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| 19:14 Uhr

Schließung des Asylbewerberheims Hohenleipisch gefordert
Vorwürfe nach dem Tod einer Kenianerin

 Tot bei Hohenleipisch aufgefunden: Rita Awor Ojungé.
Tot bei Hohenleipisch aufgefunden: Rita Awor Ojungé. FOTO: Polizei
Der Tod der seit 7. April vermissten und Mitte Juni unweit des Asylbewerberheims Hohenleipisch aufgefundenen 32-jährigen Asylbewerberin Rita Awour Ojunge aus Kenia hat viele Fragen aufgeworfen. Nun fordern mehrere Initiativen die Schließung des Heimes. Von Frank Claus

Seit 7. April wurde sie vermisst. Am 25. April gibt die Polizeidirektion Süd eine Suchmeldung heraus und am 11. Juni startet die Polizei mit einer Hundertschaft eine groß angelegte Suchaktion nach der 32-jährigen Kenianerin Rita Awour Ojungé, die – eher ungewöhnlich – ihre zwei Kinder im Alter von eineinhalb und vier Jahren im Asylbewerberheim Hohenleipisch allein zurückgelassen hatte. Die Polizei durchkämmt ein 32 Hek­tar großes Waldstück, teils stark bewachsen und mit alten Bunkeranlagen bestückt, direkt neben dem Asylbewerberheim. Fünf Tage nach Start der Suche findet die Polizei Leichenteile, die zweifelsfrei der Frau zugeordnet werden können.

Seitdem sind Polizei und Staatsanwaltschaft starker Kritik ausgesetzt. So sagt Martin Vesely von der Opferperspektive Brandenburg, dass die Polizei viel zu lange von einem Vermisstenfall ausgegangen sei, anstelle hinsichtlich eines Tötungsdeliktes zu berichten. So habe der Lebenspartner der Frau, er sei der Vater des jüngeren Kindes und  habe das Sorgerecht für den Älteren, sich nach dem Verschwinden seiner Frau an die Opferperspektive gewandt und um Hilfe gebeten. Dabei habe er auch geschildert, dass der Vierjährige gesehen habe, dass die Mutter von einem Nachbar im Heim, einem Nigerianer geschlagen worden sei und dass dieser Mann seine Mutter weggeschleppt habe. Der Mann solle der Kenianerin seit längerer Zeit nachgestellt haben.

Am 30. April habe die Opferperspektive die Polizisten in Elbe-Elster informiert, am 10. Mai schließlich Strafanzeige gestellt  wegen des Verdachts eines Tötungsdelikts. Martin Vesely: „Wir hatten die ganze Zeit den Eindruck, es wird nicht konsequent genug hinsichtlich eines möglichen Verbrechens ermittelt.“ Und er wiederholt eine Aussage, die er so bereits zum „Tagesspiegel“ gesagt hatte: „Man muss sich nur den Fall vorstellen, dass eine deutsche Frau verschwindet, vermisst wird, dass ein Kind den Nachbarn schwer belastet. Dann würde die Polizei einiges in Bewegung setzen.“ So bemängelt er auch, dass der Junge nicht durch psychologisch geschulte Kriminalisten vernommen worden sei.

 Das Asylbewerberheim Hohenleipisch liegt mehrere Hundert Meter entfernt von weiterer Wohnbebauung und steht erneut in der Kritik.
Das Asylbewerberheim Hohenleipisch liegt mehrere Hundert Meter entfernt von weiterer Wohnbebauung und steht erneut in der Kritik. FOTO: LR / Jens Berger

Oberstaatsanwalt Gernot Bantleon von der Staatsanwaltschaft Cottbus wehrt sich gegen den Vorwurf, nicht umfassend ermittelt zu haben. „Wir haben bereits am 11. April mit Befragungen im Umfeld begonnen und am 16. April zum ersten Mal im Wald mit Hunden gesucht.“ Und man sei auch in der Zwischenzeit nicht untätig gewesen. Über ermittlungstaktische Details wolle er ebenso wenig Auskunft geben wie zum jetzigen Stand der Ermittlungen. Und er weist auch den Vorwurf zurück, dass der Junge nicht sorgfältig vernommen worden sei.

