| 18:18 Uhr

Ohne Reiss wäre die TU 144 nie geflogen

Dietmar Menzel hat Reiss-Zeitgeschichte bewahrt. Jetzt wird sie für alle zugänglich.
Dietmar Menzel hat Reiss-Zeitgeschichte bewahrt. Jetzt wird sie für alle zugänglich. FOTO: Frank Claus
Bad Liebenwerda. Sage keiner, es habe zu DDR-Zeiten kein Produktmarketing und keine Imagewerbung gegeben. Wer sich den zu dieser Zeit entstandenen Werbefilm des damaligen Reiss-Unternehmens in Bad Liebenwerda ansieht, erfährt, dass die Tupolew Tu-144, das erste Überschallverkehrsflugzeug der Welt, nie geflogen wäre, hätte es die Reiss-Zeichenbretter nicht gegeben, auf denen es konstruiert wurde. Frank Claus

Und es ist nicht die einzige bedeutsame Errungenschaft, die in Verbindung mit Reiss steht.

Die neue historische Ausstellung zur Industriegeschichte im Obergeschoss des heutigen Reiss-Firmentrakts ist eine Fundgrube, reicht von Vermessungsinstrumenten, Lichtpausgeräten, den Darstellungen zur Entwicklung des ersten Steh-Sitz-Schreibtisches bis hin zum Rechenschieber, Rechen- und Zeichenmaschinen. Im Jahr 1982, so ist der Ausstellung zu entnehmen, war Reiss einer der größten Zeichengerätehersteller Europas. Heute hat sich das Portfolio gewandelt: Reiss entwickelt und produziert modernste Büromöbelsysteme.

Die Geschichte des Unternehmens bewahrt eine ungeheuer informative Ausstellung des im vergangenen Jahr neu gegründeten Vereins "Reiss Zweck". Geistiger Vater ist der ehemalige Reiss-Geschäftsführer Dietmar Menzel, aus dessen Fundus die meisten der mehr als 1500 Originalprodukte der Firma stammen. Dazu kommen unzählige Dokumente aus den 135 Jahren Industriegeschichte.

Doch der Verein will nicht nur Museumsverwalter sein, er will "die selbstlose Förderung, Erhaltung und Unterstützung der Industriegeschichte der Stadt Bad Liebenwerda", wie es im Vereinszweck steht, begleiten. Denn Reiss habe schon zu Gründerzeiten unter anderem eng mit der damaligen Druckerei Ziehlke zusammengearbeitet und später auch viele Kontakte zum einheimischen Orgelbau gehabt. Der Verein wolle bei Kindern und Jugendlichen das Interesse für die Ortsgeschichte wecken. Mit beiden Reiss-Schulen der Stadt gibt es enge Kontakte, werden Projekttage durchgeführt und so auch Berufswünsche geformt.

Dabei will "Reiss Zweck" nicht nur auf Bad Liebenwerda begrenzt bleiben. Der gleichnamige Designpreis, den das Unternehmen alle zwei Jahre ausschreibt, solle in enger Verbindung mit der Geschäftsführung weiterentwickelt werden. Die Zusammenarbeit mit der Technischen Universität Dresden und der Brandenburgischen Technischen Universität Cottbus-Senftenberg solle dazu beitragen, enge Verknüpfungen zur Wissenschaft aufrecht zu erhalten.

Doch erst einmal will der Verein am 16. September zwischen 10 und 14 Uhr die Ausstellung eröffnen und dazu viele Gäste begrüßen. Schon jetzt habe er zahlreiche Anfragen, "auch von in alle Welt verstreuten, ehemaligen Reiss-Mitarbeitern", so Dietmar Menzel, erhalten.

Er wird den Gästen auch die neu gestaltete Dachterrasse vorstellen, von der aus man einen tollen Blick über die Kurstadt hat. Und Dietmar Menzel denkt schon weiter: "Irgendwann soll hier oben mal ein Cafénachmittag zu Musik der Big Band stattfinden. Vielleicht gibt es auch bald regelmäßig Terrassen-Gespräche." Zur Ruhe gesetzt hat sich der ehemalige Reiss-Chef also lange nicht.

Zum Thema:
Noch gibt es in der Ausstellung im REISS-Komplex im Bad Liebenwerdaer Südring 6 keine regelmäßigen Öffnungszeiten. Besuche können unter Tel. 0170 2249696 und per E-Mail unter info@reiss-zweck.de vereinbart werden. 21 Mitglieder hat der Verein jetzt, Mitstreiter sind herzlich willkommen. Demnächst soll ein weiterer großer Raum zur Firmengeschichte gestaltet werden. www.reiss-zweck.de