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| 15:50 Uhr

Mitgeradelt
„Schwanzgeld“ gab’s für tote Mäuse

Die Gruppe am Start vor dem Plessaer Kulturhaus, in den Dörfern kamen noch etliche Radler dazu.
Die Gruppe am Start vor dem Plessaer Kulturhaus, in den Dörfern kamen noch etliche Radler dazu. FOTO: Dieter Babbe
Plessa. Siegfried Philipp ist mit 87 Jahren der älteste Teilnehmer einer „besonderen Radtour“ im Amt Plessa. Von Dieter Babbe

Rudi Pallmann war der Star des Tages. Der 85-Jährige aus dem kleinen Dörfchen Schraden ist wegen seiner kranken Kniegelenke schlecht zu Fuß, er geht am liebsten mit dem Stock – aber auf seinem Elektrofahrrad ist er fit. Als ältester Teilnehmer, der sonst noch zweimal in der Woche kegelt, bekam der gelernte Landwirt und Korbmacher bei der „besonderen Radtour“ durch das Amt Plessa einen Sonderapplaus. Doch die Überraschung erfahren die vielen Radler erst heute aus der Lausitzer Rundschau.

Rudi Pallmann folgte - wie weitere immerhin 50 Einwohner des Amtes Plessa - der Einladung ihres Verwaltungschefs Göran Schrey. Der hatte vergangenen Sonntag zu einem einzigartigen Bürgertreff aufgerufen, den es so bisher noch nirgendwo weit und breit gab: mit dem Amtsdirektor und allen Bürgermeistern auf dem Fahrrad durch die Gemeinden des Amtes radeln. Bürgernahe Kommunalpolitik nicht im Rathaus, sondern auf dem Drahtesel – zur gesunden Bewegung gab es viele Informationen, Erlebnisse, Gespräche und frische Luft bei herrlichem Wetter gratis dazu. Insbesondere ging es darum, die Radwege im Amt unter die Lupe zu nehmen. Über 45 Kilometer und mehr als fünf Stunden führte die Tour durch alle vier Gemeinden des nach Einwohnern kleinen, aber flächenmäßig großen Amtes mit Halts in Schraden, Gorden-Staupitz und Hohenleipisch – bei Start und Ziel in Plessa am altehrwürdigen Kulturhaus.

Siegfried Philipp aus Hohenleipisch war mit 87 Jahren der älteste Radler im Feld.
Siegfried Philipp aus Hohenleipisch war mit 87 Jahren der älteste Radler im Feld. FOTO: Dieter Babbe

Hier berichtete Bürgermeister Gottfried Heinicke, seit 15 Jahren im Ehrenamt und bereits seit der Wende Gemeindevertreter, von der „superschönen Schule“ und der Vorzeige-Kita im Dorf, aber auch von seinen beiden Sorgenkindern – dem alten Kraftwerk, dessen Nachwendegeschichte Heinicke nur kurz „eine verfahrene Kiste“ nennt, und dem Kulturhaus. Mit knapp einer Million Euro konnte 2017 das DDR-Relikt aus besten Bergbauzeiten grundsaniert und so vor einer drohenden Schließung bewahrt werden. „Doch wir brauchen noch mal 1,5 Millionen, um weitermachen zu können“, so der Bürgermeister. Am Dringendsten sei jetzt die Brandmeldeanlage, die unbedingt eingebaut werden müsse – eine Auflage der Behörden. Das Problem: Einen Betreiber für das Kulturhaus gibt es nicht, das Amt schmiedet den Plan für ein paar größere Veranstaltungen übers Jahr, ein Kulturverein kümmert sich um das organisatorische Drum und Dran – doch das Haus füllen insbesondere die Vereine im Dorf, so die Karnevalisten, und Familien mit ihren Feiern.

Der Staupitzer Ulf Urban arbeitet seit Jahren in Berlin. Er sagt: „Aus meiner schönen Heimat ziehe ich nicht weg!“
Der Staupitzer Ulf Urban arbeitet seit Jahren in Berlin. Er sagt: „Aus meiner schönen Heimat ziehe ich nicht weg!“ FOTO: Dieter Babbe

Auch Olaf Redlich hat Wünsche. Der Bürgermeister von Schraden möchte, dass der herrliche, von Bäumen begrenzte Schiffgrabenweg – eher ein Wander- als ein Radweg – wieder das wird, was er mal war: Als vor langer Zeit in Schraden ein weit bekannter Korbmacher wohnte, war viel Betrieb auf dem Schiffgraben wie auf dem Weg daneben. „Wir wollen, dass dieser Weg ausgebaut wird und Radler von hier aus in den OSL-Kreis zu den Schlössern nach Großkmehlen und Lindenau gelangen“, so will Olaf Redlich damit auch Touristen in sein Dorf und in das Amt locken.

