Herr Reinicke, seit einer Woche gibt es keine Neuigkeiten zu dem Vorfall vorigen Sonntag. Haben Sie welche?
Die Kripo ermittelt ja noch. Aber ich bin natürlich auch in der Unterkunft gewesen und habe gefragt, was da los war. Mein Eindruck: Die Darstellung des Vorfalls, wie sie durch die Medien ging, ist sehr fragwürdig.

Inwiefern?
Es ist unstrittig, dass sich Leute geschlagen haben und es Verletzte gab. Es wurde aber niemand durch die Stadt gejagt. Was auch fraglich ist, ist die Anzahl der Beteiligten, die zu hoch erscheint.

Haben Sie auch mit den beiden Verletzten gesprochen?
Zunächst muss ich mich um die Bürger kümmern, die in Gröditz sind. Für alles andere gibt es keine Veranlassung.

Seit dem Vorfall soll es verbale Anfeindungen gegen die Asylunterkunft gegeben haben.
Nicht "soll". Es hat sie gegeben. Ich habe es am Montag selbst erlebt, als ich in der Asylunterkunft war. Am helllichten Nachmittag brüllt da jemand draußen "Asylanten raus". Solche Pöbeleien waren aber auch schon vorher an der Tagesordnung.

War es ein Fehler, sämtliche Asylbewerber in Gröditz in einem großen Wohnblock unterzubringen?
Nein. Gepöbelt würde auch, wenn sie woanders leben würden. Das Problem ist ein anderes.

Welches denn?
Die Gesamtsituation beim Thema Asyl. Die Menschen kommen hierher, es wird humanitäre Hilfe geleistet. Die Frage ist, wie geht es weiter. Gehen die Menschen zurück, bleiben sie hier? Seit 2012 die ersten Asylbewerber zu uns gekommen sind, werde ich gefragt, wann diejenigen abgeschoben werden, die keinen Aufenthaltstitel haben. Da muss ich sagen, dass der Bürgermeister nicht fürs Abschieben verantwortlich ist.

Lassen Sie uns von den großen politischen Fragen zurückkehren nach Gröditz. Seit dem Vorfall dürften die Bürger sicher viele Fragen haben. Wäre es nicht sinnvoll, eine Bürgerversammlung einzuberufen - wie in Zeithain?
Nein. Wir setzen auf den täglichen Kontakt mit den Bürgern. Es ist ein Irrglaube, einmal eine Großveranstaltung zu machen und den Leuten die Welt zu erklären. Ich habe noch nicht erlebt, dass dabei ein konzentriertes Gespräch zustande kommt.

Mitunter heißt es, den Asylsuchenden mangele es an Beschäftigung. Stimmt das?
Nein. Ein Teil der Leute bekommt eine Ausbildung, andere besuchen mehrstündige Deutschkurse. Und dann gibt es einen kleinen Teil, etwa 25 Leute, die aus verschiedenen Gründen derzeit nichts machen. Die werden ab März im Bauhof der Stadt beschäftigt, 15 Leute haben sich da jetzt schon angemeldet.

Und wie sieht es in Sachen Freizeit aus? Werden die Angebote der Gröditzer Vereine genutzt?
Die Vereine stehen den Menschen offen. Aber die Angebote werden wenig genutzt, zu wenig. Die Asylbewerber bekommen aber alle Informationen über Trainingszeiten und dergleichen. Hingehen müssen sie jedoch selbst, man kann niemanden zwingen. Hinzu kommt aber auch die kurze Verweildauer, die in der Asylunterkunft zwischen sechs und neun Monaten liegt. Längstens beträgt sie ein Jahr.

Anfangs sollten in Gröditz 50 Asylsuchende leben, inzwischen sind es rund 200. Ist damit eine Obergrenze erreicht?
Die Grenzen liegen woanders, zum Beispiel bei der Betreuung. Da sind wir an einem Punkt, wo viel mehr nicht ohne Weiteres zu händeln ist. Aber die Bewohnerzahlen schwanken ja auch, das darf man nicht vergessen.

Lassen Sie uns noch einmal über das Thema Sicherheit in Gröditz sprechen. Braucht es mehr Polizeipräsenz in der Stadt? Es gab ja auch schon Forderungen nach einer Bürgerwehr.
Was die Polizeipräsenz angeht, macht es nicht die Masse, sondern die Qualität. Und beim Thema Bürgerwehr bleibt festzuhalten, dass Selbstjustiz unzulässig ist. Das Gewaltmonopol liegt beim Staat. Der Staat muss sich aber auch wieder stärker seiner Rolle bewusst werden und für Recht und Ordnung sorgen. Diesem Grundgedanken hat man in den vergangenen Jahren zu wenig Aufmerksamkeit geschenkt.

Zum Schluss noch einmal die Frage: Was wünschen Sie sich jetzt nach den Vorfällen vom Sonntag?
Dass es eine flotte Aufklärung gibt, was wirklich passiert ist. Ich wünsche mir schon, dass man sehr schnell, also etwa innerhalb von vier Wochen, zu Ergebnissen kommt.

Mit Jochen Reinecke

sprach Eric Weser