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| 18:56 Uhr

Gedenken zum Totensonntag
Gefühle am Totensonntag

Totensonntag auf dem Friedhof in Herzberg. Angehörige pflegen ein Grab und gedenken ihrer Lieben .
Totensonntag auf dem Friedhof in Herzberg. Angehörige pflegen ein Grab und gedenken ihrer Lieben . FOTO: Sven Gückel
Bad Liebenwerda. RUNDSCHAU-Reporter sind auf Friedhöfen im Elbe-Elster-Land mit Angehörigen ins Gespräch gekommen. Von Frank Claus

Es ist ein schöner Novembertag – kühl zwar, aber sonnig. Nur noch wenige Blätter wiegen sich an den Bäumen, immer wieder fallen einzelne zu Boden. So vergänglich die Natur ist, so ist auch das menschliche Leben. Es ist der letzte Sonntag im November, Totensonntag. Viele Menschen mögen den Begriff so nicht. Er klingt ihnen zu hart. Ewigkeitssonntag, wie die evangelischen Christen den letzten Sonntag vor dem 1. Advent bezeichnen, ist ihnen lieber.

Doch, egal wie der Name lautet, an diesem Tag gedenken Menschen ihrer verstorbenen Angehörigen. Aber auch Freunden und Bekannten. Schon seit Freitag sind deutlich mehr Menschen auf dem Bergfriedhof in Bad Liebenwerda unterwegs. Am Sonntag hat Renate Bär aus Bad Liebenwerda mit ihrem Bruder und dessen Frau die Gräber der Mutter und des Ehemannes besucht. Wie wichtig ihnen der Totensonntag ist? „Eigentlich“, so Renate Bär, „bedarf es dieses Tages nicht. Denn das Gedenken, die Trauer über den Verlust, gibt es nicht nur einmal im Jahr.“ „Und dennoch“, so sagt ihr Bruder, der aus Dessau mit seiner Frau in jedem Jahr nach Bad Liebenwerda kommt, „ist dieser Tag wichtig. Wir Menschen brauchen wohl so einen speziellen Termin.“ Sie empfinden es als schön, dass Tochter und Sohn gemeinsam das Grab der Mutter besuchen. Doch es ist nicht nur diese halbe Stunde. Ein gemeinsames Mittagessen und Kaffeetrinken schließen sich an. Erinnerungen an Kindheits- und Jugendtage leben auf. Die Mutter ist dann mittendrin. Für Renate Bär ist der Totensonntag auch eine Art innerlicher Abschluss. Die Gräber sind geschmückt, das Jahr – wieder ist eines viel zu schnell herum – zählt die letzten Tage.

Doris Canel aus Bad Liebenwerda, mit ihrer Mutter Gertrud Gängler und ihrem Mann Christian auf dem Friedhof, hält inne, als sie die Frage nach der Bedeutung des Totensonntags und zum Gang auf den Friedhof vernimmt. „Ich fühle hier nichts“, sagt sie leise und entgegnet auf das Erstauen: „Ich lebe noch täglich mit meinem Papi. Zu Hause. Da, wo er gelebt hat.“ Im Alter von 70 Jahren ist er verstorben. Viel zu früh. Denn er hat geschafft. Das Häuschen gebaut, sich liebevoll um die Familie gekümmert. Doris Canel, die schon aus Bad Liebenwerda weggezogen war, hat nicht gezögert, als die Mutter, plötzlich allein im Haus, um Unterstützung bat. „Es war ein Hilferuf“, sagt die Tochter heute und freut sich, dass ihr Mann sie verstanden hat.

„Heute wohnen wir alle drei in dem Haus. Immer und überall sind da Spuren meines Vaters. Und wenn wir mal nicht weiter wissen – wenn wir an ihn denken und uns fragen, wie er es gemacht hätte, kommt uns eine Idee“, erzählt sie. Begraben ist ihr Vater im „Garten der Ewigkeit“. Auf dem Weg dorthin berichtet Gertrud Gängler: „Wir waren vor seinem Tode hier. Da hat er plötzlich gesagt, dass es hier schön sei. Hier möchte er begraben werden. Gut, dass ich das wusste. Ich hätte mich bestimmt anders entschieden.“

Der Herzberger Friedhof, der von der evangelischen Kirche betrieben wird, ist immer gepflegt, zum Totensonntag aber ganz besonders. Die Gräber sind mit saftigem Tannengrün bedeckt und mit Gestecken geschmückt. Alpenveilchen, Chrysanthemen und andere Herbstblumen sorgen für eine ruhige, freundliche Stimmung.

