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Mit der Hilfe von BTU-Studenten:
Die Stadt Bad Liebenwerda mischt ihre Bahnhofstraße auf

Mühlengraben
Mühlengraben FOTO: Claus/Schubert
Bad Liebenwerda. Studenten der BTU Cottbus-Senftenberg bringen mit ihren Entwürfen Feuer in die Debatte zur Revitalisierung und erhalten Riesenkomplimente. Von Frank Claus

Sie ist das Sorgenkind der Stadt – die Bahnhofstraße in Bad Liebenwerda. Dabei hat sie noch immer eine wichtige Funktion. Sie ist die Verbindungsachse aus dem Wohngebiet „Dichterviertel“ in die Innenstadt und zugleich Hauptstraße für Besucher, die aus Richtung Herzberg kommen. Wo früher Buchhandlung, Haushaltwarenladen, Spirituosengeschäft, Modeartikel, eine Drogerie und gleich zwei Bäckereien zum Einkaufen einluden, herrscht heute Leerstand beziehungsweise ist Einkaufen kaum noch möglich. Auch, weil Parkplätze dort so gut wie nicht vorhanden sind. Dazu kommen private Häuser, die verfallen oder in die auf absehbare Zeit die Eigentümer entweder aus Alters- oder Kostengründen vermutlich kaum noch investieren werden.

Wie also weiter mit der Bahnhofstraße? Die Stadt und ihr Sanierungsträger wollen den Kopf nicht in den Sand stecken und haben sich frische Ideen und den unvoreingenommen Blick von außen „eingekauft“. Studenten des Lehrstuhls Städtebau und Entwerfen an der BTU Cottbus-Senftenberg erweisen sich als Glückstreffer. Unter Leitung von Prof. Heinz Nagler und Diplomingenieur Philipp Strohm klappen sie eine Woche lang ihre Laptops direkt in der Bahnhofstraße auf – Hausbesitzer Lutz Bommel sei Dank – und analysieren, recherchieren, debattieren ins sechs Gruppen mit Einwohnern und legen schließlich Entwürfe vor. Mit einem gewaltigen Aha-Effekt!

Denn sie denken quer und bauen trotzdem keine Luftschlösser. Dafür aber Visionen, die selbst die Anlieger der Straße verblüffen. Bis auf eine Gruppe gehen alle anderen davon aus, dass die Bahnhofstraße als Geschäftsstraße ausgedient hat. Bad Liebenwerda solle sich auf die Geschäfte am Roßmarkt und rund um den Markt sowie den Rösselpark konzentrieren.

Ihre These, die beim jetzigen Zustand wie Spinnerei klingt: Die Bahnhofstraße hat alle Chancen, eine der attraktivsten Wohngegenden der Stadt zu werden. Mit einem eigentlich simplen „Trick“: Investitionen in der zweiten Reihe der Bahnhofstraße. Denn was kaum einer weiß: Der hinter der Häuserzeile befindliche Mühlgraben hat Potenzial zur Flaniermeile. Außerdem besteht mit der Einbeziehung die Möglichkeit, die Bahnhofstraße direkt an das Kurparkareal anzubinden. Dominika Bugajska und Alexandra Czaj legen dafür Entwürfe vor, die nicht nur die Jury überzeugen, sondern auch Anwohner staunen lassen. Die Hochwasserschutzmaßnahmen inbegriffen, könnte am Mühlgraben eine Promenade entstehen – mit Sitzmöglichkeiten, Bootsstegen, sprudelnden Brunnen. Mehrere Zugänge zur Bahnhofstraße sollten geschaffen werden. Genutzt werden könnten die bereits jetzt vorhandenen Baulücken. Durch Abriss baufälliger Häuser kämen neue Wegebeziehungen dazu. Beide gehen noch einen Schritt weiter, wollen ein Begegnungszentrum, das sowohl in Richtung Rösselpark als auch zum Mühlgraben durchlässig gestaltet wird. In anderen Entwürfen werden Mühlgraben- und Schwarze-Elster-Lauf sowie die Brücken dezent beleuchtet. Venedig lässt grüßen.

 In ähnliche Richtung denken Ailine Tenge, Anne Guensche, Leana Hahn, Carolin Stille, die einen von zwei zweiten Preisen ergattern. Sie setzen auf die weitere Qualifizierung der Stadt als Kurort, wollen Rundwege entlang der Kurinsel und der Bahnhofstraße schaffen. Überzeugend auch ein Entwurf, der sich mit markanten Gebäuden in der Bahnhofstraße beschäftigt. So sollte zum Beispiel das linksseitig stehende große Wohnhaus hinter der Elsterbrücke gegenüber ein Pedant erhalten - quasi wie ein Stadttor. Mega-Potenzial habe die versetzte Ecke der Kreuzung Schlossstraße/Nordring. Mit Fassadengestaltung und Licht ließe sich bei Beibehaltung der Gebäudesubstanz eine optisch scheinbar ganz neue Architektur schaffen.

