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| 20:33 Uhr

Umgehört vor dem Fest
So war Weihnachten in unserer Kindheit

 Axel Eckert Weihnachten 1954, im zarten Alter von eineinhalb Jahren: „Damals beschloss ich, Musiker zu werden.“
Axel Eckert Weihnachten 1954, im zarten Alter von eineinhalb Jahren: „Damals beschloss ich, Musiker zu werden.“ FOTO: Eckert
Persönlichkeiten aus Elbe-Elster erinnern sich an Heimlichkeiten, Geschenke und Rituale, aber auch an Verzicht und familiäre Geborgenheit.

Horst Gutsche (82), Ehrenbürger der Stadt Herzberg

 Horst Gutsche.
Horst Gutsche. FOTO: Gabi Zahn

Unsere bäuerliche Wirtschaft in meinem Heimatstädtchen Bomst (heute die polnische Kleinstadt Babimost) lag gegenüber der evangelischen Kirche. Am späten Nachmittag des nicht so Heiligen Abend 1944 läuteten die Kirchenglocken, und ich ging mit meinem Vater in das festlich erleuchtete Gotteshaus. Mutter hatte sich vermutlich noch um das Vieh zu kümmern, so glaubte ich jedenfalls. Der spannenden Weihnachtsgeschichte folgte ich neugierig und mit großem Interesse, wenn ich sie als Achtjähriger sicher auch schon einige Male gehört hatte. Ebenso beeindruckte mich dann das Quempassingen, ein Wechselgesang der Jugend auf den gegenüberliegenden Emporen. Nach dem letzten Weihnachtslied stieg die Erwartung. Die gute Stube war an dem Tage für mich tabu gewesen.

 Barbara Gloel.
Barbara Gloel. FOTO: LR / Rudow

Da stand nun der von Kerzen erleuchtete Weihnachtsbaum, den Vater wahrscheinlich aus dem eigenen Wald geholt hatte, geschmückt mit Lametta, Christbaumkugeln und Pfefferkuchen. Und unter den Baum hatte das Christkind gerade in meiner Abwesenheit Gaben gelegt, nützliche natürlich, und vielleicht war auch ein wenig Spielzeug dabei, wie ein Kreisel, mit dem man sich hätte auf den Frühling freuen können. Doch zunächst herrschte Winter, und als wir im Januar 1945 die Heimat verlassen mussten, schlug dieser noch einmal heftig zu.

 Katrin Gröbe, Vorsitzende Sängerfestverein Finsterwalde.
Katrin Gröbe, Vorsitzende Sängerfestverein Finsterwalde. FOTO: Heike Lehmann

Bei einem Besuch unserer Kirche im Jahre 2016 fiel es mir angesichts ihres Zustandes schwer, diese Erinnerungen wachzurufen.

 Gottfried  Heinicke.
Gottfried Heinicke. FOTO: LR / Manfred Feller

Barbara Gloel, Schlieben

 Weihnachten 1962. Gottfried Heinicke mit seiner Schwester Birgit in der Wohnstube des Elternhauses in Kahla.
Weihnachten 1962. Gottfried Heinicke mit seiner Schwester Birgit in der Wohnstube des Elternhauses in Kahla. FOTO: privat

Meine Eltern hatten in Schlieben ein Lebensmittelgeschäft und seit ich denken konnte, hat mein Vater Johannes Gloel in Schlieben den Posaunenchor geleitet. Meine Schwester und ich durften Waldhorn spielen lernen. Wir sind mit Kirchenmusik groß geworden. Vater spielte in Schlieben und auf den Dörfern auch die Orgel. Weihnachten war bei uns immer aufregend, aber auch stressig. Heiligabend wurde der Laden mittags zu gemacht. Vater ist dann mit dem Pfarrer losgezogen auf die Dörfer zur Christvesper. Wir mussten erst den Laden sauber machen. Zwischendurch ist Vater nach Hause gekommen und die Bläser haben dann bei den älteren Schliebenern gespielt, die nicht mehr raus konnten. Ich war als einziges Mädchen dabei, später auch meine Schwester. Dann ist Vater wieder mit dem Pfarrer los und wir haben uns dann um 17 Uhr in der Schliebener Kirche zur Christvesper wieder getroffen, wo Vater die Orgel spielte. Manchmal haben wir auch noch vom Turm geblasen. Dann ging es nach Hause zum Abendbrot und zur Bescherung. Der Vater ist dann noch zur katholischen Kirche und hat dort die Orgel gespielt. Eigentlich war er Heiligabend so gut wie nie da. Aber trotzdem war es für uns Kinder schön. Mit dem Posaunenchor spielen wir heute noch Weihnachten im Seniorenheim und zur Christvesper. Wir Bläser sind sozusagen miteinander alt geworden.