Der 15-jährige Andre Stiller aus Hohenleipisch konnte den Start kaum erwarten.
Der 15-jährige Andre Stiller aus Hohenleipisch konnte den Start kaum erwarten. FOTO: Dieter Babbe

Weiter ging es nach Plessa-Süd – auf einer „Panzerstraße“, wie die Leute sie nennen, die wegen des groben Schotters und der Schlaglöcher ihren Namen einfach nicht los wird. „Hier sind zu DDR-Zeiten an manchen Tagen bis zu 100 sowjetische Panzer aus Großenhain angerollt, wenn auf den Truppenübungsplätzen in Hohenleipisch oder woanders Manöver stattfanden“, berichteten Radler. „Manchmal flogen dazu noch Hubschrauber im Tiefflug – als Kinder hatten wir Angst“, erinnerte sich Daniel Leuschner - und auch daran: Die sowjetischen Wachposten mussten an solchen Tagen nachts bei Wind und Wetter unter freiem Himmel an der Straße schlafen.

Gästeführerin Carola Meißner hielt öfters an und erklärte die Sehenswürdigkeiten der Umgebung.
Gästeführerin Carola Meißner hielt öfters an und erklärte die Sehenswürdigkeiten der Umgebung. FOTO: Dieter Babbe

Plessa-Süd heißt erst seit 1957 so – vorher standen die wenigen Häuser im Grödener Schraden, wo nach dem zweiten Weltkrieg 40 weißrussische Familien angesiedelt wurden – es waren einst Deutsche, die wieder zurück wollten. Lange davor hatten die sächsischen Kurfürsten hier ihre reichen Jagd- und Holzreviere. Damit war nach dem Krieg Schluss – auch weil der Wald abgebrannt war. „Es wurden Felder draus, weil die Leute Hunger hatten – doch ohne Erfolg. Die Mäuse haben die erste Ernte aufgefressen“, wusste Gottfried Voigt bei der Radtour zu berichten. Und noch mehr: „Damit das nicht wieder passiert, sollten die Bewohner Mäuse fangen und die toten Tiere abliefern. Für jede Maus gab es Schwanzgeld.“ Wieviel Geld pro Maus es gab, daran konnte sich Gottfried Voigt nicht mehr erinnern.

Lenny (9) und Florentine (10), hier mit ihrem Papa Olaf, waren die Jüngsten unter den etwa 50 Teilnehmern.
Lenny (9) und Florentine (10), hier mit ihrem Papa Olaf, waren die Jüngsten unter den etwa 50 Teilnehmern. FOTO: Dieter Babbe

Nach dem Mittagessen im Lolli Pop, wie die Gaststätte von Gabi Radigk im Grünewalder Lauch, am Staupitzer Ufer des Sees gelegen, heißt, ging es weiter auf der früheren Trasse der Kohlebahn bis zum Loben. Von einem Holzturm aus konnte man weit über das einzigartige Moor blicken. „Schade, dass der Turm, wie viele andere Sehenswürdigkeiten im Amt Plessa, nicht oder nur schlecht ausgeschildert sind – man fährt vielfach vorbei“, bedauerte Carola Meißner, die kundige Gästeführerin an diesem Tag.

Hingucker im Loben: geschnitzte Bäume am Wegesrand.
Hingucker im Loben: geschnitzte Bäume am Wegesrand. FOTO: Dieter Babbe

Ulf Urban kennt seine Heimat auch ohne Schilder. Der 60-Jährige wohnt sein Leben lang in Staupitz und arbeitet seit fast 20 Jahren in Berlin. Der Eisenbahner pendelt jeden Tag von seinem Dorf in die Bundeshauptstadt. Frühmorgens um 4.50 Uhr fährt sein Zug ab Rückersdorf, um 17.30 Uhr kommt er hier wieder an. Dann findet er noch Zeit für Ehrenämter, als Amtsbrandmeister und Gemeindevertreter. „Nach Berlin ziehen – auf die Idee sind wir nie gekommen. Wir haben hier alles, was uns wichtig ist, in der Nähe“, sagte Ulf Urban. Die beiden Töchter mit ihren Familien, das eigene Grundstück, die Freunde und Bekannten halten ihn und seine Frau in Staupitz fest. Und auch die schöne Landschaft drumherum, die Wälder und das Wasser, die Ruhe, Natur pur.

Auch für Rudi Pallmann, dem 85-Jährigen aus Schraden, ist das die Heimat. Doch der Älteste, wie alle glaubten, war er bei der Radtour dennoch nicht. „Ich bin zwei Jahre älter“, flüsterte Siegfried Philipp nur dem Rundschau-Redakteur ins Ohr. Und der Hohenleipscher verriet hinter vorgehaltener Hand noch mehr: „Ich habe ausgerechnet heute meinen 87. Geburtstag, aber bitte verraten sie es nicht, ich will kein Aufsehen machen!“ Der taffe Senior, der sein Arbeitsleben bei Impulsa in Elsterwerda verbracht hat, fährt seit zwölf Jahren nahezu täglich mit seinem Elektrofahrrad, hatte bis dahin genau 44347 Kilometer zurückgelegt, wie stolz auf seinem Tacho zeigte, fährt bis in den Spreewald und war auch schon bis ins sächsische Ottendorf-Okrilla zur Enkeltochter unterwegs. Nur in einem Fall fährt er mit dem Auto: „Wenn ich mal einen Kasten Bier einkaufe.“