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| 15:53 Uhr

Interview mit Rainer Bauer
Unternehmer schreibt Buch über Tröbitzer Ehepaar

Rainer Bauer, Geschäftsführer von Bauer Fruchtsaft in Bad Liebenwerda, hat das Buch „Erika und Richard Arlt: zwei Leben in der DDR“ geschrieben.
Rainer Bauer, Geschäftsführer von Bauer Fruchtsaft in Bad Liebenwerda, hat das Buch „Erika und Richard Arlt: zwei Leben in der DDR“ geschrieben. FOTO: LR / Frank Claus
Bad Liebenwerda/Tröbitz. Rainer Bauer hat sich mit dem Leben eines engagierten Paares aus Tröbitz (Elbe-Elster) beschäftigt. Von Frank Claus

Rainer Bauer, Jahrgang 1955, Geschäftsführer der Bauer Fruchtsaft GmbH Bad Liebenwerda, „Wessi“ und seit 25 Jahren im Osten, hat ein Buch über die Lebensgeschichte von Erika und Richard Arlt aus Tröbitz geschrieben. Über jene beiden bekennenden Antifaschisten, die vor allem durch ihr aufopferungsvolles Wirken zur Aufarbeitung der Geschichte des „Verlorenen Transports“ bekannt wurden. Im Buch und im RUNDSCHAU-Gespräch bezieht er auch Stellung zu seinen Ansichten über den Weg zur Deutsche Einheit und den heutigen Zustand der Gesellschaft.

Was ist Ihrer Meinung nach das Besondere am Leben von Richard und Erika Arlt? Was hat Sie bewogen, dieses Buch zu schreiben?

Bauer In der jüngeren deutschen Geschichte hat die Frage, wie man die Nazizeit so überwinden kann, dass sie, auch nicht in abgewandelter Form, nie wieder kehrt, zu zwei unterschiedlichen Antworten geführt. Die Arlts haben ihr Leben der sozialistischen Antwort gewidmet. Richard Arlt, er ist am 5. Mai 1911 geboren, hat aus der Erfahrung mit dem Faschismus diesen Weg gewählt und Erika Arlt stand dabei an seiner Seite. Wie es ihnen dabei ergangen ist, fand ich sehr interessant und wichtig.

Die Arlts haben ihre DDR-Geschichte nicht verleugnet, sie standen zu ihrer Vergangenheit, ihrem Engagement, ihren Zielen. Können Sie umreißen, welche Ziele das waren?

Bauer Ja, es waren vor allem zwei: Dass es nie wieder einen Krieg geben sollte, der von Deutschland ausgeht oder an dem unser Land beteiligt ist und,  dass der Faschismus in unserer Gesellschaft nie wieder eine Chance haben sollte.

Auf welchen Quellen fußt Ihr Buch ‚Zwei Leben für die DDR‘?

Bauer Es sind vor allem die Lebensberichte der Arlts, die ich im Archiv von Erika Arlt nach ihrem Tod im November 2015 gefunden habe. Außerdem konnte ich zahlreiche Fotos, Dokumente zum Rhönradsport und zur Geschichte des „Verlorenen Transports“ sichten.

Erika und Richard Arlt haben sich bekanntlich intensiv mit der Geschichte des „Verlorenen Transports“ beschäftigt. Was hat sie dazu veranlasst?

Bauer Es war eindeutig ihre Hoffnung, dass man nachkommenden Generationen besonders durch die Aufarbeitung der Verbrechen in Nazideutschland, insbesondere des Holocaust, eine Verpflichtung übergeben könnte, aus unserem Land ein friedliches Land zu machen. Außerdem ging es ihnen ganz praktisch darum, Besuchern des jüdischen Friedhofs in Tröbitz Informationen über dessen Geschichte  an die Hand geben zu können.

Sie haben die Arlts über den jüdischen Friedhof in Tröbitz kennen gelernt und haben sie dann bei der Herausgabe der Broschüre über die Gedenkstätten des „Verlorenen Transports“ unterstützt. Was waren Ihre Motive dafür?

Bauer Ich habe beim Zusammenstellen der Totenlisten geholfen, sodass hinter jedem Namen eines Verstorbenen die Stelle steht, wo er begraben liegt. Dies hilft Besuchern beim Auffinden ihrer Angehörigen. Ich fand und finde es wichtig, dass wir das Andenken der dort Begrabenen, zum größten Teil deutsche Bürger, die man ganz allein wegen ihrer jüdischen Religion verfolgt und ermordet hat, bewahren. Wir können dadurch das Geschehene zwar nicht heilen, aber in unsere Geschichte bewusst aufnehmen.

Haben Sie selber jüdische Wurzeln oder familiäre Beziehungen?

Bauer Nein, gar nicht.

Beschäftigen Sie sich heute noch immer mit dem „Verlorenen Transport“? Gibt es eventuell weitere Vorhaben?

