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| 20:06 Uhr

Werk der Südzucker AG
Das Ende von Brandenburgs letzter Zuckerrübenfabrik

 Ab 19. September 2019 werden zum letzten Mal Zuckerrüben zur Verarbeitung ins Brottewitzer Südzucker-Werk geliefert.
Ab 19. September 2019 werden zum letzten Mal Zuckerrüben zur Verarbeitung ins Brottewitzer Südzucker-Werk geliefert. FOTO: LR / Frank Claus
Brottewitz. Nach 146 Jahren stirbt mit dem Werk der Südzucker AG in Brottewitz dieser Industriezweig in Brandenburg. Die Lausitzer Rundschau begleitet die letzte Ernte. Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter berichten über ihre Gefühle und berufliche Perspektiven. Von Frank Claus

Weißer Qualm dampft aus der Esse des Braunkohleheizkraftwerkes der Südzucker-Fabrik in Brottewitz. Das ist bisher in jedem Jahr das untrügliche Zeichen dafür, dass die Zuckerrübenkampagne bevorsteht.

So ist es auch in diesem Jahr 2019. Und doch tragen die weißen Schwaden, die dem sonnendurchfluteten Himmel entgegenstreben am Mittwoch auch eine andere Botschaft mit sich: Sie werden zum letzten Mal aufsteigen.

Nach 146 Jahren endet vermutlich in den ersten Januartagen 2020 – so lange werden nach jetziger Prognose Rüben verarbeitet – die Zuckerrübenverarbeitung in Brottewitz.

Und nicht nur dort. Damit stirbt auch die Geschichte dieses Industriezweigs in ganz Brandenburg. Insgesamt 20 Zuckerfabriken gibt es noch in Deutschland, fünf davon im Osten.

 Ab 19. September 2019 werden zum letzten Mal Zuckerrüben zur Verarbeitung ins Brottewitzer Südzucker-Werk geliefert.
Ab 19. September 2019 werden zum letzten Mal Zuckerrüben zur Verarbeitung ins Brottewitzer Südzucker-Werk geliefert. FOTO: LR / Frank Claus

Südzucker-Mitarbeiter nehmen das Aus in Brottewitz hin

Wenn am Donnerstag, 19. September 2019, die Produktion zum letzten Mal am Südzucker-Standort in Brottewitz – die Aktiengesellschaft besitzt allein neun Werke in Deutschland – beginnt, sind bis auf vier junge Leute noch alle Mitarbeiter an Bord.

Ihre Gefühle? Betriebsratschef Stefan Born beschreibt sie so: „Die Mitarbeiter haben das Aus inzwischen hingenommen. Ausrichten können sie sowieso nichts mehr.“ Aber, so sagt er etwas leiser: „Es kratzt an den Gefühlen. Immer wieder kommen Frauen und Männer zu mir und sagen, dass es schon seltsam sei, zu wissen, dass man diesen oder jenen Arbeitsgang zum letzten Mal tue.“

 Im Zuckerhaus wird der Rübensaft in mehreren Kochapparaten zu Zucker kristallisiert, Werner Stohr (r.) und Betriebsleiter Jan Kunath.
Im Zuckerhaus wird der Rübensaft in mehreren Kochapparaten zu Zucker kristallisiert, Werner Stohr (r.) und Betriebsleiter Jan Kunath. FOTO: LR / Frank Claus

Das war zum Beispiel beim Zünden des Kalkofens so. Im Kalkofen wird Kalkmilch hergestellt, die für den Reinigungsprozess des Zuckers benötigt wird. Es hat Tradition, dass immer ein anderer den Ofen entzündet.

Südzucker-Werk: Der Kalkofen wird das letzte Mal entzündet

Am Abend gibt’s dann eine Runde Schnaps. Mythen ranken sich um dieses Ritual: Es heißt, je besser er durchzündet, umso besser wird die Kampagne. Und wehe, er geht nach dem Anfeuern noch mal aus...

Schon Tage vorm ersten Rübenschnitt  – dabei werden im Werk pommesähnliche Streifen aus den Rüben geschnitten – werden die Anlagen überprüft, laufen Bänder im Probebetrieb, wird die Nassstrecke getestet.

Werner Stohr, der Leiter der Rohstoffabteilung, hat dann schon einen gehörigen Teil der jährlichen Arbeit hinter sich. Er ist mit den Zulieferern, die zumeist aus Sachsen und Sachsen-Anhalt und zu einem kleineren Teil auch aus Brandenburg kommen, von der Aussaat bis zur Ernte im Kontakt.

Stohr erarbeitet mit seinem Team die Rodepläne und koordiniert die kontinuierliche Anlieferung im Werk.

Letzte Zuckerrüben-Ernte: Zu wenig Regen, kleine Rüben

Am Mittwoch, 18. September 2019, schaut er sich auf einem 41 Hektar großen Schlag bei Oschatz (Sachsen) um. Was er sieht, ist ernüchternd. Fehlender Regen hat die Rüben klein gehalten. Nach dem heißen, trockenen vergangenen Jahr nun zum zweiten Mal in Folge.

Und trotzdem, in anderen Regionen, so haben Proberodungen ergeben, sieht es etwas besser aus. „Wir haben im vergangenen Jahr durchschnittlich 57 Tonnen je Hektar geerntet. Es dürften diesmal vier bis fünf Tonnen mehr werden“, schätzt er.

