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| 18:06 Uhr

Wirtschaftskriminalität
Vorwurf: Pfandbetrug in Millionenhöhe

Für wenige Flaschen mag der Pfandbetrag noch lächerlich wirken. Geht die Anzahl der Flaschen aber in die Dutzenden Millionen – wie bei den Bad Liebenwerdaer Mineralquellen – wird schnell klar, dass es sich auch beim Pfand um mehr als nur Peanuts handelt.
Für wenige Flaschen mag der Pfandbetrag noch lächerlich wirken. Geht die Anzahl der Flaschen aber in die Dutzenden Millionen – wie bei den Bad Liebenwerdaer Mineralquellen – wird schnell klar, dass es sich auch beim Pfand um mehr als nur Peanuts handelt. FOTO: Frank Hammerschmidt
Bad Liebenwerda. Polizei und Staatsanwaltschaft ermitteln in einem Fall in der Bad Liebenwerdaer Mineralquellen GmbH. Tatverdächtig sind sieben Personen. Die vorgeworfenen Taten liegen schon länger zurück. Von Frank Claus

Wegen möglichen Betrugs in Millionenhöhe ermitteln Polizei und Staatsanwaltschaft in der Mineralquellen GmbH in Bad Liebenwerda. Dabei gehe es um Pfandbetrug und die unrechtmäßige Veräußerung von befüllten Getränkekisten.

Dass Ermittlungen seit Längerem im Gange sind, bestätigt Oberstaatsanwältin Petra Hertwig von der Staatsanwaltschaft in Cottbus. Sie spricht von insgesamt sieben Tatverdächtigen. Näher will sie sich nicht äußern, um die komplizierten Ermittlungen nicht zu gefährden. Denn die Taten, die den Personen vorgeworfen werden, hätten sich über einen längeren Zeitraum erstreckt.

Die Bad Liebenwerdaer Agentur für Arbeit bestätigt, dass es im Dezember des vergangenen Jahres sechs fristlose Kündigungen gegeben habe. Dabei soll es sich um Mitarbeiter handeln, die im Lager beziehungsweise Versand beschäftigt waren.

Was soll passiert sein? Aus Mitarbeiterkreisen ist zu erfahren, dass die Geschäftsführung des Unternehmens kurz vor Weihnachten an zwei Tagen hintereinander die betreffenden Beschäftigten zu Gesprächen in die Chefetage gebeten hätte. In allen Fällen sei ein Anwalt der Firma zugegen gewesen. Der Geschäftsführer der Rhönsprudel Gruppe, zu der die Bad Liebenwerdaer Mineralquellen GmbH gehört, und der Werkleiter vor Ort hätten demnach den Beschuldigten erklärt, dass gegen sie der dringende Verdacht des Betrugs bestehe. Sie sollen sich unrechtmäßig bei der Entgegennahme von Pfandflaschen inklusive Trägerkisten und mit der Veräußerung befüllter Getränkekisten nicht unerhebliche Summen erschlichen haben.

Zweien der sechs Mitarbeiter sei in den Gesprächen vorgeworfen worden, die Firma so jeweils um eine Dreiviertel Million Euro betrogen zu haben. Den Übrigen werde demnach Betrug in Höhe von je 50 000 Euro vorgeworfen. Bernhard Brocher, der Leitende Oberstaatsanwalt der Staatsanwaltschaft Cottbus, spricht von „zunächst hochgerechneten Zahlen“, die nun im Zuge der Ermittlungen überprüft würden. Den Mitarbeitern sei auch erklärt worden, dass das Unternehmen sie in zwei Zeiträumen im betreffenden Bereich speziell kontrolliert habe.

In der Firma sollen die Ereignisse ganz schnell bekannt gewesen sein, auch weil an einem der beiden Tage ein Notarzt angefordert worden sei, nachdem einer der Beschuldigten geäußert haben soll, dass er sich „ja nun gleich aufhängen“ könne. Zudem sollen die Mitarbeiter plötzlich gefehlt haben.

