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Rotorblatt segelt durch die Luft

Dieser Baum hat in der Nacht seine Krone verloren.Das ist das größte zusammenhängende Teil , das in der Nacht bei Lausitz durch die Luft gesegelt ist.Regelrecht zerfetzt hat es Teile des Rotorblattes. Ob noch in der Luft oder erst durch den Aufprall am Boden, ist unklar.Ein etwa zwei bis drei Meter großer Stumpf blieb vom Rotorflügel noch an der Nabe hängen.
Dieser Baum hat in der Nacht seine Krone verloren.Das ist das größte zusammenhängende Teil , das in der Nacht bei Lausitz durch die Luft gesegelt ist.Regelrecht zerfetzt hat es Teile des Rotorblattes. Ob noch in der Luft oder erst durch den Aufprall am Boden, ist unklar.Ein etwa zwei bis drei Meter großer Stumpf blieb vom Rotorflügel noch an der Nabe hängen. FOTO: Fotos: Rösler/Claus
Es war gestern kurz nach Mitternacht und muss heftig gekracht haben. Da brach von einer der fünf Windkraftanlagen an der Ortsverbindungsstraße der B 183 nach Wahrenbrück ein Rotorflügel ab. Gut 150 bis 200 Meter entfernt sind die Flügelteile dann über die Straße hinweg gesegelt und verstreut in einem benachbarten Getreidefeld aufgeschlagen. Von Frank Claus

Über die Ursache rätseln die Fachleute noch. Angenommen wird eine Windhose, die in diesem Bereich in unmittelbarer Nähe der Kurstadt Bad Liebenwerda durchgezogen sein könnte. Servicemonteure hätten im Maschinenraum, der sich in der 108 Meter hohen Nabe befindet, von einem entsprechenden Aufzeichnungsgerät eine Windgeschwindigkeit von 30 Metern pro Sekunde zu diesem Zeitpunkt ablesen können. Zum Vergleich: Am Morgen gegen 8 Uhr sei der Wind dann nur noch sieben bis acht Meter pro Sekunde stark gewesen.
Diese Vermutung scheint nicht unmöglich, denn neben dem Windrad hat der Sturm auch eine Baumkrone abgeknickt. Merkwürdig allerdings: Weitere Schäden in unmittelbarer Nähe sind bislang nicht bekannt. Sollte eine Windhose wirklich Ursache gewesen sein, wirft das weitere Fragen zur Betriebssicherheit auf. Immerhin prognostizieren Klimaforscher die Zunahme von heftigen Stürmen.
Oder ist der 40 Meter lange Flügel abgebrochen, weil „Kyrill“ ihn schon angeknackst hatte„ Der Orkan wütete im Januar besonders hartnäckig bei Bad Liebenwerda sowie im Raum Hohenleipisch/Plessa und hatte schwere Verwüstungen hinterlassen. Gutachter sollen nun hinzugezogen werden, um die wirkliche Ursache klären zu können.
Die Rotorblätter sind im Jahr 2003 in Betrieb gegangen und wurden vom dänischen Windkraftunternehmen NEG Micon vermutlich in England oder Dänemark gebaut. Im Jahr 2004 kaufte die dänische Vestas Wind Systems A/S den großen inländischen Konkurrenten NEG Micon. Inzwischen werden große Teile der NEG Micon-Anlagen in Deutschland von Vestas-Servicemonteuren betreut. Deshalb war bei Lausitz schon am Morgen ein Vestas-Team vor Ort. Das habe den Marschbefehl erhalten, nachdem von der zerstörten Anlage automatisch ein entsprechendes Signal über eine Havarie in der Vestas Deutschland-Zentrale in Husum eingegangen war. Von der dortigen Leitstelle werden die Servicemonteure per Telefon informiert.
Bei den Anlagen nahe Lausitz handelt es sich um die Baureihe NM 82/1500 kW. Das bedeutet, dass der Rotordurchmesser 82 Meter beträgt und eine Nennleistung von 1500 Kilowattstunden zu erzielen ist.
Nähere Angaben zur Havarie konnte auch Vestas-Deutschland-Pressesprecher Andreas Eichler nicht machen, mit dem die RUNDSCHAU gestern am Rande der in Mailand stattfindenden EWEC (European Wind Energy Conference) telefonierte.
Er erklärte, dass jetzt zunächst eine genaue Untersuchung des Hergangs stattfinden werde und man sich frühestens Ende dieser oder Anfang nächster Woche genauer äußern könne. Jetzt würden zudem im Auftrage von Versicherungen Gutachter ihre Arbeit aufnehmen. Die Anlagen bei Lausitz sind von der UKA Meißen im Auftrag von verschiedenen Betreibergemeinschaften gebaut worden.
Unfälle an Windkraftanlagen hat es auch in zurückliegenden Jahren gegeben. Nach RUNDSCHAU-Recherchen waren die meist auf Material- oder Ermüdungsfehler zurückzuführen. Bei zu starken Stürmen würden die Windkraftanlagen angehalten und in entsprechende Sicherheitspositionen gestellt.
Besorgt meldeten sich gestern mehrere RUNDSCHAU-Leser, die das zerborstene Rotorblatt im Feld liegen sahen. Immerhin war die Glasfieber-Holz-Konstruktion teilweise regelrecht aufgefetzt worden.
Wie ein Lauffeuer hatte sich die Nachricht von der Havarie verbreitet. In Gesprächen schwang die Angst mit, dass bei ähnlich nah an der Straße oder gar an der Wohnbebauung aufgestellten Anlagen Gleiches passieren könne. Und Augenzeugen äußerten Unverständnis, dass sich die benachbarten vier Anlagen bei Lausitz gestern munter weiter drehten. Müssten jetzt nicht alle Anlagen in diesem Bereich überprüft werden“, hieß es.
„Nicht auszudenken, wenn da gerade ein Auto vorbei gefahren wäre“ , meinte unter anderem Dieter König aus Bad Liebenwerda und ergänzte: „Ich habe immer ein mulmiges Gefühl, wenn ich so dicht an den Anlagen vorbei muss.“ Die Energieerzeuger befinden sich in diesem Bereich nicht einmal 60 Meter von der Straße entfernt.
Im Bad Liebenwerdaer Rathaus wollte Stadtplaner Peter Lange, der die Ansiedlung dieser Windkraftanlagen begleitet hatte, zunächst gar nicht glauben, was ihm die Leitstelle da am Morgen meldete. Er sieht nun das Landesumweltamt als Genehmigungsbehörde in der Pflicht. Dort müsse überdacht werden, ob alle Standorte im Havariefall auch wirklich ungefährlich für die Bevölkerung seien. Im Vorjahr sei an den gleichen Anlagen, so Peter Lange, bereits eine Abdeckung einer Nabe nach unten gestürzt. „Und das Teil war auch fast zwei Meter groß.“