Bauer Ja, ich arbeite mit an einem Projekt, im Anschluss an eine Ausstellung in Bergen-Belsen auch speziell zu den Kindern und Jugendlichen im „Verlorenen Transport“ hier eine Ausstellung auf die Beine zu stellen. Ein großes Anliegen ist mir auch, dass bei den sechs Gräbern von Zwangsarbeitern des ehemaligen Bergbauunternehmens Werhahn und ihrer Kinder auf dem evangelischen Friedhof in Tröbitz eine Gedenktafel angebracht wird. Ich hoffe, dafür die Zustimmung der örtlichen Amtsträger zu gewinnen, was mir bisher leider noch nicht gelungen ist – obwohl die finanziellen Mittel dafür weitgehend bereitstehen.

Es gibt die Ansicht, dass wir uns in Deutschland schon genug mit der Geschichte des Holocaust beschäftigt haben. Was hätte Erika Arlt wohl dazu gesagt?

Bauer Sie hätte geantwortet, dass ein Menschheitsverbrechen wie der Holocaust kein ‚Schwamm drüber’ erlaubt. Im Gegenteil, erst wenn man die Ursachen kennt, wird es möglich sein, ähnliches in Zukunft zu verhindern. Das ist wie bei einer ansteckenden Krankheit: wer die auslösenden Erreger nicht kennt, wird sie immer wieder bekommen.

Sie kamen aus dem Westen nach Bad Liebenwerda, wo Sie jetzt schon 25  Jahre leben. Unterscheiden sich die Menschen hier von denen, die im Westen der Republik leben?

Bauer Ich finde, sie unterscheiden sich vor allem dadurch, dass sie politisch wacher sind. Sicherlich kommt auch hier dem Familienleben und der Freizeit eine große Bedeutung zu. Aber man lässt sich nicht so leicht etwas vormachen wie im Westen. Das finde ich sehr angenehm.

Politisch wacher? Woraus schlussfolgern Sie das?

Bauer Viele Menschen in der DDR haben nicht einfach hingenommen, was damals in der Zeitung stand. Sie mussten schon immer zwischen den Zeilen lesen und viele haben sich eine Meinung gebildet, nachdem sie auch die andere Seite hörten, zum Beispiel durchs Westfernsehen.

Den Westen haben Sie anders erlebt?

Bauer Bei uns hat die Mehrheit geglaubt, was ihnen gesagt wurde. Den meisten ging es doch gut. Als die ersten Proteste aufkamen, denken Sie an die Studentenunruhen und den NATO-Raketenbeschluss, hörten die Demonstrierenden meist: Wenn es Euch nicht passt, dann geht doch rüber.

Was waren für Erika Arlt die größten Errungenschaften der DDR?

Bauer Außer der Tatsache, dass es gelungen war, aus sehr schwierigen Anfängen einen anerkannten Industriestaat aufzubauen, waren es solche Dinge wie, dass die Grundversorgung des täglichen Lebens extrem günstig war, dass jeder eine Wohnung und auch Arbeit hatte. Die Schulbildung stand jedem, unabhängig vom Geld der Eltern offen. Außerdem schätzte sie die Kulturpolitik, vor allem, dass die Landbevölkerung nicht abgehängt wurde.

Und worin sah sie  die größten Mängel, Fehler?

Bauer Sie hat vor allem kritisiert, dass die SED-Führung der Bevölkerung gegenüber nicht offen und ehrlich war. So kam es zu einer Politik der Bevormundung, die am Ende nicht mehr in der Lage war, Ideen, Vorschläge und die Motivation breiter Teile der Bevölkerung zu integrieren.

Zu Ihrem Buch: Was sind darin die wichtigsten Themen?

Bauer Für mich ist es vor allem die Geschichte, wie die beiden den Weg aus der Nazizeit hin zu dem mit großem Elan, mit großer Begeisterung beschrittenen Aufbau einer vollkommen neuen Gesellschaft zurückgelegt haben. Und dann, wie sie, als sich die DDR verfestigte, verhärtete, eine lokale antifaschistische Erinnerungskultur aufgebaut haben, ganz im kleinen, vor allem gemeinsam mit ihren Mitbürgern in der Region und dadurch erfolgreich.

Warum sollte man das Buch lesen?

Bauer Es ist gewissermaßen eine Antigeschichte: während überall erzählt wird, wie schlecht und übel die DDR war, erfährt man hier von den Hoffnungen, der wirklichen Motivation der normalen Bürger. Und weil das Thema einer humanen Gesellschaft heute überhaupt noch nicht gelöst ist, hat dieses Leben durchaus auch Vorbildfunktion.

Wir leben nicht in einer humanen Gesellschaft?