 Willfried Krüger.
Willfried Krüger. FOTO: LR / Manfred Feller

 

 Willfried Krüger als Fünfjähriger auf dem Strietzelmarkt in Dresden.
Willfried Krüger als Fünfjähriger auf dem Strietzelmarkt in Dresden. FOTO: privat

Katrin Gröbe (52), Vorsitzende vom Sängerfestverein Finsterwalde: Ich erinnere mich an die Zeit, als wir noch im Mehrfamilienhaus Am langen Hacken in Finsterwalde gewohnt haben. Da haben sich die Kinder  immer nach der Bescherung getroffen, um die Geschenke auszuwerten. Dazu liefen wir ständig den Hausflur rauf und runter, mussten mal bei dem einen und dann bei dem anderen schauen.

FOTO: Mona Claus

Was die eigenen Geschenke angeht, war es früher ja nicht so üppig wie heute. Da gab es für die Puppe mal ein  neues Kleid oder die vom  Vater aufgebaute Puppenstube hatte wieder ein Detail mehr dazu bekommen. Genauso war es mit der Eisenbahnplatte für meinen fünf Jahre älteren Bruder. Die wuchs auch von Jahr zu Jahr. Unsere Eltern fanden es toll, meine jüngere Schwester und mich zu Weihnachten gleich zu kleiden. Weil sie ein Haus gebaut haben, war das Geld mit drei Kindern immer knapp. Aber zu Weihnachten haben sie alles perfekt gemacht für die Kinder und oft selbst verzichtet.

 Susanne Ott.
Susanne Ott. FOTO: LR / Frank Claus

Silvia Jahnke (59), Familienkoordinatorin in Falkenberg

 Axel Eckert (Freie Wähler Sonnewalde) kandidiert für den Landtag Brandenburg
Axel Eckert (Freie Wähler Sonnewalde) kandidiert für den Landtag Brandenburg FOTO: privat

Ich erinnere mich vor allem an ganz viel Heimlichkeit. Da waren dann wie in dem Lied wirklich mal plötzlich die Puppen verschwunden, die ich später mit neuer Kleidung bestrickt und benäht unterm Tannenbaum wiederfinden sollte. Aber bevor es so weit war, hieß es Wohnstube zu. Wir Kinder wurden in die Küche verbannt und durften dort im Fernseher, der ebenfalls zu dieser Gelegenheit extra in die Küche geräumt wurde, einen Märchenfilm nach dem anderen schauen. Erst zum Abendessen durften wir dann in die festlich geschmückte Stube. Die Spannung stieg mehr und mehr. Wir konnten die Geschenke ja schon unterm Baum liegen sehen. Hunger hatten wir deshalb immer so gut wie gar keinen. Und dann folgte endlich die Bescherung. Die Geschenke durften ausgepackt werden. In besonderer Erinnerung ist mir die Puppenstube geblieben. Die wurde Jahr für Jahr komplettiert. Mal kam ein Puppenbett dazu. Mal hatte Mama winzige Gardinen genäht, mal hatte Papa elektrisches Licht hineingebastelt.  Ich habe die Puppenstube noch heute. Auch wenn sie mehr und mehr verfällt.  Ihr ideeller Wert ist für mich viel zu hoch, als dass ich mich durchringen könnte, sie wegzuschmeißen.

 Friedemann und Hartmut Theile
Friedemann und Hartmut Theile FOTO: Familie Theile

 

Andy Hoffmann, Geschäftsführer der Stadtwerke Finsterwalde

„Denke ich an das Weihnachtsfest in meiner Kindheit, dann erinnere ich mich vor allem an .die gemeinsame Bescherung mit der ganzen Familie bei meinem Opa und meiner Oma am 24.12. und natürlich an die „Kamenzer“ mit dem leckeren Kartoffelsalat von meiner Mutti. Der schmeckt auch meinen Töchtern und wir freuen uns heute Abend schon darauf.“

 

Marcus Klee (42), Bürgermeister der Gemeinde Lebusa:

Vor allem ging es Weihnachten sehr viel ruhiger zu. Es klingelte kein Telefon - weil man ja keins hatte. Die Eltern nahmen sich viel Zeit für uns Kinder. Zwischen Kaffee und Abendbrot war die Bescherung. Und wir haben an den Weihnachtsfeiertagen immer alle viel miteinander gespielt: Brettspiele, Kartenspiele oder die Autorennbahn aufgebaut. Ich habe den Eindruck, dass da noch mehr Familie und Besinnlichkeit war. Wenn ich mir überlege, was heute alles an Unternehmungen in zwei Feiertage passen muss ...

 

Jürgen Riecke (60), Vorstandsvorsitzender Sparkasse Elbe-Elster:

Gemeinsam  mit meinen zwei älteren Geschwistern sind wir Kinder von Flüchtlingen aus der Altmark in der Nähe von Gardelegen. Da gab es niemals ein Übermaß an Geschenken, deshalb waren die  familiäre Wärme und Geborgenheit   besonders wertvoll. An meine  Carrera-Rennbahn erinnere ich mich besonders, weil diese so außergewöhnlich war. In der Ruhe des Weihnachtsfestes gab es noch mehr körperliche Nähe oder Wärme. In manchen Jahren war mein Großvater, ein ehemaliger Schmiedemeister aus der Altmark, bei uns zu Gast.

