| 18:02 Uhr

Schwalbenparadies im alten Stall

Renate Schicht mag Pflanzen und natürlich die Schwalben. Die Tür zu dem leeren Nebengebäude besitzt eine Öffnung für gefiederte Freunde.
Renate Schicht mag Pflanzen und natürlich die Schwalben. Die Tür zu dem leeren Nebengebäude besitzt eine Öffnung für gefiederte Freunde. FOTO: Manfred Feller
Bad Liebenwerda. Einst galten Schwalben als fliegende Boten des Glücks und des Frühlings. Heute sind diese bedrohten und geschützten Sperlingsvögel vielen eher lästig, weil sie ihre Nester oftmals an saubere Wände kleben und schöne Pflasterhöfe verschmutzen. Manfred Feller

Dagegen hat Renate Schicht aus Bad Liebenwerda ein großes Herz für die gefiederten Freunde. Vor allem im Nebengebäude, einem ehemaligen Stall und nach dem Krieg wohl Flüchtlingsunterkunft, ihres betagten Einfamilien-Mietshauses, brüten viele Schwalben. Insgesamt sind es zwölf Nester mit der zweiten Brut.

Demnächst heißt es "Auf Wiedersehen" zu sagen. Die Singvögel fliegen in den Süden. Dann erlebt die 83-jährige ehemalige Sachbearbeiterin ein herzergreifendes Schauspiel, das sich tatsächlich so schon zugetragen habe: "Bei der Verabschiedung versammeln sich alle 50 bis 60 Schwalben auf der Dachrinne. Eine zwitschert etwas, und dann fliegen sie davon."

Renate Schicht ist überzeugt, dass die Schwalben ihre Stimme erkennen. "Wenn ich rede, werden sie ganz ruhig und scheinen zuzuhören." Fremde mögen die Vögel nicht und werden ganz aufgeregt. Das Paar Suse und Peter komme seit drei Jahren nach Bad Liebenwerda. Die beiden seien manchmal sehr zutraulich. "Peter setzt sich dann auf meine Schulter. Und Suse stellt sich auf den Eimerrand, wenn sie die Rosinentüte sieht."

Renate Schicht weiß, dass nicht alle ihre Tierliebe teilen. Die Schwalben würden zu viel Dreck machen. Sie passen nicht auf saubere und gepflegte Grundstücke in Stadt und Land. Die Folgen sanierter Ställe und Scheunen, zugepflasterter Lehmpfützen und wachsenden Insektenmangels wegen zu intensiver Grünlandpflege sind nach Angaben des Naturschutzbundes (Nabu) Brandenburg katastrophal. Die Rauchschwalbe steht demnach mit ihren vielleicht noch 45 000 Brutpaaren im gesamten Bundesland (1996/97 zwischen 150 000 bis 300 000) auf der Roten Liste der gefährdeten Arten in Brandenburg. Bei den Mehlschwalben sieht es nicht besser aus. Die Anzahl der Brutpaare ist um etwa die Hälfte auf heute 42 000 bis 65 000 zurückgegangen. Wer den Piepmätzen ein Zuhause bietet, kann vom Nabu das Schild "Schwalben willkommen" für sein Haus erhalten.

Auch der Sornoer Ornithologe Karl-Heinz Krengel sieht die immer stärker dezimierte Population aus den genannten Gründen mit Sorge: "Selbst in den Dörfern ist es extrem schlecht." In Wohnhausnähe möchte die Tiere kaum einer haben. "Im Außenbereich werden sie akzeptiert", weiß er. "Ein ganz großes Problem ist die Nahrung." Es mangele an Insekten. "Kommunale, private, Landwirtschafts- und Forstflächen werden zu intensiv bewirtschaftet", bittet der Sornoer darum, mal eine Ecke nicht oder später zu mähen oder den ackerseitigen Grünstreifen an den Straßen für Bodenbrüter wie Feldlerche und Schafstelze wachsen zu lassen.

Wer leere Schwalbennester entfernt oder beschädigt, handele ordnungswidrig. In der Brutzeit ist dies eine Straftat. Karlheinz Krengel empfiehlt, bei Fragen die Naturschutzbehörde einzuschalten.