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| 13:39 Uhr

Aus dem Gerichtssaal
Wenn die Toilettendecke plötzlich klingelt

Ein Blick in die Glaskugel nützt dem Gericht nichts, um aufzuklären, wer die Kamera im Landratsamt in der Toilette eingebaut hat. Ein Sichten der so entstandenen Videoaufnahmen aber schon.
Ein Blick in die Glaskugel nützt dem Gericht nichts, um aufzuklären, wer die Kamera im Landratsamt in der Toilette eingebaut hat. Ein Sichten der so entstandenen Videoaufnahmen aber schon. FOTO: Lutz Weidler
Riesa. Der Angeklagte bestreitet, eine Kamera in der Damentoilette des Landratsamtes installiert zu haben. Die Story geht nicht auf. Von Jürgen Müller

Das ist den Damen beim Toilettengang in der Außenstelle Riesa des Meißner Landratsamtes noch nie passiert. Plötzlich klingelt es in der Decke der Damentoilette. Das geht mehreren Frauen so. Sie suchen, finden aber nichts. Auch ein hinzugerufener Kollege kann die Ursache für das Klingeln nicht finden. Das gelingt am nächsten Tag erst dem Hausmeister. In der Decke befindet sich zwischen den Paneelen ein Handy. Derjenige, der es dort installiert haben soll, sitzt nun auf der Anklagebank des Schöffengerichts am Dresdner Amtsgericht, doch nicht nur wegen dieser Straftat. Insgesamt sechs Anklagen mit mehr als 40 Taten gibt es. Am Montag wurde das Verfahren fortgesetzt. "Ich bin seit 25 Jahren ein Autodieb, aber so was mache ich nicht", beteuert der 46-jährige Angeklagte. Er ist nicht bloß ein Autodieb. Wegen verschiedenster Taten hat er schon mehr als 20 Jahre in Gefängnissen verbracht.

Die versteckte Kamera ist da eher eine der harmlosen, wenn für die Betroffenen auch sehr unangenehmen Sachen. Er sei des Öfteren im Gesundheitsamt gewesen, habe einmal sein Handy vergessen, erzählt er dem Gericht. Deshalb habe er am nächsten Tag an der Pforte nachgefragt, ob jemand das Telefon gefunden habe, sagt er. Doch die Mitarbeiterin des Landratsamtes erzählt etwas anderes. Der Mann sei ins Amt gekommen und habe erzählt, ein Freund habe sein Handy dort verloren, er wolle es abholen. Warum kam der Freund nicht selbst? Weil es ihn nicht gibt?

Insgesamt wurden in der Toilette dreimal Videoaufnahmen angefertigt, eine davon dauerte mehr als 15 Stunden. Offenbar lief die Kamera so lange, bis der Akku leer war. Das heißt, der Täter muss den Akku zweimal gewechselt haben. Normalerweise sind die Personaltoiletten verschlossen, die angrenzende Behindertentoilette war es aber damals nicht. Über diese muss sich der Täter in die Personaltoilette gehangelt haben.

Am Ende hat sich der Angeklagte durch eine Unachtsamkeit selbst verraten. Er hat offenbar die Videofunktion eingeschaltet und danach die Kamera in der Decke montiert. Dabei hat er sich unfreiwillig selbst aufgenommen. Sein Gesicht ist jedenfalls bei zwei Aufnahmen deutlich zu erkennen. Da hilft wohl alles Leugnen nichts. Der Angeklagte will dem Gericht weismachen, er habe sein Handy gesucht und auch in der Decke gefunden, sei deshalb auf dem Video zu sehen. Doch warum hat er das Handy dann nicht herausgenommen, wenn er es schon fand? Und wieso ist er jeweils am Anfang der Aufnahmen zu sehen? Darauf hat er keine Antworten. "Ihre Story geht nicht auf", so der Vorsitzende Richter Dr. Herrmann Hepp-Schwab. Die Polizei findet bei der Auswertung des Handys noch weitere Videos. Den Namen der Dateien zu urteilen handelt es sich um pornografisches Material, teilweise wohl auch um Kinderpornografie. Zum Glück für den Angeklagten lassen sich die Dateien aber nicht öffnen, sonst wäre er wohl auch wegen des Besitzes von kinderpornografischen Schriften angeklagt. Eine SIM-Karte findet sich in dem Handy übrigens nicht. Deshalb hat auch niemand anrufen können. Das Klingeln war wohl ein aktivierter Wecker.

Die Frage der Schuldfähigkeit steht im Raum. In einem Gutachten, das das Amtsgericht Riesa in Auftrag gegeben hatte, werden dem Mann eine schwere Persönlichkeitsstörung, Verdacht auf eine posttraumatische Belastungsstörung und eine leichte Intelligenzminderung attestiert. "Nach dem bisherigen Erkenntnisstand sehe ich in Ihrem Handeln keinen krankhaften Zwang, sondern ein bewusstes, gezieltes und planmäßiges Vorgehen", so der Richter. Die Verhandlung wird am 24. September fortgesetzt.