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| 13:51 Uhr

Pendler sind sauer
Wegen einer Minute: Der IC rauscht durch

 Wieder einmal geht es am Bahnhof Elsterwerda um IC-Halte. Der Frühzug nach Berlin (Foto) fährt, der zweite hält zwischen 15. März und 10. Juni nicht.
Wieder einmal geht es am Bahnhof Elsterwerda um IC-Halte. Der Frühzug nach Berlin (Foto) fährt, der zweite hält zwischen 15. März und 10. Juni nicht. FOTO: Frank Claus
Elsterwerda. Pendler nach Berlin sind sauer: Vom 15. März bis 10. Juni rauscht der zweite Morgen-IC in Richtung Berlin ohne Halt am Bahnhof Elsterwerda durch. Noch bis 12. Januar hält der Abend-EC um 18.24 Uhr nicht am Bahnhof Elsterwerda. Grund sind Bauarbeiten. Von Frank Claus

Wegen gerade mal etwa einer Minute Zeitgewinn lässt die Deutsche Bahn den zweiten Morgen-IC am Bahnhof Elsterwerda ab März ohne Halt durchrauschen. Schon jetzt hält ein Abendzug nicht.

Sabine Müller, selbst Pendlerin und Bahn-Mitarbeiterin, versteht das nicht und schreibt: „Für Pendler und Bahnreisende aus dem großen Umland von Elsterwerda und dem nur wenige Kilometer entfernten Sachsen hat die Bahn mal wieder den Zugang zum Fernverkehr eingeschränkt. (...) Das betrifft aktuell den Fernzug EC 179 aus Berlin, Ankunft Elsterwerda 18.24 Uhr. Ein Feierabendzug der Berufspendler. Im Jahr 2019 müssen die Pendler dann über Monate auf den zweiten morgendlichen Fernzug Richtung Berlin verzichten. Naja, verzichten ist nicht ganz korrekt. Denn sie können den IC 2072 am Bahnsteig 1 bei der Durchfahrt erleben.“

Und das alles, so hat sie herausbekommen, wegen nur geringfügiger Fahrtverlängerung. Sie schreibt: „Wegen Bauarbeiten verlängert sich die Fahrt des IC 2072 im Streckenabschnitt Großenhain-Elsterwerda um sage und schreibe etwa eine Minute. Trotz großer Pufferzeiten zwischen Elsterwerda und Berlin ist diese eine Minute Anlass, den IC 2072 in Elsterwerda ohne Halt monatelang durchfahren zu lassen.“

Bahn-Pressesprecher Gisbert Gahler bestätigt den Ausfall und schreibt: „Es ist richtig, dass zwei Fernzüge baubedingt vorübergehend nicht in Elsterwerda halten können – und dass dies nur Minuten-Bruchteilen geschuldet ist.“ Dabei hätte, so führt er aus, „DB Fernverkehr den Halt gern auch während der Baustelle weiterhin angeboten“ und habe dies daher „extra nochmal eingehend von DB Netz prüfen lassen. Aber die verschiedenen temporären Haltausfälle in Elsterwerda sind wegen des erforderlichen Gleiswechselbetrieb im Abschnitt Walddrehna-Luckau-Uckro zwingend erforderlich, um Konflikte bei den Kreuzungen mit dem Nahverkehr zu vermeiden und so ein stabiles Fahrplanangebot für die Mehrheit der Kunden zu erzielen.“

Auch die Stadt Elsterwerda hatte sich an die Bahn mit der Bitte gewandt, den geplanten Ausfall noch einmal zu überprüfen. Im Antwortschreiben des Konzernbevollmächtigten der Bahn für Brandenburg und Mecklenburg-Vorpommern, Dr. Joachim Trettin, heißt es: „So führt der IC 2072 – anders als der verglichene IC 2078 – insgesamt zehn anstatt nur sechs Wagen mit. Die deutlich höhere Last von 550 zu 330 Tonnen verursacht schon eine etwas längere Fahrtzeit im Zehntel-Minutenbereich. In Verbindung mit den baubedingten Fixpunkten im Fahrtverlauf zwischen Dresden und Berlin (der Eingleisigkeit zwischen Priestewitz und Großenhain, dem Gleiswechselbetrieb bei Baruth und der Kreuzung mit einem Regionalexpress in Wünsdorf-Waldstadt) konnten die Fahrlagenplaner leider zu keinem anderen Ergebnis kommen.“ Konkret bedeutet das für die Reisenden:

 

Der IC 2072/2076 um 7.26 Uhr nach Berlin muss vom 15. März bis 10. Juni 2019 ohne Halt in Elsterwerda durchfahren.

