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| 13:02 Uhr

Standesämter vorgestellt: Elsterwerda
Von Gänsehaut bis Tränen der Rührung

Einer der Trauorte in Elsterwerda ist das Elsterschloss. Dieses darf nach Ansicht von Bürgermeisterin Anja Heinrich (r.), selbst angehende Standesbeamtin, gern öfter genutzt werden. Einen Schatz hält Standesbeamtin Evelin Gärtner in den Händen. Es ist das Heiratsregister von 1938. Elsterwerda hat diese Bücher archiviert. Nach 80 Jahren geht es in das Kreisarchiv. Das letzte Register von 2008 zeigt Standesbeamter Dieter Hennig. Seitdem wird elektronisch erfasst.
Einer der Trauorte in Elsterwerda ist das Elsterschloss. Dieses darf nach Ansicht von Bürgermeisterin Anja Heinrich (r.), selbst angehende Standesbeamtin, gern öfter genutzt werden. Einen Schatz hält Standesbeamtin Evelin Gärtner in den Händen. Es ist das Heiratsregister von 1938. Elsterwerda hat diese Bücher archiviert. Nach 80 Jahren geht es in das Kreisarchiv. Das letzte Register von 2008 zeigt Standesbeamter Dieter Hennig. Seitdem wird elektronisch erfasst. FOTO: LR / Manfred Feller
Von Manfred Feller. Die Standesbeamten in Elsterwerda erhalten eine zweifache weibliche Verstärkung. Und das Trauzimmer kommt zurück in das Rathaus. Von Manfred Feller

Um die 70 Paare lassen sich im Standesamtsbezirk Elsterwerda mit den Ämtern Plessa und Schradenland sowie der Gemeinde Röderland jedes Jahr trauen. Am beliebtesten in die ehemalige Kirche auf Gut Saathain. Aber auch im Goldraum des Elsterschlosses, im Trauzimmer des Stadthauses Elsterwerda und in der Kleinen Fachwerkgalerie finden die feierlichen Zeremonien statt.

Doch diese eine Zahl ist nur die halbe Wahrheit. Die Verliebten aus Elbe-Elster heiraten heute zunehmend weltweit. „Bei uns wird aber nachbeurkundet“, sagt der Standesbeamte Dieter Hennig. Er weiß von Paaren, die sich unter anderem in den USA, Bahrein, Tunesien, Australien, Dänemark und Italien das Eheversprechen gegeben haben. Die Orte richten sich nicht selten nach Arbeit, Urlaubstraumziel sowie nach der Herkunft des Partners.

Manchmal findet die Trauung auch gar nicht statt oder wird verschoben. So erst kürzlich vor dem Schnapszahldatum 18.8.18 geschehen. „Wir hatten drei Anmeldungen. Alle wurden abgesagt“, weiß Dieter Hennig. Er vermutet, dass die Paare kein Restaurant bekommen haben, weil Einschulung war. Dies kann am 19.9.19 nicht passieren.

Auch wenn die Standesbeamten in Sachen Liebe absolute Optimisten sind – die Scheidungsrate liegt im Raum Elsterwerda nicht höher oder niedriger als im Landesdurchschnitt – schwingt ganz selten auch ein ungutes Gefühl mit. So hatte ein Paar den ersten Termin platzen lassen. Beim zweiten sei die Braut erkrankt. Im dritten Versuch klappte es dann. Doch diese Ehe soll nicht lange gehalten haben.

Es überwiegen jedoch die schönen Momente mit den herzergreifenden Zeremonien und Hochzeitsmusik, die zu Tränen rührt. Die Paare in den neuen Lebensabschnitt zu begleiten, das ist auch für die Elsterwerdaer Standesbeamtin Evelin Gärtner „eine der schönsten Aufgaben“. Seit 1984, zunächst in Plessa, hat sie bereits Hunderte Eheversprechen entgegengenommen. Hin und wieder gibt es ein Wiedersehen bei der zweiten oder gar dritten Hochzeit. Egal, Hauptsache glücklich!

Lag das Durchschnittsalter der Paare einst bei 20 Jahren, so könne man heute gut ein Jahrzehnt drauflegen. „Da hat sich gewaltig etwas verschoben. Die Familienplanung beginnt heute viel später. Die jungen Menschen müssen flexibel sein“, weiß Evelin Gärtner aus den intensiven Vorgesprächen vor der Trauung. Eine Braut traute sich gar erst mit 60 Jahren zum ersten Mal.