Kühn der Vorstoß, deutlich mehr alte Gebäudesubstanz abzureißen, die Bahnhofstraße zumindest bis zur Schlossstraße luftiger zu gestalten. Eine Studentin „baut“ in die Lücken Villen sowohl im Stil der vorderen Bahnhofstraße von den Schranken bis zur Elsterbrücke als auch im neuen modernen Kompakt-Massiv­haus-Baustil. Ebenso anregend der Vorstoß, in der jetzigen Freifläche neben Optiker Weizsäcker ein Bürgerzentrum zu etablieren mit beidseitig angeordneten Stufen, die zum Verweilen einladen – zum Beispiel beim Sommernachtskino.

Wieder eine andere Gruppe beschäftigt sich mit dem Verkehrskonzept in Bad Liebenwerda, schlägt vor, nach Freigabe der Ortsumfahrung die Innenstadt für Fußgänger und Radfahrer zu präferieren ohne jedoch den Autoverkehr zu verbannen. Zumindest zwei Standorte werden für Parkhäuser vorgeschlagen – der Platz neben dem Norddeutschen Hof und der neben der katholischen Kirche.

Nils Lampen und Nils Ruf wollen die Bahnhofstraße ertüchtigen, indem sie das Einkaufszentrum Rösselpark erweitern. Vielleicht nicht nur zum Einkaufen, sondern auch, um ein Bürgerbüro zu etablieren.  Ihre Arbeit würdigen die Juroren ebenfalls mit einem zweiten Platz.

Bürgermeister Thomas Richter und anwesende Bürger sind begeistert von diesen „unvoreingenommenen Sichten“ auf die Bahnhofstraße. „Das darf nicht in der Schublade verschwinden“, meint HGB-Chef Martin Ehring. Wird es auch nicht.

Philipp Strohm von der BTU: „Das weitere Vorgehen ist nun so, dass die Preisträger mit Unterstützung des Lehrstuhls Städtebau und Entwerfen von Prof. Heinz Nagler ihre Arbeiten weiter qualifizieren. Dazu wird es mehrere Abstimmungstermine mit der Stadtverwaltung in Bad Liebenwerda geben. Am Ende steht eine Machbarkeitsstudie mit dem Titel ‚Revitalisierung der Bahnhofstraße’ in welcher die Projekte der Studierenden den zentralen Teil übernehmen.“ Die Redaktion meint: Die sollte schnell allen Kurstädtern vorgestellt werden.

1. Preis: Dominika Bugajska und Alexandra Czaj. Der Grundansatz ist es, die Mitte der Bahnhofstraße mit einer Kombination aus einem Stadtteilhaus und einem davor liegenden Freiraum in Richtung Mühlgraben zu vernetzen.
1. Preis: Dominika Bugajska und Alexandra Czaj. Der Grundansatz ist es, die Mitte der Bahnhofstraße mit einer Kombination aus einem Stadtteilhaus und einem davor liegenden Freiraum in Richtung Mühlgraben zu vernetzen. FOTO: BTU Cottbus-Senftenberg / LR
Noch mal 1. Preis: Der Mühlgraben hat jede Menge Potenzial! Dort sollte ein neuer Wohnstandort entstehen. Eine Promenade lädt zum Flanieren ein, erlaubt von dort aus Wassernutzungen und bindet die Bahnhofstraße an den Kurpark an. Anwohner sind begeistert, zeigen sich in ersten Reaktionen zu Grundstücksangelegenheiten kooperativ.
Noch mal 1. Preis: Der Mühlgraben hat jede Menge Potenzial! Dort sollte ein neuer Wohnstandort entstehen. Eine Promenade lädt zum Flanieren ein, erlaubt von dort aus Wassernutzungen und bindet die Bahnhofstraße an den Kurpark an. Anwohner sind begeistert, zeigen sich in ersten Reaktionen zu Grundstücksangelegenheiten kooperativ. FOTO: BTU Cottbus Senftenberg / LR
2. Preis für Ailine Tenge, Anne Guensche, Leana Hahn, Carolin Stille: zwei Rundwege entlang der Kurinsel bzw. der Bahnhofstraße, die zudem einen neuen Quartierseingang erhält. Der Mühlgraben wird erschlossen.
2. Preis für Ailine Tenge, Anne Guensche, Leana Hahn, Carolin Stille: zwei Rundwege entlang der Kurinsel bzw. der Bahnhofstraße, die zudem einen neuen Quartierseingang erhält. Der Mühlgraben wird erschlossen. FOTO: BTU Cottbus-Senftenberg / LR
Als die Studenten am Ende der Woche ihre Ergebnisse und Entwürfe vorstellen, ist das Interesse groß. Die qualifizierten Arbeiten sollten sehr schnell allen Kurstädtern vorgestellt werden.
Als die Studenten am Ende der Woche ihre Ergebnisse und Entwürfe vorstellen, ist das Interesse groß. Die qualifizierten Arbeiten sollten sehr schnell allen Kurstädtern vorgestellt werden. FOTO: Frank Claus / LR
Zweiter 2. Preis an Nils Lampen und Nils Ruf. Sie wollen den Rösselpark so erweitern, dass davon die Bahnhofstraße profitiert. Die Einfahrt aus Richtung Bahnhofstraße soll deutlich aufgewertet werden.
Zweiter 2. Preis an Nils Lampen und Nils Ruf. Sie wollen den Rösselpark so erweitern, dass davon die Bahnhofstraße profitiert. Die Einfahrt aus Richtung Bahnhofstraße soll deutlich aufgewertet werden. FOTO: BTU Cottbus-Senftenberg / LR