 

Der um 18.24 Uhr von Berlin kommende EC 179 muss noch bis zum 12. Januar 2019 ohne Halt in Elsterwerda durchfahren.

 

Der IC 2078 um 6.25 Uhr/6.26 Uhr nach Berlin und der IC 2079 um 20.23 Uhr/20.35 Uhr aus Berlin können dagegen weitgehend ganzjährig weiterhin in Elsterwerda halten.

 

Dass der Zugausfall nicht verhindert werden konnte, lastet Sabine Müller auch dem CDU-Landtagsabgeordneten Rainer Genilke, zugleich verkehrspolitischer Sprecher seiner Fraktion, an. Der Finsterwalder kümmere sich, so wirft sie ihm vor, zumeist um „Probleme der Pendler zwischen Finsterwalde, Falkenberg nach Berlin.“

Rainer Genilke wehrt sich dagegen und erklärt, dass der Fernverkehr innerhalb von Deutschland unter betriebswirtschaftlichen Gesichtspunkten, das heißt eigenwirtschaftlich, durch die Eisenbahnverkehrsunternehmen erbracht werde. Dennoch habe die Brandenburger Verkehrsministerin Kathrin Schneider (SPD) als Antwort auf eine Anfrage im Landtag deutlich gemacht, dass die „eigenwirtschaftlichen Verkehre der Fernverkehrsunternehmen nicht ausreichen, um eine gute Verbindung der Zentren zu gewährleisten, die abseits der Hochgeschwindigkeitsstrecken liegen“.

Das Land Brandenburg habe für den Süden des Landes jedoch erreicht, dass zum Dezember 2019 die Halte Oranienburg, Flughafen BER bzw. Schönefeld, Doberlug-Kirchhain und Elsterwerda im Zweistundentakt von der neuen Intercity-Linie Dresden-Rostock bedient werden.

Rainer Genilke hält es auch für wenig sinnvoll, „Pendler im Süden des Landes gegeneinander auszuspielen. Wir brauchen für alle Einwohner in unserem Landkreis gute Verbindungen zu den Zentren“, sagt er.

Zufrieden gibt sich die Pendlerin Sabine Müller damit nicht. Denn auch der Regionalverkehr zwischen Elsterwerda und Berlin, den das Land bestelle und bezahle, verlaufe eher schleppend. „Mit riesigen Summen“, so schreibt sie, wurde die Strecke nach Richtung Berlin „während der endlosen Totalsperrung erneuert und für höhere Geschwindigkeiten ertüchtigt.“ Die Bahn habe damals auch spürbar kürzere Fahrtzeiten im Regionalverkehr avisiert. „Es kam bei den Pendlern Hoffnung auf, weniger sinnlose Lebenszeit im Regiozug verbringen zu müssen“, so Sabine Müller. Doch die Hoffnung sei schnell verflogen. „Als Pendler kann man die gefahrenen Geschwindigkeiten zum Beispiel zwischen Uckro und dem Berliner Außenring, nicht nachvollziehen. Neue Bahninfrastruktur, keine Querung der Schienen durch den Straßenverkehr mehr. Gebracht hat es nichts.“

Dass es auf der Strecke insgesamt noch nicht wie künftig geplant läuft, begründet Bahnsprecher Gisbert Gahler mit Verzögerungen, auf die die Bahn keinen Einfluss gehabt habe. Bis zum Jahr 2020 werde die gesamte Strecke Berlin-Dresden mit dem europäischen Zugsicherungs- und Steuerungssystem (ETCS) ausgerüstet. „Der Zeitplan für die Installation des ETCS musste im Mai 2016 angepasst werden: Aufgrund eines durch die EU-Kommission verfügten Versionswechsel des ETCS kann das System erst nach der Errichtung der Elektronischen Stellwerke (ESTW) und der Wiederaufnahme des Betriebes mit 160 km/h installiert werden. Die Inbetriebnahme mit ETCS verschiebt sich daher voraussichtlich auf Dezember 2020“, so Gahler.