Bei einer Trauung hatte es der Standesbeamtin und der gesamten Hochzeitsgesellschaft ordentlich die Sprache verschlagen. Ein Partner sagte doch tatsächlich „Nein“. „Das war aus Quatsch. Aber ich habe nett auf die Bedeutung der Aussage hingewiesen“, erinnert sich Evelin Gärtner. Braut und Bräutigam verließen den Trauort dann aber doch vereint. Über die Spätfolgen ist nichts bekannt.

Dass eine der Hauptpersonen zu spät erscheint, der Brautstrauß oder die Ringe vergessen werden, dies komme hin und wieder vor. „Doch einmal standen mir die Schweißperlen auf der Stirn“, blickt Dieter Hennig, ursprünglich Diplom-Ingenieurökonom und seit 2011 Standesbeamter, zurück. „Ich stehe am Rathaus und keiner kommt.“ Er wartet und wartet. Niemand zu sehen. Mit 15 Minuten Verspätung tuckert die Gesellschaft dann endlich an. Der Oldtimerbus hatte eine Panne.

Dagegen lief bei einer Country-Hochzeit alles glatt. „Das war richtig schön“, schwärmt Dieter Hennig noch heute. Braut und Bräutigam und einige Gäste rollten mit lautstarken Motorrädern vor. Welch ein Anblick!

Die Musik könnte ähnlich rockig gewesen sein. Der generelle Trend entferne sich ohnehin immer mehr vom Traditionellen, wie dem Hochzeitsmarsch von Mendelssohn oder Richard Clayderman. Wer heute heirate, so Evelin Gärtner, wähle nicht selten die Hochzeitsversionen bekannter Titel, wie „Seite an Seite“ von Christina Stürmer, „Das Beste“ oder „Ja“ von Silbermond, „Unter die Haut“ von Tim Bendzko und Cassandra Steen oder Namikas „Lieblingsmensch“. Nach wie vor aktuell sind die „Drei Haselnüsse für Aschenbrödel“. Wenn möglich, wird die Musik live gespielt, sehr gern von Lehrern und Schülern der Kreismusikschule. In Saathain steht dafür der Blüthner-Flügel bereit. Wird dazu noch herzergreifend gesungen, bleibt kaum ein Auge trocken, wissen die Standesbeamten.

Dagegen sind die einschlägigen TV-Sendungen mit Brautkleidkaufdrama und Fernsehhochzeit Langweiler. „So etwas gucken wir nicht“, entgegnet Evelin Gärtner. „Die Realität ist anders, besser“, ergänzt Dieter Hennig.

Viktoria Weller ist seit zwei Monaten Standesbeamtin in Elsterwerda.
Viktoria Weller ist seit zwei Monaten Standesbeamtin in Elsterwerda. FOTO: LR / Manfred Feller

Das weiß inzwischen auch die Jüngste im Bunde der Elsterwerdaer Standesbeamten: die 37-jährige Viktoria Weller aus Prösen. Seit dem 30. Juli darf sie Paare trauen. „Das ist so emotional, das erlebt kein Verwaltungsmensch“, hat sie sich ihren Traum erfüllt. Die erste Hochzeit war dann am 10. August. „Ich habe die halbe Nacht nicht geschlafen“, berichtet sie. Und nicht gut geträumt. Doch dank der intensiven Vorbereitung lief es bestens. Das Brautpaar aus Elsterwerda wusste von dieser Premiere. Als Dankeschön überreichte die frisch gebackene Ehefrau der Standesbeamtin einen Blumenstrauß. Schöner geht es nicht. Inzwischen hat Viktoria Weller weitere Paare getraut. Von Lampenfieber sprechen alle Standesbeamten auch nach vielen Jahren im Dienst. Voraussetzung für diesen Traumberuf ist die Befähigung für den gehobenen Dienst.

Dieses Bühnengefühl strebt, wie andere Stadtoberhäupter vor ihr, auch Bürgermeisterin Anja Heinrich als Verstärkung des Teams an. Im Oktober absolviert sie einen zweiwöchigen Lehrgang mit Prüfung. Sie weiß, dass dort viel verlangt wird. „Ich habe einen Heidenrespekt davor“, gesteht sie mit Blick auf die Leistungen ihrer Mitarbeiter. Denn ein Standesbeamter schlägt sich mit reichlich Rechtskram herum. Die Bandbreite reicht von der Namensänderung über die Eheschließung bis hin zu Vaterschaftsanerkennung und Sterbefall.

Eine Sache geht die Bürgermeisterin schon jetzt an: Das Trauzimmer soll 2019 vom Stadthaus zurück in das Rathaus. Es muss nach Brand, Löschwasser und Feuchtigkeit im Mauerwerk noch saniert und renoviert werden.