Bauer Die Gesellschaft driftet immer weiter auseinander. Die Schere zwischen Arm und Reich wird größer. Dass es in einem Land wie unserem zunehmend mehr Menschen gibt, die von ihrem Einkommen nicht leben können, dass sogar die Zahl der Obdachlosen steigt, das kann doch nicht sein. Die soziale Verantwortung, der sich familiengeführte Unternehmen zumeist immer noch stellen, nimmt in der Breite der Wirtschaft ab. Große globale Probleme der Welt sind nicht gelöst, führen zu Spannungen, Kriegen. Die Welt ist wieder unsicherer geworden. Ich glaube, wir brauchen eine Neuausrichtung unserer Gesellschaft.

Sie gehen in Ihrem Buch auch sehr kritisch mit dem gewählten Weg zur Deutschen Einheit um, sprechen von der „Übernahme der DDR, ,Aufbau Ost` genannt“, als „eine riesige Arbeitsbeschaffungsmaßnahme für die 2. und 3. Garnitur, wie es sie nie zuvor in der deutschen Geschichte gegeben hatte und nie wieder geben wird“.

Bauer War es nicht so? „Es kam nicht ,die Elite` aus dem Westen, sondern es kamen mehrheitlich Richter, Professoren, Politiker, Militärs usw., die sich im Westen in der Warteschleife befanden. Ich habe gerade eine aktuelle Studie gelesen, wonach es heute noch so ist, dass im Osten die meisten Führungspositionen durch Menschen aus dem Westen belegt sind. Wie sollen wir eine wirkliche Einheit vollziehen, wenn der Osten auf vielen Feldern unterrepräsentiert bleibt?

Lassen Sie uns zurück zu den Arlts kommen. Erika hat sie stark beeindruckt.

Bauer Das stimmt. Sie war eine einfache Frau und hat mit so viel Hingabe an der Aufarbeitung der Geschichte, mitunter auch gegen Widerstände, gearbeitet. Sie hatte ein phänomenales Gedächtnis, war wie ein Computer auf zwei Beinen, hat Zeitzeugen interviewt, ganz viel ganz akribisch erfasst. Es ist auch ihr Verdienst, dass die Tröbitzer inzwischen die Geschichte des „Verlorenen Transports“ auch als die Ihrige ansehen. Man kann den Einwohnern nur sehr dafür danken. Wer mein Buch liest, wird erfahren, dass dieser Weg auch kein einfacher war.

Das Wirken der Arlts spiegelt sich auch in den Beileidsbekundungen nach dem Tod von Erika Arlt wider.

Bauer Ich habe einige Auszüge daraus bewusst mit veröffentlicht. So schrieben Saskia Goldschmidt aus den Niederlanden „Für mich war sie Wegweiserin in einem wichtigen Abschnitt meiner Familiengeschichte“ und Elchnan Tal, Annelie Tal, Avraham Rinat und Noómi Rinat aus Israel „Erika Arlt war eine wunderbare und ergebene Frau, und ihre Anwesenheit in unserem Leben war uns ein großes Vorrecht und sehr bedeutungsvoll und teuer.“ Lore Robinson aus London schrieb in ihrer Beileidsbekundung „Sie hat unserer ganzen Familie sehr viel geholfen, da unsere Eltern in Tröbitz waren, geschickt von Bergen-Belsen.“ Mehr, sehr emotionale Worte finden sich im Buch. Das Wirken der Arlts hat international Anerkennung gefunden. Ich fühle mich verpflichtet, in ihrem Sinne weiterzuarbeiten. Wir müssen zu unserer Geschichte stehen, müssen sie aufarbeiten.

Gibt es bereits erste Reaktionen auf das Buch? Welche?

Bauer Ich habe mich vor allem über die Reaktionen der Überlebenden aus dem Verlorenen Zug und ihrer Angehörigen gefreut, sie waren durchweg positiv. Alleine dafür hat sich die Arbeit für mich gelohnt. Bei einer ersten Buchvorstellung in der Louise in Domsdorf, wo die Arlts 1953 ihre erste Wohnung hatten, ergab sich eine sehr interessante und anregende Diskussion. Ich würde mich sehr freuen, wenn das Buch Anlass für weitere, ähnliche Veranstaltungen sein könnte.

Und wie wollen Sie das Buch bekannt machen? Wird es Lesungen geben?

Bauer Ich werde es, wo immer es Interessenten gibt, gerne vorstellen. Lesungen im eigentlichen Sinne möchte ich nicht machen, eher Gespräche über den Inhalt des Buches. Auf der Internetseite www.arlt-archiv.info werden Termine bekanntgegeben. Und ich danke auch der Lausitzer Rundschau, die die Termine ebenfalls veröffentlichen möchte.

Mit Rainer Bauer
sprach Frank Claus

Das Buch, ISBN 978-3-945187-90-6, Verlag am Park, ist für 14,99 Euro erhältlich in der Buchhandlung Götze in Bad Liebenwerda.