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Verheerender Unfall
Für immer eingebrannt in Elsterwerda

Das Inferno von Elsterwerda. Am 20. November 1997 entgleist ein mit Benzin beladener Güterzug auf dem Bahnhof. Zwei Kesselwagen explodieren. 470 Tonnen Benzin laufen aus. Mehr als 300 Feuerwehrleute sind fast zwei Tage im Einsatz.
Das Inferno von Elsterwerda. Am 20. November 1997 entgleist ein mit Benzin beladener Güterzug auf dem Bahnhof. Zwei Kesselwagen explodieren. 470 Tonnen Benzin laufen aus. Mehr als 300 Feuerwehrleute sind fast zwei Tage im Einsatz. FOTO: Martin_Schutt
Elsterwerda. Es ist heute auf den Tag genau 20 Jahre her. Auf den Gleisen des Elsterwerdaer Bahnhofes explodieren benzingefüllte Kesselwagen. Zwei Feuerwehrleute sterben. Von Frank Claus

 Der morgendliche Berufsverkehr ist in der Kleinstadt im Elbe-Elster-Kreis im vollen Gange. Die Autoschlange wälzt sich über die große Bahnbrücke in Elsterwerda. Dann das Inferno: An jenem Morgen des 20. November 1997 rast kurz nach halb Sieben ein Zug ungebremst mit etwa 80 Kilometern je Stunde und damit doppelt so schnell wie erlaubt über eine Weiche des Bahnhofs in Elsterwerda. Dort reißt sich die Lok vom Haken, 15 der 22 Kesselwagen, gefüllt mit Benzin, entgleisen. Um 6.39 Uhr wird die Feuerwehr alarmiert.

Als die ersten Kameraden am Bahnhof eintreffen und zur Lageerkundung ausrücken, erfüllt eine gewaltige Detonation die Luft. Eine Stichflamme schießt in den Himmel, der benachbarte Lokschuppen und ein Wirtschaftsgebäude werden zu Ruinen. Die Explosion von Kesselwagen Nummer fünf um 6.59 Uhr verschärft das Inferno. Herumfliegende Trümmerteile begraben  Horst Mechelk unter sich. Er ist sofort tot. Horst Gautsch erliegt später seinen schweren Verletzungen. Elf Wagen brennen aus. Später wird bekannt: 470 Tonnen Benzin sind ausgelaufen und drohen komplett im Erdreich zu versickern.

Die Stadt Elsterwerda wird heute bei einer Gedenkfeier an die zwei Feuerwehr-Kameraden, die diesen Einsatz mit ihrem Leben bezahlt haben, erinnern. Acht Kameraden und Polizisten werden verletzt, fünf davon schwer.

Schon am Morgen wird der heutige Elsterwerdaer Stadtbrandmeister Uwe Petersen beim Frühstück genau auf die Uhr schauen. Dieser Einsatz ist einer von vielen, der ihn nicht mehr loslässt. Auch nach 20 Jahren nicht. Er war damals Wehrführer.

Die Druckwelle schleudert den Ortswehrführer meterweit über die Straße vor dem Bahnhof. „Ich kroch hinter einen Baum“, erzählt er. „Neben mir wälzte sich ein Kamerad mit brennender Jacke auf dem Boden.“ Als Uwe Petersen ihm helfen will, kann er sich nicht aufrichten. Irgendetwas hat ihm den Fuß zertrümmert. Das Haus, hinter dem die anderen Deckung gesucht haben, ist ein brennender Trümmerhaufen. Alle haben Brandwunden und Knochenbrüche.

Die Kessel zu kühlen, das Feuer zu löschen und damit weitere Explosionsgefahren zu bannen, dauert 34 Stunden. Gleichzeitig wächst eine neue Befürchtung: Hat das ausgelaufene Benzin bereits die öffentliche Kanalisation erreicht?

Experten der BASF aus Ludwigsburg werden eingeflogen, Spezialisten einer Spremberger Entsorgungsfirma treffen ein. Später werden Ingenieurbüros, die TU Berlin und das Helmholtz-Forschungszentrum aus Leipzig integriert.

Diplom-Geologe Jochen Dittmann vom Ingenieurbüro GEO-Dittmann aus Bad Liebenwerda gehört zu den Experten, die heute noch die Folgen der Katastrophe genau im Blick haben. Er erinnert sich: „Dass die Bahn damals so schnell reagiert hat und wenige Stunden später schon den Bodenaushub organisierte, hat schlimmere Folgen verhindert.“

Mehr als 13 000 Kubikmeter Erdreich seien in einer Miete ins etwa vier Kilometer entfernte Kahla gefahren und auf dicken, verschweißten Folien gelagert worden. In den Riesenberg verseuchter Erde wurden Bodenluftrohre eingebracht, um Benzindämpfe abzusaugen. „Insgesamt 169 Tonnen konnten allein dort entfernt werden“, so Jochen Dittmann.

Auch auf dem Bahnhof wird der Boden weiträumig abgesaugt, knapp eine Millionen Kubikmeter Wasser werden im Laufe der Jahre gefördert und gereinigt.“

Die Experten sind sich einig: Es hat keine Ausspülungen über das Bahngelände hinaus gegeben. Jochen Dittmann spricht wenig später von einer „geologischen Falle“, in der das Benzin gefangen gewesen sei. Dies sei auf eine glückliche Konstellation des Bodenaufbaues zurückzuführen. Die Gelogen erkennen schnell diesen Vorteil.  Im weiteren Verlauf der Sanierungsarbeiten erhalten diese Erkenntnisse unschätzbare Bedeutung. Obwohl der natürliche Zersetzungsprozess weit voran geschritten ist, sind die Folgen der Katastrophe auch heute, nach 20 Jahren, noch nachweisbar. Boden- und Wasserproben werden immer noch entnommen.

Jochen Dittmann: „Die Bahn hat in ihrem Sanierungswillen nicht nachgelassen.“ Auf dem Gelände gibt es immer noch 50 Grundwassermessstellen. Per PC könne regelmäßig der Grundwasserstand abgefragt werden. Besonders bedeutsam ist das, wenn zum Beispiel Hochwasser oder Starkregen die Grundwasserfließrichtung beeinflussen. Zweimal im Jahr würden spezielle Proben entnommen, jeden Monat gebe es Stichtagsmessungen. „Bis auf zwei Stunden genau können wir online Ergebnisse abrufen.“

Auch 20 Jahre nach dem Zugunglück in Elsterwerda werden Grundwasser und Boden immer noch regelmäßig kontrolliert. Das Foto aus dem Jahr 2012 zeigt Jochen Dittmann (l.) und seinen Kollege Rayk Walther an einer der Messstellen auf dem Bahnhofsgelände.
Auch 20 Jahre nach dem Zugunglück in Elsterwerda werden Grundwasser und Boden immer noch regelmäßig kontrolliert. Das Foto aus dem Jahr 2012 zeigt Jochen Dittmann (l.) und seinen Kollege Rayk Walther an einer der Messstellen auf dem Bahnhofsgelände. FOTO: Veit R“sler/vrs1