Von Frank Claus

Das kennt jeder von uns: Ein Ton ist schrill, quietscht, tut den Ohren so weh, dass wir sie schnell mit beiden Händen zuhalten. Doch wie klingt ein sauberer Ton? Ist jeder von uns in der Lage, einen wohlklingenden von einem „schrägen“ Ton zu unterscheiden?

Bad Liebenwerdas Orgelbaumeister Dieter Voigt sagt: „Jeder Mensch mit normaler Hörfähigkeit, egal ob Kind, Jugendlicher oder Erwachsener, ist in der Lage, in die Welt des musikalischen Hörens einzudringen.“ Aber er weiß auch, dass der Schulung des Gehörs viel zu wenig Platz eingeräumt wird. „Wir haben im Schulunterricht sehr früh die Funktion von Buchstaben und Zahlen und ihren Umgang damit erlernt. Aber musikalisches Hören, ursächliches Erkennen von Intonations- und Stimmungsdifferenzen, wird meist nur an werdende Musikprofis weitergereicht.“

Dieter Voigt möchte helfen, dieses Defizit in der Südbrandenburgischen Orgelakademie in Bad Liebenwerda zu beheben. Am vergangenen Freitag ging ein erstes Projekt, durchgeführt mit zwei sechsten Klassen des Grundschulzentrums, zu Ende. Mit einem bemerkenswerten Ergebnis. Vor ihren Eltern haben die 50 Schüler in zwei Veranstaltungen gezeigt, was sie in zehn Kursstunden gelernt haben. Lehrinhalt: Musikalisches Hören durch praktisches Stimmen von Orgelpfeifen, rhythmisches Training mit selbstgebauten Spezialschlägeln und gemeinsames Musizieren an Kleinorgeln und kleinen Pfeifenorgeln (Portative) unter Einbeziehung von elf Klaviaturen. Was kaum einer erwartet hätte: Die Kinder waren mit Feuereifer bei der Sache. Musiklehrerin Andrea Vetter: „In der Kulisse der Orgelakademie ist Musikunterricht dann eben doch was Besonderes.“ Kantorin Dorothea Voigt: „Für viele war es die erste Begegnung mit einer Orgel.“ Die Kinder hätten schon gestaunt, was dieses Instrument kann und wie es klingt.

Johanna Raue, Projektleiterin der Orgelakademie, freut sich über diesen Erfolg und würde diese Art Musikunterricht gern noch viel mehr Kindern und Jugendlichen anbieten wollen. Die 26-jährige, studierte Eventmanagerin scheint genau die Person zu sein, die die Orgelakademie jetzt braucht. Sie sprüht vor Ehrgeiz, wenn es um den weiteren Aufbau und die Vermarktung geht. Schließlich soll die Akademie am 25. Mai im Rahmen des Bad Liebenwerdaer Stadtfestes offiziell eingeweiht werden. Wer jetzt durch die Räume geht, kommt aus dem Staunen nicht heraus. In Bad Liebenwerda ist kein Orgelmuseum entstanden, sondern eine Bildungseinrichtung Orgel, die nach dem Willen von Orgelbaumeister Dieter Voigt breit genutzt werden soll – vom Schüler bis zum Studenten und Musikwissenschaftler.

Der ehemalige Reiss-Geschäftsführer Dietmar Menzel, zugleich auch Mitglied im Förderverein der Orgelakademie: „Musik hat in Bad Liebenwerda lange Traditionen, vom ersten Kurkonzert 1912 bis über die verschiedenen Orchester der Musikschule, die Bands, die es jetzt in der Stadt gibt bis hin zum Graun-Wettbewerb und zur Orgelakademie. Wir haben das Zeug, Musikstadt zu werden.“ Bürgermeister Thomas Richter, Vizechef im Verein: „Der lange Atem zahlt sich aus. Mit weiteren Leader-Mitteln und von Land(auf)Schwung werden wir die Akademie noch anziehender gestalten.“ So solle es im Erdgeschoss des einstigen Druckereigebäudes auch eine Traditionsecke geben, wo sich die einstige Druckerei Ziehlke und das Nachfolgeunternehmen Variograph, die Reiss Büromöbel GmbH und der Mitteldeutsche Orgelbau Voigt präsentieren werden. Auch äußerlich wird das Ensemble interessanter. Mit dem Abriss von verfallenen Nebengebäuden werde in Verbindung mit dem Gemeindezentrum ein Fleckchen in der Innenstadt entstehen, das viele kleinere kulturelle Aktivitäten zulasse.