Auf dem Acker wollen das Daniel Riedel und Denny Schillgalies, einer steuert den Rübenroder, der andere den Rübenreinigungswagen, noch gar nicht recht glauben. Denn selten ist es so wie an diesem Mittwoch: Es stiebt bei der Rübenernte. „Normalerweise haben wir mit Böden zu kämpfen, die an den Rüben kleben.“

 Werner Stohr, Leiter der Rohstoffabteilung (r.), im Gespräch mit Daniel Riedel, der den Rübenroder fährt (l.) und Denny Schillgalies, der den Überlader lenkt.
Werner Stohr, Leiter der Rohstoffabteilung (r.), im Gespräch mit Daniel Riedel, der den Rübenroder fährt (l.) und Denny Schillgalies, der den Überlader lenkt. FOTO: LR / Frank Claus

Auf dem Feld werden die Rüben in großen Mieten abgelegt und später mit der „Rübenmaus“, so heißt ein spezielles Ladegerät, auf die Lkw gewuchtet. Wer wann im Werk anliefern darf, ist genau festgelegt.

Zuckerrüben-Laster rollen zum letzten Mal nach Brottewitz

Wie sich das Aus für den Standort Brottewitz auf die Anbauflächen auswirken wird? „Es werden mit Sicherheit weniger Zuckerrüben angebaut, denn die Transportwege ins nächste Werk nach Zeitz sind zu kostenintensiv“, sagt der Leiter der Rohstoffabteilung.

So habe zum Beispiel der Agrarbetrieb gleich um die Ecke, die Agrargenossenschaft Mühlberg, bislang keinen Zuckerrüben-Liefervertrag abgeschlossen. Südzucker selbst habe den Bauern das Umstellen auf andere Feldfrüchte angesichts der Lage auf dem Markt mit „Trostzahlungen“ versüßt.

In den nächsten Tagen wird sich die Anfuhrmenge in Brottewitz täglich erhöhen. 6200 Tonnen können täglich im Werk – gearbeitet wird rund um die Uhr in einer Sieben-Tage-Arbeitswoche – verarbeitet werden. Das bedeutet, dass der Nachschub rollen muss. 250 Lkw mit je 25 Tonnen Last pro Tag rollen ab jetzt – und eben auch zum letzten Mal – wieder nach Brottewitz.

 Der Rübenroder auf einem Schlag nahe Oschatz (Sachsen). Die Rübenanbauer rechnen mit etwas höheren Erträgen als im miesen letzten Jahr.
Der Rübenroder auf einem Schlag nahe Oschatz (Sachsen). Die Rübenanbauer rechnen mit etwas höheren Erträgen als im miesen letzten Jahr. FOTO: LR / Frank Claus

Südzucker-Mitarbeiter: Boni für letzte Zuckerrüben-Schichten

Betriebsratschef Born sagt: Die Mitarbeiter bringen die Kampagne mit Anstand zu Ende – „aber keiner darf erwarten, dass hier noch einer mit 200 Prozent Einsatz arbeitet.“ Nach Informationen der Lausitzer Rundschau soll es Bonuszahlungen für die letzten Schichten geben.

 Denkwürdiger Tag: 25. Februar 2019 – Demo vor der Südzucker-Konzernzentrale in Mannheim.
Denkwürdiger Tag: 25. Februar 2019 – Demo vor der Südzucker-Konzernzentrale in Mannheim. FOTO: LR / Frank Claus

Schließlich sei es gelungen, einen ordentlichen Sozialplan auszuarbeiten. Betriebsleiter Jan Kunath sagt: „Jedem Mitarbeiter ist ein Arbeitsplatz in einem anderen Südzucker-Werk zugesichert worden.“ Immerhin 14 der gut 90 hätten entsprechende Verträge unterschrieben.

Zuckerwerker demonstrieren in Mannheim FOTO: Medienhaus Lausitzer Rundschau / Frank Claus

Stefan Born lächelt ein wenig müde. „Stimmt. Aber das Gros ist hier verwurzelt, wird nicht mehr wegziehen.“

Südzucker bietet Jobs anderswo, Mitarbeiter bleiben lieber

Die gute Lage auf dem Arbeitsmarkt, so glaubt er, werde wohl mehr Wechsel in hiesige Firmen bringen. Denn Südzuckerwerker sind gut ausgebildete Elektriker, Schlosser, Anlagenfahrer. Im Sozialplan verankert seien zudem Altersteilzeit- und Abfindungsregelungen.

Gleich nach dem Aus für das Werk hat sich die Politik eingeschaltet und einen Runden Tisch initiiert, an dem Werksvertreter, Wirtschaftsförderer, Arbeitsamt, IHK und regelmäßig Brandenburgs Wirtschaftsstaatssekretär Hendrik Fischer sitzen.

Vereinbart worden sei dort auch, dass Südzucker und die öffentliche Hand Fortbildungs- und Umschulungsmaßnahmen für die Mitarbeiter finanziell unterstützen.

Mehrere Interessenten für Zuckerfabrik in Brottewitz

Redet auch schon jemand über die Tage, nach dem der Schlot kein Dampf mehr spuckt?

„Wir verhandeln mit mehreren Interessenten“, sagt Jan Kunath, und Markus Lorenz, der Werkleiter für Brottewitz und Zeitz habe sich am Runden Tisch positioniert: „Südzucker wird hier keine Industrieruine hinterlassen.“