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| 02:42 Uhr

Orpheus an der Elster – die Jugend spielt Graun

Linda Rosenow und Jonas Musiol sind die Hauptdarsteller der Jugendoper. Bei der Talenteschmiede haben sie Szenen gesungen.
Linda Rosenow und Jonas Musiol sind die Hauptdarsteller der Jugendoper. Bei der Talenteschmiede haben sie Szenen gesungen. FOTO: M. Claus/mcl1
Elbe-Elster. Musik des 18. Jahrhunderts heute als Jugend-Oper? Geht nicht. Doch! Die ersten Proben und erste Reaktionen, selbst von anerkannten Graun-Kennern, lassen erahnen: Da entsteht was Außergewöhnliches. Die LR begleitet den Entstehungsprozess dieser Oper, heute der Einstieg ins Werk. Mona Claus / mcl1 fc fc fc

Ein Sommerabend in einer brandenburgischen Kleinstadt. Auf der Bühne ist eine Tankstelle aufgebaut. Eurydike, kurz Rike genannt, steht wartend in ihren Tankstellenklamotten hinter der Kasse, während das Publikum sich einfindet und Platz nimmt. Es ist nichts los. Ein Ventilator läuft, Eurydike schaut immer mal auf ihr Handy, drückt darauf herum. Dann schaut sie in einen Spiegel, zupft an den Haaren rum… Das ist die Regieanweisung für diese Szene. Dann kommt Leben ins Spiel. Der Grund, weshalb sich nach und nach die Jugendlichen an der Tankstelle treffen, lachen, quatschen und telefonieren ist die nahende Geburtstagsparty von Orpheus.

Orpheus (20), der gerade sein Abitur bestanden hat und Frontsänger einer Band ist, will einfach nur fort und seinen Bandtraum leben. Eurydike (18) bittet ihn, noch ein Jahr auf sie zu warten, um dann gemeinsam das große Glück zu suchen. "Wenn Du da bist", heißt das Solo, in dem Rike über ihre Gefühle zu Orpheus singt. Schließlich, erst als Rike nach einem Unfall ins Koma fällt, begreift Orpheus den Wert ihrer Liebe. Rike erscheint Orpheus als Zwischenwesen - Orpheus hört ihre Stimme, sieht sie aber nicht. In der Verzweiflung erkennt er, was ihm verloren zu gehen droht. Der Wert der Liebe und andere Werte des Lebens gewinnen an Bedeutung. Schließlich Krankenhausbeleuchtung. Der Arzt zieht die Handschuhe aus, schüttelt den Kopf. Orpheus trägt die große Liebe zu Eurydike in seinem Herzen. Sie wird ihn nicht wieder loslassen.

Die Namen der beiden Hauptdarsteller sind kein Zufall - sie symbolisieren den Faden aus der Historie in das Heute - zur Jugendoper "Orpheus an der Elster". Seit etwa drei Jahren geistert der Gedanke eines Zusammenspiels von Musikschülern und den Namensgebern der Kreismusikschule, den Gebrüdern Graun, die in Wahrenbrück geboren wurden, im Kopf von Diplom-Komponist John Rausek herum. Mehr als 30 Opern von Graun hat er für diese Idee gesichtet, gewertet und verworfen. Mit der Orpheus-Oper von Carl-Heinrich Graun hat Rausek einen Stoff gefunden, der heute ebenso aktuell ist, wie einst - Gesang, Liebe und Tod, sind die drei Säulen. Ganz nah am Original bleiben will Rausek, für den das Komponieren ein Muss ist. In Wahrenbrück kam im vergangenen Jahr "Daniel", ein Musical für Kinder und Erwachsene auf die Bühne.

Die Akteure waren Mitglieder der Arbeitsgemeinschaft Kindermusical Bad Liebenwerda, der Chor der evangelischen Grundschule Tröbitz, Kinder der Grundschule "Erich Schindler" Wahrenbrück sowie Schüler der Kreismusikschule Gebrüder Graun.