Doch wie lassen sich bei der Pfand­abrechnung und dem Verkauf von Mineralwasser angeblich Summen in Millionenhöhe erschleichen? Wie aus Mitarbeiterkreisen zu erfahren war, seien vermutlich kleinere Getränkehändler in die Vorfälle verwickelt. Diesen Fakt bestätigt der Leitende Oberstaatsanwalt. „Anfang Juli hat es bei einem Hausdurchsuchungen gegeben. Dabei wurden Geschäftspapiere gefunden, die nun ausgewertet werden.“

Wenn Getränkehändler ihr Leergut abgeben würden, werde die Menge zunächst handschriftlich auf speziell vorbereiteten Formularen erfasst. Schon da könne betrogen werden, indem die aufgeschriebene Menge höher geschrieben werde als die tatsächlich angelieferte. Der Differenzbetrag wechsle als Bargeld im vereinbarten Verhältnis zwischen Getränkehändler und Mineralquellen-Mitarbeiter bei diesem „Deal“. Weil die gefälschte, höhere Menge danach im Computersystem erfasst werde, erhalte der Getränkehändler den vollständigen Betrag später erstattet. Unklar sei auch, wie nicht mehr verwendbare Flaschen und Kisten in diesem System zur Anwendung kamen. Das gelte zum Beispiel für als defekt eingestufte Kisten oder Flaschen, die aufgrund optischer Schäden aussortiert würden. Wurde da mehr nachträglich als „kaputt“ gerechnet, als tatsächlich nicht mehr zu gebrauchen war?

Mineralquellen-Geschäftsführer Christian Schindel bestätigt die Ermittlungen im Unternehmen, erklärt, „dass wir sehr dankbar für die zuverlässigen Ermittlungsleistungen der zuständigen Polizeidienststellen sind“ und lehnt trotz mehrfacher Nachfrage die Nennung weiterer Details ab: „Im Hinblick auf die fortlaufende Ermittlungsarbeit der Staatsanwaltschaft bitte ich jedoch um Verständnis, dass ich den Vorgang nicht detailliert schildern oder kommentieren kann.“

Zum Verständnis: Bei den Bad Liebenwerdaer Mineralquellen werden jährlich etwa 200 Millionen Flaschen Mineralwässer und Süßgetränke in 0,5-, 0,7-, 1,0- und 1,5-Liter-Flaschen abgefüllt. Ein großer Teil wird in Trägerkisten transportiert.

Dass beim geschilderten System große Summen zusammenkommen können, macht die Pfandabrechnung deutlich: Eine leere Getränkekiste mit zwölf Flaschen kostet inklusive Träger 3,30 Euro. Schon wenn um eine Palette mit Glasflaschen, auf der 40 Kisten gestapelt sind, betrogen wird, macht das 132 Euro.

Einen Fall nach vermeintlich gleichem Muster habe es vor einigen Jahren auch in einem kleineren Getränkehandel in Elbe-Elster gegeben. „Bei uns sind die Zahlen gefälscht worden“, heißt es aus dortigen Firmenkreisen. In den Vorgang verstrickt gewesen sei übrigens damals, wie auch vermutlich im heutigen Fall, ein kleinerer Getränkehandel aus Sachsen.

Noch größer wäre freilich der Schaden, wenn befüllte Getränkekisten unrechtmäßig den Betrieb verlassen hätten. Eine Beispielrechnung: Kauft ein Kunde im Handel eine Kiste Bad Liebenwerdaer Medium, kostet diese 5,99 Euro plus 3,30 Pfand. Nimmt er noch die preisgünstigere Marke Adello dazu, muss er weitere 3,99 Euro plus 3,30 Euro bezahlen. Macht für zwei Kisten Wasser 16,58 Euro!

Dass die Ermittlungen langwierig sind, so ist zu vermuten, liegt wohl am langen Zeitraum, in dem die möglichen Taten verübt wurden und in der Komplexität der Vorgänge. So müssten alle Lieferscheine und Computereintragungen überprüft werden, um Vergehen nachweisen zu können. Gleichzeitig muss, um gerichtsfest zu sein, geprüft werden, welche beschuldigten Mitarbeiter wann im Schichtdienst waren und welche Eintragungen wem zuzuordnen seien. Zum augenblicklichen Ermittlungsstand gibt es von der Staatsanwaltschaft keine Aussagen.

(Archivfoto) Ein Mitarbeiter der Mineralquellen Bad Liebenwerda GmbH (Brandenburg) überwacht die Abfüllung von Mineralwasser.
(Archivfoto) Ein Mitarbeiter der Mineralquellen Bad Liebenwerda GmbH (Brandenburg) überwacht die Abfüllung von Mineralwasser. FOTO: dpa/dpaweb / Z1031 Jan Woitas