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| 08:21 Uhr

Totensonntag
Friedhöfe – auch Orte der Geschichte

Ragt heraus: der Obelisk der Druckereifamilie Ziehlke.
Ragt heraus: der Obelisk der Druckereifamilie Ziehlke. FOTO: LR / Frank Claus
Bad Liebenwerda. Bad Liebenwerdas Stadtfriedhof ist ein besonderer Ort. Im Jahr 1604 ist er angelegt worden. Die Inschriften auf Grabsteinen belegen die Liebe zu Verstorbenen und sie sind Zeugnisse der Geschichte der Stadt. Von Frank Claus

Es ist jene Betriebsamkeit am Freitag, die es so in jedem Jahr wohl nur kurz vor Totensonntag gibt. Angehörige knien vor Gräbern, zupfen heruntergefallenes Laub aus den Einfassungen, decken Gräber mit Zweigen ab, rücken das Gesteck hin- und her. Sieht es so am schönsten aus? Es sind die Minuten, in denen die Gedanken zurückgehen, zu gemeinsamen Stunden mit den Verstorbenen. Erinnerungen werden wach. Ein Lächeln huscht übers Gesicht und sicher auch so manche Träne lässt die Augen feucht werden. Friedhöfe sind Orte der inneren Einkehr. Und auch der Anteilnahme, Fürsorge und Verbundenheit.

Da finden sich zehn Frauen, die sich bei der Stadt melden und sagen, sie möchten bei der Friedhofspflege helfen – jetzt wo doch jeden Tag geharkt werden könnte. Die Stadt versucht es ihnen auszureden, es sei Aufgabe der Stadt, dies zu tun. Sie lassen sich nicht abwimmeln. Greifen zu Harken und Besen – dann eben auf eigene Verantwortung ohne Versicherungsschutz.

Auf besondere Weise hat auch Ortschronist Michael Ziehlke etwas für die Stadt getan. Er hat eine Chronik über die Grabmale bedeutender Persönlichkeiten der Stadt, besonders oft Unternehmerfamilien, angelegt. Die RUNDSCHAU darf sie nutzen. Da ist die Familiengrabstätte von Reiss-Firmengründer Robert Reiss, die heute liebevoll von der Firma gepflegt wird. Oder der nicht zu verkennende Obelisk der Druckereifamilie Ziehlke, die seinerzeit unter anderem das „Liebenwerdaer Kreisblatt“, das Heimatblatt „Die Schwarze Elster“ und später den „Heimatkalender für den Kreis Liebenwerda“ herausgab. Oder aber die Familienbegräbnisstätte der Weilands. Jene Familie, die den Kiesabbau vorantrieb, später Schotter in sächsischen Regionen abbaute und so entscheidenden Anteil an der wirtschaftlichen Entwicklung der Stadt hatte. Den hatten auch zahlreiche Handwerksfamilien und Geschäftsleute, deren Namen noch heute allgegenwärtig sind.

Uhrmachermeister Callai-Brochwitz, Sattlermeister Simon, die Optiker Weizsäcker, das Bekleidungshaus Miehe, Klempnermeister Barth, Kürschnermeister Barth, die Orgelbauerfamilie Voigt und etwas ältere Kurstädter kennen auch noch die Familie Dörner, die einst am Lubwartturm erst Landmaschienen und später Mopeds reparierte. Auch der Zahnarztfamilie Wetzstein wird gedacht. Die Wertschätzung gegenüber dem Handwerk spricht aus vielen Inschriften.

Da hingegen wirkt ein Grab auf dem Bergfriedhof eher vergessen – das von Dr. Franz Martin Bludau. Wer weiß schon noch, dass der Mann einer der Ärzte von Otto von Bismarck, des ersten Reichskanzlers des Deutschen Reiches, auf dessen Schloss in Pommern war?

Später war er als Chefarzt in verschiedenen Krankenhäusern in den Kolonien tätig. Als Mitarbeiter des berühmten Prof. Robert Koch bekämpften beide auf der Adriainsel Brioni erfolgreich die Malaria. Nach dem Ersten Weltkrieg forschte der Oberregierungsrat in Berlin auf dem Gebiet der Tropenhygiene und Bakteriologie.

Schade, dass die Inschriften kaum noch leserlich sind. Der Grabstein würde dringend eine Sanierung benötigen. Ob sich dem nicht die Ärzte der Stadt annehmen könnten und so ihrem einstigen Berufskollegen Ehre erweisen?

Stellvertretend für zehn Frauen die am Freitag in Eigeninitiative Laub harkten: Birgit Weidner, Regina Böhlig, Ute Schaffner und Brigitte Dittmann (v.l.).
Stellvertretend für zehn Frauen die am Freitag in Eigeninitiative Laub harkten: Birgit Weidner, Regina Böhlig, Ute Schaffner und Brigitte Dittmann (v.l.). FOTO: LR / Frank Claus
Noch eher unbeachtet: das Grab von Dr. Franz Martin Bludau.
Noch eher unbeachtet: das Grab von Dr. Franz Martin Bludau. FOTO: LR / Frank Claus
Totensonntag Grabstätten bedeutender Persönlichkeiten auf Stadt- und Bergfriedhof in Bad Liebenwerda - hier Stadtfriedhof
Totensonntag Grabstätten bedeutender Persönlichkeiten auf Stadt- und Bergfriedhof in Bad Liebenwerda - hier Stadtfriedhof FOTO: LR / Frank Claus
Hier ruhen Robert Reiss und Teile seiner Familie.
Hier ruhen Robert Reiss und Teile seiner Familie. FOTO: LR / Frank Claus
Die Grabstätte der Unternehmerfamilie Weiland auf dem Stadtfriedhof.
Die Grabstätte der Unternehmerfamilie Weiland auf dem Stadtfriedhof. FOTO: LR / Frank Claus
Ragt heraus: der Obelisk der Druckereifamilie Ziehlke.
Ragt heraus: der Obelisk der Druckereifamilie Ziehlke. FOTO: LR / Frank Claus
Stellvertretend für zehn Frauen die am Freitag in Eigeninitiative Laub harkten: Birgit Weidner, Regina Böhlig, Ute Schaffner und Brigitte Dittmann (v.l.).
Stellvertretend für zehn Frauen die am Freitag in Eigeninitiative Laub harkten: Birgit Weidner, Regina Böhlig, Ute Schaffner und Brigitte Dittmann (v.l.). FOTO: LR / Frank Claus
Noch eher unbeachtet: das Grab von Dr. Franz Martin Bludau.
Noch eher unbeachtet: das Grab von Dr. Franz Martin Bludau. FOTO: LR / Frank Claus
Hier ruhen Robert Reiss und Teile seiner Familie.
Hier ruhen Robert Reiss und Teile seiner Familie. FOTO: LR / Frank Claus
Die Grabstätte der Unternehmerfamilie Weiland auf dem Stadtfriedhof.
Die Grabstätte der Unternehmerfamilie Weiland auf dem Stadtfriedhof. FOTO: LR / Frank Claus