Gemeinsam mit Birgit Wahren, einer Texterin aus Potsdam, erarbeitete John Rausek die biblische Geschichte des "Daniel" in einem neuen, zeitgemäßen und humorvollen Rahmen mit aktuellem Themenbezug. Schon da wurde deutlich: Die Chemie stimmt zwischen Wahren und Rausek. Kinderkantaten, biblische Geschichten und Musical nehmen unter beider Initiativen immer häufiger Gestalt an und treffen den Nerv von Kindern und Jugendlichen. Die Jugendoper "Orpheus an der Elster" entwickelt sich ebenso stetig. Einzelne Teile wurden bereits aufgeführt und sorgten beim Publikum für Schwärmen und Staunen, aber ebenso für Hoffnung und Vertrauen in das Konzept der Kreismusikschule. Graun, mehr denn je beschäftigen sich heute Schüler mit ihren Namensgebern. Nicht zwanghaft, sondern auf neue Weise lernen sie Werke, die mit heutigem Musikverständnis wohl als schwere Kost bezeichnet werden dürfen, kennen. John Rausek nimmt die jungen Leute mit, erklärt ihnen, dass Graun-Musik zur damaligen Lebenszeit gern gespielte Musik war. Hätte es damals schon die Charts gegeben - die Grauns wären wohl die Hitbringer gewesen. Musikkenner bestätigen, Graun-Musik spielt sich nicht einfach so dahin. Musikpädagogin Antje Schaffranietz hält das nicht davon ab, das unter ihrer Leitung spielende Streich- und Kammerorchester der Kreismusikschule für das Mitspielen in der Oper fit zu machen. Ihren ersten Auftritt hatten sie vor den Augen und Ohren der deutschlandweit namhaftesten Kenner der Graun-Musik beim kürzlichen Internationalen Wettbewerb um den Gebrüder Graun-Preis in Bad Liebenwerda. Und die Fachwelt staunte nicht schlecht, als Rausek munter drauf losplauderte und Einblicke in erste Inhalte und die geplante Umsetzung des Werkes gab. "Unbedingt weitermachen", meinte Wolfgang Katschner, als Chef der Lautten Compagney Berlin nicht nur Echo-Klassik-Preisträger 2010, sondern Kenner alter Musik.

Prof. Dr. Christoph Henzel aus Würzburg, der in Deutschland als der Kenner der Graunschen Werke gilt, forderte auf, ihn vom Fortgang des Opernprojektes auf dem Laufenden zu halten. Und Hermann Max aus Bremen und Prof. Ludger Remy aus Dresden fasziniert der Querschnitt der Akteure, die in das Projekt einbezogen sind - von ganz jungen Leuten bis zu Musikern, die sich im Alter noch mal als "Schüler" der Kreismusikschule eingetragen haben. Thomas Hettwer von der Sparkassenstiftung "Zukunft Elbe-Elster-Land" war die Überraschung über die ersten Töne und Opernteile anzusehen: "Da wächst was Großes", zeigte er sich fasziniert. Wer die Orpheus-Oper kennt, weiß, dass sich bereits weit vor den Grauns viele Komponisten an dem Stoff in verschiedener Form und Darstellung probiert haben. Es ist der Stoff, der die große Liebe, den Gesang und den Tod zum Thema hat.

Linda Rosenow und Jonas Musiol sind die Hauptpersonen der später einmal 17 Teile umfassenden Oper. Gesangslehrer Sebastian Pöschl ist beider Mentor und selbst gespannt, wie das Gesamtwerk einmal aussehen wird. "Es ist ein großes Ding mit der Oper. Ebenso spannend ist, wie sich dieses Projekt einmal zusammenfügen wird", meint Sebastian Pöschl. Mehr als 50 Künstler werden am Opern-Projekt mitwirken, darunter Gesangslehrer Steven Demmel mit seinem Popchor, Maik Antrack und sein Bandprojekt wie auch Miriam Kreher und Mario Gängler mit ihren Schülern. Alle sind sie gespannt, wie das komplette Werk ankommen wird. Schließlich fehlen noch das Bühnenbild, Schauspielunterricht für die Darsteller und musikalische Teile, die eingespielt und angepasst werden müssen. Alles ist keinesfalls so einfach, wie es sich anhört, meint John Rausek, freut sich aber über die Unterstützung durch die Musikschulpädagogen. Rausek brennt für die Sache und konnte schon viele mit der Idee zum Glühen bringen. Die kürzliche Talenteschmiede in Elsterwerda wurde zur Bühne für die Solisten, den Chor und die Musiker. Für Schmunzeln sorgt der Landkreissong, der geprägt ist von dem Gedanken des Fortgehens - in eine Großstadt, wo das Leben pulsiert: "Ich verlass die Landgreiszone …weil ich in 'nem Landkreis wohne, müssen wir hier nicht als Landgreise thronen…"

