergo- und Arbeitstherapie.  Er ging auf den besonderen Therapiebaustein ein, dessen Grundstein vor 25 Jahren die damalige Chefärztin, Dr. Monika Koch-Engel, gelegt hatte. Mit dem „Bad Liebenwerdaer Modell“, so Konstant Miehe, „wurde den abhängigkeitskranken Menschen bereits damals die Möglichkeit gegeben, ihre arbeitsbezogenen Fähigkeiten im Rahmen von Praktika in Betrieben der Stadt Bad Liebenwerda zu testen und weiter zu entwickeln.“

Bei der Teba Fenster und Türen GmbH hat Geschäftsführer Armin Thäter (r.)  erklärt, wie die Praktikanten eingesetzt werden.
Bei der Teba Fenster und Türen GmbH hat Geschäftsführer Armin Thäter (r.) erklärt, wie die Praktikanten eingesetzt werden. FOTO: Veit Rösler

Dass das Modell funktioniert, bestätigt auch Armin Thäter, Geschäftsführer des Fenster- und Türenherstellers Teba in Lausitz. „Bei uns werden die Leute neigungsbezogen in der Produktion eingesetzt, wobei wir schon in der Vorauswahl gegenüber der Klinik darauf Wert legen, Frauen und Männer mit praktischen Fähigkeiten zu bekommen.“ Er habe den Praktikanten sogar schon Empfehlungsschreiben ausgestellt, um ihnen den Eintritt ins Berufsleben zu erleichtern. Und manch einen hätte er gern behalten. Er habe jedoch Verständnis dafür, dass sie wieder in ihre Heimat zurück wollten.

Im Wonnemar haben der stellvertretende Centermanager Olaf Kochan und Hausmeister Ronald Hantel ebenfalls überwiegend positive Erfahrungen gesammelt. „Klar, gibt es solche und solche. Aber wo ist das nicht so? Viele denken mit, arbeiten völlig selbstständig vor allem in der Instandhaltung und Grünpflege“, so der Hausmeister. „Gerade hat sich ein junger Mann vorgestellt, der aus der Gebäudereinigung kommt und der sich riesig auf unsere großen Fensterflächen freut.“

A.-M. Josefin Beeg von der gleichnamigen Konditorei setzt ihre Praktikanten in der Bäckerei und im Service ein. „Bei uns arbeitet gerade einer in der Bäckerei. Er hat seine erste Torte gemacht und ist begeistert. Ich kann nichts sagen. Alle sind fleißig und pünktlich.“ Wie in allen Praktikumsbetrieben, würden die Mitarbeiter auf Zeit über einen Zeitraum von fünf bis sechs Wochen drei Mal in der Woche drei Stunden in den Betrieben arbeiten.

Dr. Konstant Miehe bei seinem Vortrag.
Dr. Konstant Miehe bei seinem Vortrag. FOTO: Veit Rösler

Zumeist Frauen kommen beim Reit- und Fahrverein in Dobra zum Einsatz, zumeist im Stall- und Hofdienst, wie Vereinschefin Stefanie Hanisch erklärt. Die Erfahrungen seien so gut, dass jährlich zwischen vier und fünf Praktikantinnen zum Einsatz kommen. In allen Praktikumsbetrieben wird eine Bemerkung von Josefin Beeg geteilt. „Wir freuen uns, wenn die einstigen Klinikpatienten sich bei ihren Jahrestreffen auch bei uns blicken lassen und wir von ihnen erfahren, dass sie es geschafft haben.“