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Weiter leben nach dem Todesurteil

Wegen der besonderen dramatischen Umstände wurde das kleine Tier bei der traditionellen Fohlentaufe im Rahmen des Kahlaer Reiterfestes am Wochenende von Johann Schröder-Grahle (7) auf "Himmelfahrt" getauft.
Wegen der besonderen dramatischen Umstände wurde das kleine Tier bei der traditionellen Fohlentaufe im Rahmen des Kahlaer Reiterfestes am Wochenende von Johann Schröder-Grahle (7) auf "Himmelfahrt" getauft. FOTO: vrs1
Kahla. Nach einer dramatischen Rettung wird Pferdebaby in Kahla auf "Himmelfahrt" getauft – das Fohlen mit dem Stern auf der Stirn. vrs1

Auf dem Heinickehof in Kahla haben in diesem Jahr zwei Pferdebabys das Licht der Welt erblickt. Für das am 1. April geborene Stutfohlen war bereits nach nur 13 Tagen das gerade erst begonnene Leben beendet. "Ich kann mich noch genau daran erinnern. Es war Gründonnerstag, wir standen im Großmarkt an der Kasse. Plötzlich klingelte das Telefon", beginnt Christin Schröder-Grahle (33) zu berichten. Noch immer muss sie beim Erzählen dieser Geschichte schlucken und ihre geäußerten Gedanken unterbrechen. Ihre Kinder am anderen Ende der Leitung berichteten voller Aufregung, dass etwas Schreckliches geschehen sei. "Ich meinte noch zu meinem Mann, was soll schon Schlimmes passiert sein. Unsere Kinder sind das Wertvollste, was wir haben. Doch der Anblick bei der Rückkehr war kaum zu ertragen. In dem Moment ist mir das Herz gebrochen. Ein Bein baumelte herunter. Es war gebrochen. Ein so junges Tier. Das Todesurteil", berichtet Christin Schröder-Grahle mit mehreren Unterbrechungen.

Veterinäre entscheiden bei komplizierten Beinbrüchen bei Pferden meist für die vernünftigere Variante, das Tier einschläfern zu lassen, um diesem weitere Leiden zu ersparen. Bei allem Fortschritt der Medizin ist dies auch heute noch die humanere Lösung. Selbst bei einer augenscheinlichen Heilung könnten die Tiere ein Leben lang an Schmerzen leiden. Ein verunglückter Mensch kann in das Bett gelegt werden, um ihn ruhig zu stellen. Damit sieht es bei einem von ungestümen Bewegungsdrang geprägten aufrecht stehenden Pferd mit einem schweren Körper schlechter aus. Dazu kommt, dass sich die meisten Brüche durch die Anatomie von Einhufern nicht schienen lassen. Der Oberschenkelknochen beginnt an der Wirbelsäule, er ist dann aber noch vom darunter liegenden Körper des Tieres umgeben. Ein stützender Verband und eine Schiene ist somit nicht möglich. Bei einem komplizierten Trümmerbruch wird ein Veterinär ohnehin empfehlen, das verunglückte Tier zu erlösen, da es in dem Fall noch keine erfolgversprechenden Behandlungsmethoden gibt.

Ausnahmen bestätigen aber die Regel! So gibt es mehrere hervorragend ausgestattete Pferdekliniken, in denen auf die Behandlung von Pferden spezialisierte Tiermediziner tätig sind. Auch bei ihnen sind keine Wunder bei einem Beinbruch möglich. Letztlich wird sich eine derartige komplizierte und langwierige Behandlung zu einer kostspieligen Angelegenheit entwickeln. Sollte das Vorhaben dennoch gelingen, verbietet sich eine spätere aktive sportliche Karriere der Tiere. Mit diesen Gedanken im Hinterkopf entschieden sich Christin Schröder-Grahle und ihr Mann Thomas (41) zunächst mehrere Veterinärmediziner anzurufen. In der Folge befand sich das verletzte Tier zwei Stunden später im beruhigten Zustand in einem Anhänger auf der Fahrt nach Leipzig. In einem dafür eingerichteten Operationssaal in der Uniklinik wurde dem Tier bis um Mitternacht eine Titanplatte eingezogen und mit 17 Schrauben befestigt. Nach der überstandenen problematischen Aufstehphase zeichnet sich ein vielversprechender Heilungsverlauf ab.

Eine Hürde ist noch zu nehmen: In wenigen Wochen muss die Titanplatte wieder entfernt werden. "Wir hoffen, in drei bis vier Jahren ein gesundes Fohlen zu sehen. Um so mehr haben wir das Tier in unser Herz geschlossen. Wir wollen es als Reit- und Zuchtstute behalten", schaut Christin Schröder-Grahle in die Zukunft.

Wegen der besonderen dramatischen Umstände wurde das kleine Tier bei der traditionellen Fohlentaufe im Rahmen des Kahlaer Reiterfestes am Wochenende von Johann Schröder-Grahle (7) auf "Himmelfahrt" getauft. Das zweite am 26. April geborene Hengstfohlen heißt nun der Musiknamen-Tradition des Heinickehofes folgend "Jazzamour". Durch einen merkwürdigen Zufall trägt "Himmelfahrt" als Abzeichen auf der Stirn eine Blesse in Form eines Sterns. Zwei weitere Sterne als besondere und einmalige Erkennungszeichen trägt das Tier auf dem Hinterschenkel, der sogenannten Kruppe. Diese ähneln der symbolischen Erdkreis-Erdbahn, der Umlaufbahn der Erde um die Sonne, welche die Kreuzritter einst in ihre Symbolik aufgenommen haben.

Als individuelles angeborenes und unveränderliches Identifizierungsmerkmal werden diese Sterne in die Papiere eingetragen und "Himmelfahrt" ein Leben lang als ein Zeichen des Himmels begleiten.