Tosender anhaltender Applaus und Pfiffe der Begeisterung - schon zur Talenteschmiede lief den Zuhörern ein Schauer über den Rücken. Alle wollen wissen, wie es weitergeht. Rausek ist an diesem Abend stolz, einen Schritt weiter gekommen zu sein, aber noch lange nicht zufrieden mit dem Ergebnis. Er ist keiner, der viele Worte macht. Er agiert im Ruhigen, wägt die selbst gesteckten Ziele immer wieder ab und peilt eine konzertante Aufführung an. Er will sie bauen eine Brücke vom Rock-Pop zum Graun.

Zum Thema:
Wettbewerb der MusikschulenDie Pflege des musikalischen Erbes der Gebrüder Graun wird auch im Jahr der Ersten Brandenburgischen Landesausstellung 2014 auf Schloss Doberlug eine große Rolle spielen. So soll es am 28. Juni erstmals einen Wettbewerb der Musikschulen der Länder Brandenburg und Sachsen geben. Die Ausschreibungsunterlagen sind in Abstimmung mit dem Kulturamt des Landkreises Elbe-Elster von den Musikschulverbänden beider Länder an alle Musikschulen in Brandenburg und Sachsen verschickt worden. Gefragt sind Solisten und Ensembles, die sich im Wettbewerb stellen und Werke der Graun'schen Musik, der Berliner Klassik und der Musik des sächsischen Hofes vom Anfang des 18. Jahrhunderts spielen. Um 10 Uhr soll der Wettbewerb beginnen, um 19 Uhr ist das Preisträgerkonzert in der Klosterkirche St. Marien in Doberlug geplant. fc Festival der Graun'schen MusikAm Wochenende des 10. bis 12. Oktober findet im Schlossareal Doberlug ein Festival der Graun'schen Musik statt. Dazu werden deutschlandweit namhafte Klangkörper der Alten Musik erwartet. Die Lautten Compagney Berlin unter Leitung von Echo-Klassik-Preisträger Wolfgang Katschner, kürzlich erst von einer Japan-Tournee zurückgekehrt, spielt am 10. Oktober. Die Batzdorfer Hofkapelle aus Dresden musiziert am 11. Oktober und am 12. Oktober wird die Hamburger Ratsmusik erwartet. Konzertorte sind die Klosterkirche und das Refektorium. Die Veranstaltungen werden zusätzlich mit dem Auftritt von Preisträgern zurückliegender Jahre des Internationalen-Gebrüder-Graun-Preises in Bad Liebenwerda gewürzt. fc Wer unterstützt das Opern-Projekt?Die Graun-Jugendoper soll in konzertanter Form in ihren 17 Teilen zum ersten Mal im Mai nächsten Jahres aufgeführt werden. Noch steht der Veranstaltungsort nicht fest. Wegen des erwartet großen Interesses - schon jetzt äußern junge Leute, die Oper unbedingt sehen zu wollen - soll ein Gebäude mit vielen Sitzmöglichkeiten auserkoren werden. Um die Oper mit allem Drum und Dran aufführen zu können - also mit professionellen Szenenbildern, Licht und Tontechnik - werden noch 10 000 Euro benötigt. Für den 11. Oktober ist die Komplettaufführung der Oper mit entsprechendem Bühnenbild - vorausgesetzt die Finanzierung klappt - vorgesehen. Informationen beim Kulturamt des Landkreises: Tel. 03535 465100. fc