Margot Effenberger aus Herzberg kommt jede Woche auf den Friedhof. Das sei kein Problem, denn er liegt  mitten in der Stadt und  ist gut erreichbar. Schon als Kind ist sie mit der Mutti oft ans Grab der Großeltern gegangen, erzählt sie. Jetzt pflegt sie regelmäßig  das Grab der Mutter. „Für mich ist es selbstverständlich, dass das Grab immer hübsch aussieht. Zum Totensonntag aber wird es besonders geschmückt“, sagt sie. Der Friedhof ist für Margot Effenberger auch ein Ort der Ruhe, wo man seinen Gedanken nachgehen kann. Außerdem treffe sie hier immer mal wieder Bekannte.

Das ist bei Ursula Kunath eher selten der Fall. Sie wohnt in Senftenberg und besucht drei Mal im Jahr das Grab der Eltern in Herzberg – im Frühjahr zum Bepflanzen, im Sommer und zum Totensonntag. So hat sie auch diesmal wieder ein Gesteck und Blumen mitgebracht und bereitet das Grab für den Winter vor.  Das ist für sie trotz der Entfernung  selbstverständlich und wichtig, sagt  Ursula Kunath.  Und damit der Grabschmuck  auch in der warmen Jahreszeit schön aussieht, beauftragt sie die Friedhofsverwaltung mit dem regelmäßigen Gießen.

Auch in den Herzberger Ortsteilen haben die Familien am Sonntag ihrer verstorbenen Lieben gedacht. Marlies Gürtler aus Borken hat das Grab der Eltern in der vergangenen Woche belegt und geschmückt. Am Totensonntag ist sie noch einmal auf den Friedhof gegangen, auch ihr Bruder und ihre Schwägerin aus Bernsdorf waren am elterlichen Grab. „Anschließend gibt es bei uns in Borken Kaffee. Das ist ein Ritual“, sagt   Marlies Gürtler.

In der Sängerstadt nutzen viele Angehörige und Freunde die frühe Nachmittagsstunde am Totensonntag für ihr Gedenken an die Lieben. Alljährlich um 14 Uhr trifft man sich, wenn der Männerchor „Einigkeit“ mit passenden Liedern die Stunde der Erinnerung bereichert. Ob allein oder in Familie – man spaziert über die große, ­parkähnliche Anlage, schaut nach den gesäuberten und mit Gestecken oder frischen Blumen geschmückten Gräbern von Familienangehörigen, Freunden und Bekannten. Auch Petra Lorenz aus Finsterwalde ist mit ihrer Familie an diesem besonderen Sonntag immer auf dem Friedhof. „Wir besuchen hier einen sehr guten Freund und die beiden Opas”, sagt sie. Natürlich rege dieser Besuch dann auch die Erinnerung an. „Der eine Opa war immer sehr lustig und offen, der andere eher ein Ruhepol, mit dem auch mal ein ernsthaftes Gespräch möglich war“, umschreibt sie. „Und der gute Freund ist einfach viel zu früh von uns gegangen.“

Der Männerchor beendet seinen Reigen traditionell mit dem Lied „S is Feieroamd, das Tagwerk ist vollbracht“, einer erzgebirgischen Volksweise. Noch ein paar Gespräche mit Leuten, die man lange nicht gesehen hat und dann löst sich der Besucherstrom schon wieder auf. Auch der Volkschor Massen hat am Totensonntag zunächst auf dem Friedhof in Tanneberg, danach auf dem Friedhof in Massen gesungen.

Totensonntag auf dem städtischen Friedhof in Finsterwalde, Sonnewalder Straße. Viele Menschen versammeln sich an den Gräbern.
Totensonntag auf dem städtischen Friedhof in Finsterwalde, Sonnewalder Straße. Viele Menschen versammeln sich an den Gräbern. FOTO: Heike Lehmann / LR
Auf dem Bergfriedhof in Bad Liebenwerda: Gertrud Gängler mit ihrer Tochter Doris Canel und Schwiegersohn Christian am „Garten der Ewigkeit“.
Auf dem Bergfriedhof in Bad Liebenwerda: Gertrud Gängler mit ihrer Tochter Doris Canel und Schwiegersohn Christian am „Garten der Ewigkeit“. FOTO: Frank Claus / LR