Axel Eckert (65), Songschreiber und Musikproduzent aus Sonnewalde:

Weihnachten lief bei uns zu Hause ganz traditionell ab – mit Kartoffelsalat und Bockwurst, Pute oder Gans. Es gab einen Weihnachtsbaum, den unsere Eltern immer mit echten Kerzen bestückt haben. Vater hat dann als Fotograf natürlich Fotos von uns Kindern gemacht und auch Puppentheater für uns gespielt. Er ist ja mit seinem Puppenspiel damals auch über die Dörfer gezogen. Ansonsten ging es in den Jahren sehr beengt zu, wegen der vielen Flüchtlinge aus Schlesien und anderswo her. Man ist dadurch sehr zusammengerückt. Besonders schöne Weihnachten hatten wir im Rekordwinter 1962/63 mit riesigen Schneemassen.

 

Gottfried Heinicke (62), Bürgermeister der Gemeinde Plessa:

Das Foto entstand Weihnachten 1962 in der Wohnstube meines Elternhauses in Kahla. Ich bin da sechs Jahre alt. Neben mir sitzt meine Schwester Birgit mit ihren Spielsachen. Meine Leidenschaft war die elektrische Eisenbahn in der H0-Spur. Dafür gab es in jedem Jahr zu Weihnachten neues Zubehör mit Schienen, Häusern, Tunnel und Brücken. Der Sohn meiner Schwester hat später noch damit gespielt. Wir hatten eine Landwirtschaft. Da war es Tradition, dass Heiligabend zuerst die 30 Kühe besonders gut mit viel Stroh versorgt wurden. Nach dem Baden ging es in die Kirche. Die Kinder führten das Krippenspiel auf. Ich war der Hirte. Zu Hause gab es anschließend Kartoffelsalat und Bockwurst. Das ist bis heute so. Es folgte die Bescherung in der Stube. Meine Eltern hatten zwar viel Arbeit, aber ich habe nur gute Erinnerungen an die Kindheit. Mit meiner Frau schenken wir uns dieses Mal zwei Ausflüge.

Willfried Krüger (71) aus Elsterwerda, Vorsitzender der Bezirksgruppe Bad Liebenwerda des Blinden- und Sehbehindertenverbandes Brandenburg:

Das Kinderfoto zeigt mich als Fünfjährigen auf dem Strietzelmarkt in Dresden. In die viel zu große Jacke bin ich später reingewachsen. Großgezogen haben mich meine Großeltern. Es war eine schöne Zeit. Sie haben mir viele Wünsche erfüllt. Auch ich habe eine elektrische Eisenbahn bekommen. Zwar habe ich diese für meine drei Enkelsöhne aufgehoben, aber die haben nur den Computer im Kopf. Gern erinnere ich mich an mein Rennrad, dass ich mit 13 oder 14 Jahren erhalten habe. Mein Vorbild war Täve Schur. Ich schaffte es bis zur Kinder- und Jugendspartakiade. Später bin ich nach der Arbeit die 40 Kilometer zu meiner Freundin Monika, die mit 18 Jahren meine Frau wurde und ist, gefahren. Früh um 5 Uhr ging es wieder zurück zur Arbeit.

Hartmut Theile (69), ehemaliger Geschäftsführer Holz-Zentrum Theile in Elsterwerda:

Weihnachten in meiner Kindheit? Erstens gab es viel mehr Schnee als heute und dann denke ich sofort daran, dass wir immer Heu und Stroh vor das Tor gelegt haben, weil das für die Pferde des Weihnachtsmannes sein sollte. Dann sind wir in die Kirche gegangen, und als wir wieder kamen, brannten die Kerzen am Baum im Wohnzimmer und es gab Geschenke. Aber: Das Futter vorm Hoftor war immer weg. Erst viel später habe ich erfahren, dass das in den Zwischenzeit der Nachbar weggeholt hat. Wir pflegen noch weitere Bräuche, die ich teils schon aus meine Kindheit kenne. Vor der Bescherung wird immer gesungen, es gibt Karpfen und jetzt auch wieder Kartoffelsalat mit heiß gemachter Jagdwurst im Glas. Die ist leckerer als Bockwurst!

 

Susanne Ott (42), Marketingleiterin im Wonnemar Bad Liebenwerda:

Ich traue es mich ja kaum zu sagen, aber ich weiß bis heute nicht, wer bei uns der Weihnachtsmann war. Ich wollte das immer rauskriegen, Mutti hat es nie verraten. Und noch etwas weiß ich. Auf dem Weihnachtsmarkt in Bad Liebenwerda gab es immer dichtes Gedränge, wenn der Weihnachtsmann mit der Kutsche kam. Einmal, es muss in der dritten Klasse gewesen sein, ist er mit einem Rad der Kutsche über meinen Fuß gerollt. Meine Mutter wollte das nicht glauben. Ich musste sogar noch nach Hause laufen. Als sie mir dann die Schuhe auszog, hat sie es gesehen. Der Fuß, so stellte sich später heraus, war angebrochen.