Die Opferperspektive kritisiert, dass dies nicht sofort geschehen sei. Polizei und Staatsanwaltschaft sprechen inzwischen von widersprüchlichen Aussagen des Jungen. Einem Beitrag des „Spiegel“ zufolge, solle der Junge einmal erklärt haben, seine Mutter sei in einem Zimmer angegriffen worden, ein weiteres Mal habe er berichtet, sie sei ausgerutscht.

 Women in Exil Foto: www.women-in-exile.net/ Bearbeitung: Lehmann/lr
Women in Exil Foto: www.women-in-exile.net/ Bearbeitung: Lehmann/lr FOTO: Women in Exile/ Bearbeitung: Lehmann/lr

Nach Angaben des Landkreises Elbe-Elster sei der Nigerianer in ein anderes Heim verlegt worden. Dezernent Roland Neumann zufolge habe es wegen dieses Mannes Unruhe unter den anderen Bewohnern in Hohenleipisch gegeben.

Vom Innenministerium des Landes Brandenburg erhalten Polizei und Staatsanwaltschaft Rückendeckung. „Es handelt sich in diesem Fall um ein laufendes Ermittlungsverfahren, bei dem die Zuständigkeit bei der Staatsanwaltschaft Cottbus liegt, die sich dazu auch bereits unlängst geäußert hatte“, erklärt Pressesprecher Ingo Decker und fügt hinzu, dass das Ministerium „völlig haltlose Unterstellungen von Nichtregierungsorganisationen gegenüber der Polizei in Bezug auf deren angeblichen ,institutionellen Rassismus’ ganz entschieden“ zurückweise. „Der Sache – das heißt: der Aufklärung des Falles“, so der Pressesprecher, sei „am besten gedient, wenn die Ermittler ungestört von sonstigen Akteuren ihre Arbeit machen können.“

Unterdessen mehren sich Initiativen, die eine Schließung des Heimes in Hohenleipisch fordern. Und das genau in jenem Moment, in dem der Landkreis Elbe-Elster, dem die Immobilie gehört, eine Neuvergabe der Bewirtschaftung ausgeschrieben hat. „Dieses Verfahren läuft“, bestätigt Presssprecher Torsten Hoffgaard.

So sieht die Initiative „Women in Exile“ Frauen in Hohenleipisch nicht sicher untergebracht (siehe Auszug der Internetseite). „Dieser Forderung schließen wir uns an“, sagt auch Martin Vesely. Er bemängelt die „Abgeschiedenheit mitten im Wald“. Von dramatischen Szenen, die sich gegenwärtig abspielen würden, berichtet Pierre Sonkeng vom Flüchtlingsrat Brandenburg. Der hatte bereits 2011 die Schließung des Heimes gefordert. „Wir waren in dieser Woche draußen. Die Frauen weinen nur noch, fühlen sich und ihre Kinder nicht sicher“, sagt er und meint, dass es „keine psychologische Betreuung“ der Asylbewerber gebe, von denen einige traumatische Erlebnisse verarbeiten müssten. „Die Bewohner dort sind völlig auf sich allein gestellt“, sagt Pierre Sonkeng.

 Das Asylbewerberheim Hohenleipisch liegt mehrere Hundert Meter entfernt von weiterer Wohnbebauung und steht erneut in der Kritik.
Das Asylbewerberheim Hohenleipisch liegt mehrere Hundert Meter entfernt von weiterer Wohnbebauung und steht erneut in der Kritik. FOTO: LR / Jens Berger
 Tot bei Hohenleipisch aufgefunden: Rita Awor Ojungé.
Tot bei Hohenleipisch aufgefunden: Rita Awor Ojungé. FOTO: Polizei