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Verwaltung verweigert Liftanbau

Elke Böhm im Gästezimmer, wo der Lift angedockt werden könnte.
Elke Böhm im Gästezimmer, wo der Lift angedockt werden könnte. FOTO: Frank Claus
Mühlberg/Koßdorf. Elke Böhm ist 55 Jahre alt und an Multipler Sklerose erkrankt. Um sich fortbewegen zu können, ist sie auf den Rollstuhl angewiesen. Frank Claus / fc

Das Mehrfamilienhaus gehört zum kommunalen Wohnungsbestand der Stadt Mühlberg. Sie ist auf die Hilfe eines Pflegedienstes angewiesen, hat bislang aber auch immer noch versucht, ab und an allein die Treppen im Hausflur zu besteigen, um ihre Wohnung selbstständig zu verlassen oder in sie zu gelangen. Dazu hat sie jeweils einen Rollstuhl an der ersten und der letzten oberen Treppenstufe postiert. "Ich ziehe mich dann seitlich immer am Geländer hoch", beschreibt sie. Ohne Komplikationen ist das nicht abgegangen. Eine Sehne in der Schulter musste bereits operiert werden, nun schmerzt auch die andere Seite der Schulter.

Sie hat sich mit einem Antrag, einen Lift an das Fenster ihres Gästezimmers anzubauen, an die Stadt Mühlberg gewandt. Zunächst habe der Bauamtsleiter bei einer Vor-Ort-Begehung gemeinsam mit einem Liftbauer auch davon gesprochen, dass dies "technisch gar kein Problem" sei. Doch inzwischen dürfe sich der Mann dazu nicht mehr äußern. Mühlbergs Bürgermeisterin Hannelore Brendel hat Elke Böhm in Begleitung von Mitarbeitern des Pflegestützpunktes Elbe-Elster besucht und ihr erklärt, dass der Anbau nicht möglich sei. In einer schriftlichen Antwort aus dem Rathaus heißt es, dass dies "einen erheblichen Eingriff in die Bausubstanz bedeuten würde". In der Öffentlichkeit, so Hauptamtsleiterin Corinna Brandt, wolle sich die Bürgermeisterin zum Sachverhalt nicht mehr äußern.

Die Position der Stadt schildert sie deshalb: "Mühlberg hat noch kein Konzept für den behindertengerechten Umbau von Wohnungen im kommunalen Wohnungsbestand. Das erarbeiten wir gerade, gehen aber davon aus, dass - wenn Wohnungen umgebaut werden - sicher zuerst im Wohngebiet in Mühlberg passieren wird, wo es auch Einkaufsmöglichkeiten, Apotheke und Arzt gebe."

Finanziell könne sich die Stadt momentan solche Vorhaben in ihrem kommunalen Wohnungsbestand allerdings nicht leisten, "Wir zahlen immer noch Schulden ab." Zudem habe die Stadt Elke Böhm bereits geholfen und ihr Bad umgebaut. Dafür stottert die Frau noch etwa 2000 Euro in monatlichen Raten ab.

Gegenüber der RUNDSCHAU erklärt Elke Böhm, dass sie auch den Liftanbau finanzieren würde. 4000 Euro seien ihr von der Krankenkasse zugesagt worden. Der Lift kostet etwa 11 000 Euro, weitere 5000 bis 6000 Euro seien sicher für den Anbau (Maurerarbeiten, Verlegung des Heizkörpers, Elektro und Wetterfestmachung) zu kalkulieren.

Der Vorschlag aus der Verwaltung, doch woanders hinzuziehen - "man hat mir Bad Liebenwerda vorgeschlagen" - empört Elke Böhm. "Meine 79-jährige Mutter wohnt im Ort, ich habe hier meine sozialen Kontakte, den Pflegedienst, den Arzt, Physio- und Ergotherapeuten, eine Haushaltshilfe - alle müsste ich mir neu suchen. Ich bin in Koßdorf geboren, wohne jetzt neun Jahre in der Wohnung und habe schon einiges investiert", sagt sie.

Jürgen Brückner, Integrationsbeauftragter beim Landkreis, will nun Elke Böhm persönlich aufsuchen und sich ein Bild machen. Mit der Argumentation der Stadt habe er Bauchschmerzen. "Das ist eine Frage von Selbstbestimmung. Die Stadt müsste doch ein Interesse haben, dass ihre Einwohner im Ort bleiben und sie nicht verpflanzen."

Zum Thema:
Dass Mühlberg erst jetzt an einem Konzept zur Schaffung behindertengerechten bzw. barrierefreien Wohnraums arbeitet, verwundert den Integrationsbeauftragten Jürgen Brückner. Im Landkreis gibt es 20 945 Menschen mit einem Grad der Behinderung von mehr als 30 Prozent, davon 15 162 Einwohner, deren Grad der Behinderung über 50 Prozent liegt. In Mühlberg sind es 785 (30 %), davon 573 mit einem Grad der Behinderung über 50 Prozent. Die Stadt habe 54 außergewöhnlich Gehbehinderte. Zu beachten sei, dass Mühlberg ein Pflegeheim habe. Diese Bewohner seien eingerechnet.