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| 17:20 Uhr

Anfang der 1970er-Jahre schrieb sie Sportgeschichte
Rosen für die Turn-Weltmeisterin aus Gorden

Dass ihre Lehrerin Annelore Haupt am Montag 60 Jahre jung geworden ist, wussten die Schüler ihrer Klasse. Die 24 Mädchen und Jungen am Grundschulstandort in Hohenleipisch schenkten ihr jeweils eine Rose. Doch dass die Plessaerin eine Turnweltmeisterin war, wissen nicht alle Jüngeren.
Dass ihre Lehrerin Annelore Haupt am Montag 60 Jahre jung geworden ist, wussten die Schüler ihrer Klasse. Die 24 Mädchen und Jungen am Grundschulstandort in Hohenleipisch schenkten ihr jeweils eine Rose. Doch dass die Plessaerin eine Turnweltmeisterin war, wissen nicht alle Jüngeren. FOTO: Veit Rösler
Plessa/Hohenleipisch. Annelore Haupt, geb. Zinke, aus Gorden in Elbe-Elster war Anfang der 1970er-Jahre eine der besten Turnerinnen weltweit. In ihrer Paradedisziplin Stufenbarren ist sie sogar Weltmeisterin geworden. Nach ihrer aktiven Zeit wurde sie Lehrerin. Am Montag wurde sie 60. Von Manfred Feller

Na, klar gibt es noch jene Älteren, die sich an die erfolgreichen DDR-Turnzeiten in den 1960-er und 70er-Jahren erinnern. Genau aus jenen Kreisen kam ein guter Tipp zu einer Frau, die in Gorden aufgewachsen ist, Sportgeschichte geschrieben hat und jetzt Grund zum Feiern hatte.

Gemeint ist Annelore Haupt, geb. Zinke. In Varna (Bulgarien) wurde sie 1974 dank einer super Leistung Weltmeisterin am Stufenbarren. Mit 15 Jahren war sie gleichzeitig die bis dahin jüngste Turntitelträgerin aller Zeiten. Am Montag beging die Lehrerin aus Plessa ihren 60. Geburtstag. Sport frei und alles Gute auch weiterhin!

Der Titel im Jahr 1974 kam überraschend, war andererseits auch das Ergebnis knallharten, jahrelangen Trainings. Große Erfolge konnte Annelore Zinke als Kind und Jugendliche allerdings keine vorweisen, erinnert sie sich heute. „Ich war auch nie DDR-Meisterin“, bedauert sie ein wenig. An ihrem Paradegerät, dem Stufenbarren, wurde sie 1973 hinter Angelika Hellmann „nur“ Zweite. Im Jahr darauf blieb ihr ebenfalls nur der Silberrang und sie wurde Mehrkampfzweite.

Doch das reichte allemal, um zur sechsköpfigen Frauenmannschaft (plus Ersatzstarter) zu gehören, die zur WM nach Varna fliegen durfte. Dort holte sie mit der Mannschaft den 2. Platz hinter der Sowjetunion und überraschte die namhafte Konkurrenz am Stufenbarren. Die Turnfreunde werden sich daran noch erinnern: Olga Korbut und Ljudmila Turischtschewa hatten das Nachsehen.

1975 qualifizierte sich Annelore Zinke für die Europameisterschaft. Diesmal reichte es am Stufenbarren hinter der legendären Nadia Comaneci lediglich zu Rang 2. Im Mehrkampf wurde sie Dritte.

Die DDR, so Annelore Haupt, war auch im Sport eine Planwirtschaft. Zu ihrer Zeit wurde das Kampfziel ausgegeben, bei der WM mindestens je eine der drei Medaillenfarben zu gewinnen. Entsprechend seien die Gerätespezialisten auch vorbereitet worden.


