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| 16:11 Uhr

Mehrere Überraschungen zu zwei Jubiläen
Wenn Trucker Tränen trocknen

Da steigen Truckfahrer Gerhard Beitel die Tränen in die Augen. Seine Frau Renate und Kollegen überraschen ihn am Sonnabend gleich mehrfach.
Da steigen Truckfahrer Gerhard Beitel die Tränen in die Augen. Seine Frau Renate und Kollegen überraschen ihn am Sonnabend gleich mehrfach. FOTO: LR / Frank Claus
Bad Liebenwerda. Er ist jetzt 60 Jahre alt, hat viel erlebt und gesehen – aber das, was seine Ehefrau Renate und Kollegen da mit ihm am Sonnabend veranstalten, treibt Gerhard Beitel aus Bad Liebenwerda die Tränen in die Augen. Von Frank Claus

Gerhard Beitel feiert in diesem Jahr zwei Jubiläen. Am Dienstag der vergangenen Woche ist er 60 Jahre alt geworden. Und in diesem Jahr sitzt er 40 Jahre „auf dem Bock“ als Berufskraftfahrer im Fernverkehr. Angefangen hat er einst beim Kraftverkehr.

Er hat sich nichts dabei gedacht, als seine Frau schon ziemlich langfristig festgelegt hatte: Zum 60. Geburtstag wird weggefahren. Nicht am eigentlichen Jubiläumstag – der war Dienstag – sondern am Samstag. Deshalb war Gerhard Beitel in der vergangenen Woche auch noch mal auf Tour – im Ruhrgebiet und in der Schweiz.

„Ich habe ihm die ganze Zeit gesagt, wir fahren in die Tschechei Knödel essen“, erzählt Renate Beitel und erklärt, dass sie dies häufig tun, weil es Beiden gefällt. Und so sollte es auch an diesem Samstag sein. „Wir hatten besprochen, dass wir kurz nach 9 Uhr los wollen. Ich habe ihn unter die Dusche geschickt und erklärt, dass ich schon das Auto aus der Garage hole“, berichtet Renate Beitel von den Gesprächen am Morgen.

60. Geburtstag und 40 Jahre Berufskraftfahrer – zwei Jubiläen, die Gerhard Beitels Ehefrau sowie der Chef und Mitarbeiter seiner Firma zum Anlass nehmen, den Jubilar besonders zu ehren.
60. Geburtstag und 40 Jahre Berufskraftfahrer – zwei Jubiläen, die Gerhard Beitels Ehefrau sowie der Chef und Mitarbeiter seiner Firma zum Anlass nehmen, den Jubilar besonders zu ehren. FOTO: LR / Frank Claus

Erste Überraschung: Als Gerhard Beitel aus der Haustür des Wohnblocks tritt, steht der Autohändler seines Vertrauens und gratuliert nachträglich zum Geburtstag. „Das hat mich schon gewundert“, sagt der Kraftfahrer später. Doch dann gibt es ein Hupkonzert und Geräusche, die er kennt.

Fünf der 500 PS starken Volvo-Zugmaschinen rollen vors Haus - an den Lenkrädern Hans-Peter Hofmann, Chef der gleichnamigen Spedition aus Elsterwerda, und vier seiner besten Freunde: Torsten Weber, René Manig, Frank Möbius und Lutz Hanko. Auf den Beifahrersitzen deren Frauen beziehungsweise Partnerinnen. Gerhard Beitel kann es nicht fassen. Er ist so gerührt, dass er nichts sagen kann. Er steht wie versteinert da und noch bevor er winken kann, dreht er sich zu seiner Frau um. Er umarmt sie und seine Tränen benetzen ihren Hals.

„Ihr seid ja verrückt“, das ist das erste, was er stammeln kann, bevor einer nach dem anderen herzlich umarmt wird. Vom Chef erhält er einen großen Modelltruck mit seinem Namen und dann heißt es: Aufsitzen! Ehrenrunde durch die Kurstadt für Gerhard – durch das Dichterviertel, über die Ladestraße zum Gruppenbild auf dem Busbahnhof und schließlich am Lubwartturm vorbei und über den Roßmarkt zu gleich mehreren Ehrenrunden unter lautem Hupen in den Kreisel an der Schule.

Truckerlawine auf dem Feldweg. Spätestens da weiß Gerhard Beitel, in seinem Garten muss es noch eine Überraschung geben.
Truckerlawine auf dem Feldweg. Spätestens da weiß Gerhard Beitel, in seinem Garten muss es noch eine Überraschung geben. FOTO: LR / Frank Claus

Auf der Rückfahrt kommt Gerhard Beitel ins Stutzen. Wo geht es jetzt hin? Er ahnt, als der Feldweg zur Kleingartenanlage 1. Mai genommen wird und er den orangefarbenen Luftballon über seinem Garten sieht, dass da noch was passieren muss.

AC/DC-Musik dröhnt: „Highway to Hell“ – „Highway zur Hölle, Lockeres Leben, freie Liebe, Dauerkarte für ne Fahrt in eine Richtung.“ Der Rhythmus der harten Trucker-Jungs. Ein Zelt ist aufgebaut. Götz Walther von der Hafenschenke hat heimlich das Büfett geliefert, DJ Steffen Heinzmann am frühen Morgen eine leicht zu bedienende Musikanlage aufgebaut. Bierfässer stehen bereit.

Die Party kann steigen. Doch erst fahren die Jungs ihre „Schiffe“ wieder in die Firma. Gerhard Beitel lässt es sich nicht nehmen, seinen Brummi selbst nach Elsterwerda zu steuern. Jetzt kann auch Renate Beitel aufatmen. Die Überraschung ist gelungen. Er hat wirklich nichts geahnt. „Ich habe noch nie so viel geschwindelt wie in den letzten 14 Tagen“, sagt sie und lacht über die vielen Notlügen. Dabei wäre fast alles schief gegangen. Gerhard Beitel ist bereits am Donnerstag und nicht wie geplant am Freitag von seiner Tour zurückgekommen. „Ich hatte Riesenmühe, ihn am Freitag vom Garten fernzuhalten.“ Eins ist Gerhard Beitel dann doch spanisch vorgekommen. „Eigentlich gehen wir immer zum Schlauchbootrennen, das vor 14 Tagen stattfand. Diesmal wollte meine Frau mit Verweis auf nötige Arbeiten im Garten und im Bungalow partout nicht. Das hat mich gewundert. Aber jetzt weiß ich ja, warum“, sagt er und lacht.

„Gibt es denn das? Der Chef fährt mein Auto!“
„Gibt es denn das? Der Chef fährt mein Auto!“ FOTO: LR / Frank Claus

Klar, kommen jetzt die Trucker-Erlebnisse zur Sprache. „Der Gerhard ist ein ganz Verrückter. Der liebt seinen Lkw und seinen Job“, berichten die Kollegen und erzählen: „Gerd sagt immer, er muss wenigstens einmal in der Woche über eine Staatsgrenze fahren.“ Deshalb macht er oft auch noch die weitesten Touren. Davon gibt es nicht mehr so viele, nachdem die Osteuropäer mit Dumpingpreisen die Routen belegen. Da kommt auch etwas Wehmut auf. Schweden, Norwegen, Italien, Frankreich, Schweiz, England – überall dorthin sind die „Hofmänner“ einst gerollt. Inzwischen dominieren die Touren quer durch Deutschland. „Das Geschäft läuft trotzdem“, sagt der Firmenchef und fügt an: „Von meinen Leuten ist keiner mehr am Wochenende draußen. Das ist auch gut so.“