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Saathain - ein Porträt
Wenn 40 Sekunden alles verändern

Ararat Haydeyan, der aus Armenien stammende Künstler, ist in Elbe-Elster längst zu Hause und hoch geschätzt. Er sagt über Kunstkritiker: „Ich brauche sie, denn ich suche die Auseinandersetzung.“ Auch die Reflexionen, die seine Arbeiten auslösen, seien ihm wichtig.
Ararat Haydeyan, der aus Armenien stammende Künstler, ist in Elbe-Elster längst zu Hause und hoch geschätzt. Er sagt über Kunstkritiker: „Ich brauche sie, denn ich suche die Auseinandersetzung.“ Auch die Reflexionen, die seine Arbeiten auslösen, seien ihm wichtig. FOTO: Frank Claus
Saathain. Der aus Armenien stammende Künstler Ararat Haydeyan: Leise Worte und kraftvolle Aussagen Von Frank Claus

Der Anlass ist ein kleines Jubiläum: 15 Jahre gibt es das Atelier von Ararat Haydeyan auf dem Gut Saathain inzwischen. Der aus Armenien stammende Künstler hat sich aus diesem Anlass Gäste eingeladen – und die kommen reichlich. Er blickt mit ihnen auf „intensive künstlerische Jahre“ zurück. So hat es der 65-Jährige in seiner natürlich mit Collagen gestalteten Einladung formuliert.

Ararat Haydeyan, den kennt man in Elbe-Elster. Dass er heute hier lebt, hat eine bewegende Vorgeschichte. Es war jener 7. Dezember 1988, der sich tief in das Leben des Mannes und seiner Familie eingebrannt hat. Es ist der Tag des verheerenden Erdbebens, das auch die nordarmenische Kleinstadt Spitak schwer trifft. Ararat Haydeyan erinnert sich noch ganz genau: „Es war 11.41 Uhr. Ich hatte in meinem Büro im Rathaus Besuch, als plötzlich das Gebäude erzitterte. Die Deckenplatten in meinem Zimmer hob es an. Wir sind unverletzt ins Freie gelangt.“ Viele schafften das nicht. Mehr als als 25 000 Menschen haben die Katastrophe nicht überlebt.

Ararat Haydeyan eilte nach Hause, fand seine Frau unverletzt. Mit ihr suchte er nach den beiden Söhnen, einer war gerade auf einem Spaziergang mit der Kindergartengruppe, der andere im Kindergarten – beide gesund.

Schon damals war es indirekt seine Liebe zur Malerei, die vermutlich seiner Frau das Leben gerettet hat. „Wir hatten am Abend zuvor Freunde aus dem damaligen Leningrad bei uns zu Besuch, zwei Maler. Ich bat meine Frau, sie ist Ärztin, im Krankenhaus darum zu bitten, erst zur Nachmittagsschicht zu kommen, um die Freunde noch früh zu bewirten.“

Das Krankenhaus ist beim Erdbeben komplett zerstört worden. „Das alles hat nur 40 Sekunden gedauert“, sagt Ararat Haydeyan leise. 40 Sekunden, die sein Leben verändert haben. Als Stadtplaner in Spitak hat der ­Diplomarchitekt fünf Jahre lang den Wiederaufbau koordiniert.

„Bis ich irgendwann völlig ausgebrannt war. Ich wollte was Neues machen, mein Leben noch einmal anders, viel bewusster gestalten“, sagt er. Die Auseinandersetzung mit Leben und Tod zieht sich heute durch viele seiner Werke. Die Architektur, so sagt er, „war immer meine Pflicht, die Malerei meine Liebe.“

Kontakte zu Baufachleuten und Architekten haben ihn und seine Familie schließlich nach Brandenburg ins kleine Saathain im Elbe-Elster-Kreis gebracht. Im benachbarten Esterwerda war erst die Wohnung Atelier. Nach weiteren zwei Zwischenstationen bezog er die Räume auf Gut Saathain und fühlt sich längst eins mit dem Gut, den Menschen und der Region Elbe-Elster. Er wurde sofort Mitglied des brandenburgischen Verbandes Bildender Künstler und des Künstlerbundes Dresden.

Die Bezüge in seine Heimat sind stark. Mit Unterstützung des Elbe-Elster-Kulturamtes organisiert er jährlich Jugendkunstwochen, seit zehn Jahren gibt es eine „Hilfsbrücke“ in die Malschule nach Spitak.

Ararat Haydeyan ist einer, der sich einbringt, auseinandersetzt. Ob nun mit der Marktplatzgestaltung in Elsterwerda, den damaligen Visionen eines Hochhauses oder aber erst jüngst zum Thema Reformation, wo seine Skulptur von Luthers Ehefrau „Herr Käthe“ bei der Ausstellung der Berufskünstler viel Beachtung fand.

Denkanstöße gibt er auch mit seinem Werk „Transparenz“ – ein Spiegel, vor den dünne Bänder gezogen sind, die aber dennoch Sichten in das Dahinter erlauben. „Hinter jeder Fassade ist etwas versteckt“, sagt Ararat Haydeyan und meint die bauliche genauso wie die menschliche. Ansonsten will sich der Künstler nicht eingrenzen lassen, schafft große Reliefbilder, plastische, dreidimensionale Objekte und Collagen. Zum 20. Jahrestag der Deutschen Einheit und der Städtepartnerschaft mit Vreden (NRW) hat er eine Glas-Skulptur geschaffen. Sein Skulpturengarten auf Gut Saathain ist ein Geheimtipp.

Und noch etwas will er unbedingt zu Ende bringen: das Mahnmal für das Erdbeben in Armenien. Es zeigt eine aufgerissene Erdkugel. Im nächsten Jahr liegt die Katastrophe 30 Jahre zurück.

Herr Käthe, ein Haydeyan-Projekt zur Elbe-Elster-Kunstausstellung zum Thema Reformation.
Herr Käthe, ein Haydeyan-Projekt zur Elbe-Elster-Kunstausstellung zum Thema Reformation. FOTO: Frank Claus / LR