Sehr elegant: Das ist die Autogrammkarte der Turnerin Annelore Zinke aus Gordon, 1974 Weltmeisterin am Stufenbarren.
Sehr elegant: Das ist die Autogrammkarte der Turnerin Annelore Zinke aus Gordon, 1974 Weltmeisterin am Stufenbarren. FOTO: Dynamo-Bild

Nach der EM hatte Annelore Zinke großes Pech. „Ich war am Stufenbarren gestürzt und hatte mir beide Ellenbogen ausgekugelt“, blickt sie zurück. Sie versuchte, sich wieder an die DDR-Spitze heranzukämpfen, doch es reichte nicht, um sich für die Olympischen Spiele 1976 in Montreal zu qualifizieren. „Nach dem Sturz ist eine Blockade im Kopf geblieben und damit immer die Angst an den Geräten. Ich kam nicht mehr hinterher“, so die 60-Jährige. „1977 habe ich dann gesagt: ,Ich höre auf!’ Das war nicht einfach.“ Ein weiterer Grund: Mit zunehmendem Alter war das Wettkampfgewicht von nur 43,5 Kilogramm bei 1,58 Meter Körpergröße nur sehr schwer zu halten. Die Überredungsversuche der Funktionäre und des Vaters prallten ab. Mit nicht einmal 18 Jahren war die Sportlerkarriere damit beendet.

Begonnen hatte diese eher zufällig innerhalb der systematischen Talenteentwicklung in der DDR. Weil es in Gorden eine Schule mit Turnhalle gab, kam vom Sportbund der Auftrag, dort eine Turnriege aufzubauen. Die Zweitklässlerin Annelore Zinke wollte unbedingt mitmachen. Sie entwickelte sich so gut, dass sie ab Klasse 4 zweimal in der Woche zum Training zur BSG Aktivist Lauchhammer fuhr. Diese Betriebssportgemeinschaft hatte viele gute Turner.

Ein Jahr später ging es noch weiter weg – zur Kinder- und Jugendsportschule nach Forst. Karin Hetzke war die Trainerin. Sie schöpfte das Potenzial der zierlichen Annelore aus und freute sich mit ihr, als 1973 die Delegierung zum bekannten Sportclub Dynamo nach Berlin folgte. Dort wurde das Gordener Mädel von keinem Geringeren als Jürgen Heritz trainiert. Er hatte zuvor Karin Janz aus der Nähe von Lübben zu Weltmeister- und Olympiaehren am Stufenbarren geführt.

„Je nach Trainer ging es sehr streng zu. Es herrschte nicht selten ein rauer Ton. Da durfte man nicht schwach besaitet sein. Wer die Norm nicht gebracht hat, der wurde radikal aussortiert“, so Annerose Haupt heute. Zum Thema Doping sagt sie: „Wir wussten nicht, was in den Vitaminen noch drin war.“

Unterm Strich bleibe jedoch: Ohne Druck keine Höchstleistung. Das sei heute im Sport nicht anders. „Wer etwas erreichen will, muss kämpfen, sich schinden. Der Sport formt einen. Man hat immer ein Ziel vor Augen, lernt Disziplin, Ordnung und Pünktlichkeit. Das gebe ich als Lehrerin an meine Schüler weiter“, sagt sie.

Als Jugendliche sei man fern des Heimatdorfes sehr schnell erwachsen geworden. Wenn es Probleme gab, konnten die jungen Sportler nicht mal schnell zu Hause anrufen. Es wurde geschrieben. Ehe die Antwort kam, war das Thema oft schon erledigt.

Nach der Sportlerkarriere wurde Annerose Haupt Lehrerin für Mathematik, Deutsch und Sport – zunächst für die Grundschule, nach der Wende qualifizierte sie sich auch für die Sekundarstufe I. Ihre Stationen waren Elsterwerda, Plessa, das Gymnasium und dann die Grundschule Hohenleipisch-Plessa.

Noch heute staunen ihre Schüler, wenn sie ihnen im Sport alles vormachen kann. Allgemein beobachtet sie, dass viele Kinder mehr Bewegung sehr gut tun würde. Vorbild seien die Eltern.

Ihre zwei Töchter hat Annelore Haupt nie in den Leistungssport gedrängt. „Beide sind aber gute Freizeitsportler“, sagt sie. Ihren Man Hans-Dieter, mit dem sie seit 40 Jahren verheiratet ist, kennt sie mit Unterbrechungen seit der 4. Klasse. Auch er war Turner.