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| 19:55 Uhr

Verbrechen an Juden wachhalten
„Es ist nicht vorbei“

 Dr. Peter Fischer (r.) bei einer der jährlichen Gedenkveranstaltungen für den „Verlorenen Transport“ in Langennaundorf.
Dr. Peter Fischer (r.) bei einer der jährlichen Gedenkveranstaltungen für den „Verlorenen Transport“ in Langennaundorf. FOTO: Sven Gückel
Bad Liebenwerda/Berlin. Die abscheuliche Tat von Halle berührt auch zwei Männer, die in Elbe-Elster die Verbrechen an Juden wachhalten wollen: Dr. Peter Fischer und Rainer Bauer. Von Frank Claus

In Halle versucht am Mittwoch ein 27-Jähriger am wichtigsten jüdischen Feiertag mit Waffengewalt in eine Synagoge einzudringen. Als das nicht gelingt, erschießt der Rechtsextremist, der sich nach Ermittlerangaben auch als Judenhasser äußert, wahllos zwei Menschen, eine Frau auf der Straße und einen Mann in einem Dönerladen. Auf seiner Flucht verletzt er zwei weitere. Alle sind Deutsche.

Dr. Peter Fischer, von 1990 bis 2009 leitender Mitarbeiter des Zentralrates der Juden, hat die Nachricht von den abscheulichen Ereignissen von seiner Frau erhalten, als er „gut bewacht von Polizisten“, wie er sagt, in einer Berliner Synagoge den Feiertag begeht. Die Synagoge in Halle, die Ziel des Anschlags war, kennt er bestens. Er hat die dortige jüdische Gemeinde von 1997 bis 1999 geleitet. „Ich kenne die Gemeinde, die Räumlichkeiten, die Sicherheitstechnik“, sagt der heute 75-Jährige, der sich seit vielen Jahren auch um die Erinnerungskultur im Elbe-Elster-Kreis verdient gemacht hat. Er ist mehrfach Redner bei den Gedenktreffen für den „Verlorenen Transport“. So wird ein Zug mit etwa 2500, völlig entkräfteten, ausgemergelten, jüdischen Häftlingen aus dem KZ Bergen-Belsen, der im April 1945 beim Bahnhof Beutersitz bei Langennaundorf zum Stehen kam und nach Tröbitz zurückgeschoben wurde, bezeichnet. Er hilft bei der Wiedereinweihung des 1839 angelegten jüdischen Friedhofes in Uebigau und leistet jetzt Unterstützung bei der Aufarbeitung der etwa 500 Kinderschicksale des „Verlorenen Zuges“.

Die Tat von Halle belege einmal mehr, wozu Rassismus, Fremdenfeindlichkeit, Ausgrenzung führen könne. Dabei seien die „Juden nur die Zielscheibe“. Betroffen seien alle Menschen. „Die Bevölkerung muss sich zur Wehr setzen“, meint der in London geborene Sohn jüdischer Eltern, die dorthin vor den Nationalsozialisten flüchteten. Die Aufarbeitung der Geschichte sei notwendiger denn je. Die Politik versage dabei in vielen Punkten. „Die Reden sind immer besser geworden“, sagt Peter Fischer und fügt an, dass die Politiker bei der inhaltlich-geschichtlichen Darstellung „kaum noch Fehler machen.“ Dann stockt er einen Moment und meint: „Aber das Handeln wird immer schwächer.“

 Der Eingang zum jüdischen Friedhof in Tröbitz.
Der Eingang zum jüdischen Friedhof in Tröbitz. FOTO: LR / Frank Claus

Auch in Brandenburg sei das nicht anders. Es sei immer schwerer, Stätten der Erinnerungskultur zu bewahren, Projekte zur Aufarbeitung jüdischer Geschichte auch finanziell gefördert zu bekommen. Er nennt den Fall des jüdischen Unternehmers Ignaz Petschek (1857-1934). Der Mann gehörte zu den 15 einflussreichsten Männern zu Beginn des 20. Jahrhunderts, hatte große Anteile an Braunkohlewerken und Bergbaugesellschaften in Nordwestböhmen und Mitteldeutschland. Ihm gehörte auch die Brikettfabrik Louise in Domsdorf. Er hatte bedeutende Verdienste bei der Industrialisierung des Landes. Sein Wirken aufzuarbeiten, finde wenig Unterstützung seitens des Landes.

Das weiß auch Rainer Bauer, der Geschäftsführer der Bauer Fruchtsaft GmbH in Bad Liebenwerda, der sich seit Jahren bemüht, jüdische Geschichte in der Region zu bewahren. Auch er ist an der Aufarbeitung der Biografien der geretteten Kinder des „Verlorenen Transports“ und an der Petschek-Geschichte beteiligt, fühlt sich „oft aber allein auf weiter Flur“.

 Rainer Bauer. Der Unternehmer bemüht sich um die weitere Aufarbeitung jüdischer Geschichte im Kreis.
Rainer Bauer. Der Unternehmer bemüht sich um die weitere Aufarbeitung jüdischer Geschichte im Kreis. FOTO: LR / Frank Claus

Zwar sei mit den Stelen am jüdischen Friedhof in Tröbitz ein wichtiger Schritt getan worden, „aber schauen Sie sich doch den Friedhof an. Die Grabsteine und das Denkmal verwittern immer mehr“. Das sei auch am Denkmal in Schipkau so. Als er den dortigen Bürgermeister darauf hingewiesen habe, dass man die Inschriften nicht mehr lesen könne, habe er nicht einmal eine Antwort erhalten.

 Gedenken an den „Verlorenen Transport“ auf dem jüdischen Friedhof in Tröbitz.
Gedenken an den „Verlorenen Transport“ auf dem jüdischen Friedhof in Tröbitz. FOTO: LR / Frank Claus

Heute belegen Statistiken, dass die Zahl antisemitischer Gewalttaten in Deutschland wieder steigt, dass die Jugend über den Holocaust fast nichts weiß. Nationalismus und Egoismus nehmen zu, die Verrohung der Gesellschaft auch. Rechtsextreme erstarken. Für Rainer Bauer jedenfalls steht fest: „Es ist noch nicht vorbei.“

 Gedenken an den „Verlorenen Transport“ auf dem jüdischen Friedhof in Tröbitz.
Gedenken an den „Verlorenen Transport“ auf dem jüdischen Friedhof in Tröbitz. FOTO: LR / Frank Claus
 Gedenken an den „Verlorenen Transport“ auf dem jüdischen Friedhof in Tröbitz.
Gedenken an den „Verlorenen Transport“ auf dem jüdischen Friedhof in Tröbitz. FOTO: LR / Frank Claus