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| 13:36 Uhr

Diskussionsveranstaltung im „Café der Möglichkeiten“
Seenotrettung und kein Fortschritt

 Etwa 40 Besucher kommen zur Diskussion mit Stefan Schmidt und beteiligen sich rege an der Diskussion.
Etwa 40 Besucher kommen zur Diskussion mit Stefan Schmidt und beteiligen sich rege an der Diskussion. FOTO: LR / Daniel Roßbach
Elsterwerda. In Elsterwerda wurde am Freitagabend über Flucht, Seenotrettung und deren humanitäre Notwendigkeit diskutiert - mit Stefan Schmidt, ehemals Kapitän der Cap Anamur und heute Flüchtlingsbeauftragter in Schleswig-Holstein. Von Daniel Roßbach

Ein Schiff, auf dem sich etwa 40 im Mittelmeer vor dem Ertrinken gerettete Menschen befinden, bekommt keine Erlaubnis, einen italienischen Hafen anzulaufen. Der Besatzung des Schiffes, das einer deutschen Hilfsorganisation gehört, wird juristische Verfolgung angedroht, doch sie entscheidet sich schließlich trotzdem, die notleidenden Menschen an Bord an einem sicheren Ort abzuliefern.

Diese Situationsbeschreibung könnte sich auf das aktuelle Geschehen um die Crew der Sea-Watch 3 um Kapitänin Carola Rackete beziehen. Sie gilt aber auch für etwas, das sich schon vor 15 Jahren ereignet hat, als die Besatzung des Hilfs-Schiffes von Cap Anamur zwischen Lampedusa und Malta 37 Flüchtende rettete, die ohne Wasser und Nahrung in einem Schlauchboot auf dem Meer trieben. Schmidt wurde von der italienischen Justiz angeklagt und erst nach fünf Jahren von allen Vorwürfen freigesprochen.

Kapitän der Cap Anamur

Kapitän war damals Stefan Schmidt, der heute Beauftragter für Flüchtlings-, Asyl- und Zuwanderungsfragen des Landes Schleswig-Holstein ist. Er sprach am Freitagabend auf Einladung des Stadtverbands Elsterwerda der Partei Die Linke im "Café der Möglichkeiten". Ausgehend von Schmidts Schilderung seiner Erfahrungen mit Seenotrettung entspann sich dabei eine lebhafte Diskussion über die humanitäre Unvermeidlichkeit, Menschen in Lebensgefahr zu helfen, und die Ursachen dafür, dass sie in diese Notsituation kommen.

Diskussion über Fluchtursachen

 Stefan Schmidt ist Beauftragter für Flüchtlings-, Asyl- und Zuwanderungsfragen des Landes Schleswig-Holstein.
Stefan Schmidt ist Beauftragter für Flüchtlings-, Asyl- und Zuwanderungsfragen des Landes Schleswig-Holstein. FOTO: LR / Daniel Roßbach

In der Diskussion von Fluchtursachen kamen sowohl neokoloniale Wirtschaftsordnungen, die wirtschaftliche Notlagen produzieren, als auch von westlichen Staaten mitverantwortete Kriege, vor denen Menschen fliehen, zur Sprache. Ebenso wie der Klimawandel, den Schmidt als Honrarkonsul der akut bedrohten Inseln von Tuvalu erlebt hat. Auch für seine Unterstützung der Jugendbewegung Fridays for Future - "Ich bin stolz auf junge Leute, die auf Schule scheißen und sagen, wir wollen eine Zukunft haben." - bekam Schmidt in Elsterwerda Beifall.

Während in der Diskussion an vielen Punkten die Parallelen zwischen Schmidts Situation 2004 und der aktuellen Lage von Seenotrettung betont wurden, wurde auch deutlich, dass sich in der Zwischenzeit der gesellschaftliche Kontext geändert hat. "Diejenigen, die sich jetzt um Seenotrettung bemühen, sind viel mutiger, als wir das waren", sagte Schmidt in Elsterwerda: "Wir sind nur auf Hilfsbedürftige gestoßen, die Sea-Watch Crew bemüht sich aktiv darum. Und sie werden dafür angefeindet. Das wurden wir auch, aber längst nicht so sehr."

Fehlender Humanitärer Konsens

Dass es heute in Deutschland auch Menschen gibt, die grundsätzlich nicht anerkennen, dass Menschen in Seenot ein Recht und einen Anspruch auf Hilfe haben, kommt in der Diskussion in Elsterwerda nur mittelbar vor. Joachim Pfützner, der Vorsitzende der Kreistagsfraktion Die Linke in Elbe-Elster, sagt dass er von Bekannten Sätze wie "Lasst die doch ersaufen" höre. Darüber, dass diese Haltung unmenschlich ist, bestand an diesem Abend in Elsterwerda Einigkeit. Auch deshalb lautete das Schlusswort eines Teilnehmers der Diskussion: "Es war wichtig, von einem Seemann zu hören, was Seenotrettung in der Realität bedeutet."