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| 02:42 Uhr

Nicht alle Frauen tragen eine Burka

Swantje Rosenboom-Lehmann ist eine Experin für den Islam.
Swantje Rosenboom-Lehmann ist eine Experin für den Islam. FOTO: mcz
Elsterwerda. "Was man vom Islam wissen sollte" war ein Thema der jüngsten Mitgliederversammlung des Blinden- und Sehschwächenverbandes Elsterwerda. Dazu referierten die SPD-Regionalbeauftragte Martina Mieritz und die Islamwissenschaftlerin Swantje Rosenboom-Lehmann aus Zeuthen. Michèle-Cathrin Zeidler

Mit 1,6 Milliarden Anhängern ist der Islam nach dem Christentum heute die zweitgrößte Weltreligion. "Nicht erst seit der Flüchtlingskrise gibt es Muslime in Deutschland", stellt Swantje Rosenboom-Lehmann klar. Sie studierte Islamwissenschaften und lebte mehrere Jahre mit ihrer Familie in Saudi Arabien und anderen arabischen Ländern. "Bereits 1866 stellte der preußische König Friedrich Wilhelm III. zur Bestattung verstorbener Muslime ein Gelände zur Verfügung. Dieses bildete den Grundstein der bis heute erhaltenen Sehedlik Moschee in Neukölln", sagt Swantje Rosenboom-Lehmann.

Warum sind die Flüchtlinge überwiegend Muslime?

Die arabische Welt ist eine zerstrittene Welt. "90 Prozent aller Konflikte finden in der arabischen Welt statt", erklärt die Islamwissenschaftlerin. "Die Menschen fliehen vor Kriegen und Konflikten."

Woran glauben Muslime?Der Islam ist eine monotheistische Religion, die im frühen 7. Jahrhundert nach Christus in Arabien durch den Propheten Mohammed gestiftet wurde. "Der Islam beruht auf den fünf Säulen: dem Glaubensbekenntnis, den fünf Gebeten, der Fastenzeit, der Pilgerreise und dem Almosengeben", sagt Martina Mieritz. Die SPD-Regionalbeauftragte hat Theologie studiert. "Und euer Gott ist ein einziger Gott" - heißt es im Koran. "Muslime glauben an den einen Gott und stellen ihn über alles und jeden. Der Koran ist das Wort Gottes", erklärt die Lehrerin für evangelische Theologie.

Was ist die Scharia?"Viele Menschen denken, die Scharia sei das mit Hand und Kopf ab", so Swantje Rosenboom-Lehmann. "Die Scharia ist aber ein Teil aus dem Koran und bezeichnet das islamische Recht." Die Scharia überwacht religiöse Verpflichtungen des Einzelnen und die Beziehungen zum Mitmenschen. "Es werden Fragen einer Gemeinschaft geklärt, wie Vermögensrecht, Familien- und Erbrecht sowie Strafrecht", erklärt Swantje Rosenboom-Lehmann. Die Auslegung dieses Scharia Rechtes hat verschiedene Rechtsschulen hervorgebracht. "Die Scharia selbst kann als göttliches Recht aber nicht hinterfragt oder anders gedeutet werden", sagt die Islamwissenschaftlerin.

Sind alle Frauen verschleiert?"Ein schnelles Vorurteil ist, dass alle Musliminnen eine Burka tragen", weiß Swantje Rosenboom-Lehmann. Tatsächlich würde die Burka aber nur in Afghanistan getragen. "70 Prozent der Musliminnen in Deutschland tragen gar kein Kopftuch", stellt die Expertin klar. "Und auch in der arabischen Welt handhaben die Frauen das sehr unterschiedlich." Sie sieht in der Kleiderordnung kein Integrationshindernis. "Es ist Ausdruck ihres Glaubens. Wir sollten uns daran nicht stören", findet Rosenboom-Lehmann. Sie sieht in anderen Bereichen deutlich größere Probleme.

Sind Männer und Frauen gleichberechtigt?

"Mann und Frau sind im Schariarecht nicht gleichberechtigt", sagt Swantje Rosenboom-Lehmann. "In diesem Punkt ist es nicht mit unserem Grundgesetz vereinbar." Der Islam räumt den Frauen gewisse Rechte und Pflichten ein. So hat die Frau beispielsweise das Recht, Bildung zu erhalten, zu arbeiten und eine höhere Position zu erlangen. "Außerdem darf sie über ihr Vermögen frei verfügen und ist immer erbberechtigt", erklärt die Expertin. "Für ein Recht aus dem 7. Jahrhundert schon recht fortschrittlich." Dabei gibt sie zu bedenken, dass Frauen in Deutschland bis in die 70er Jahre ihren Mann um Erlaubnis fragen mussten, um arbeiten zu dürfen.

Was sind die Pflichten einer Frau im Islam?Die Frau hat die Pflicht, eine gute Mutter ihrer Kinder zu sein. "Weiterhin muss sie ihrem Mann treu und gehorsam sein, und nur er hat das Aufenthaltsbestimmungsrecht über die Frau", sagt Swantje Rosenboom-Lehmann. Außerdem hat der Mann das Recht auf die Liebe und Zärtlichkeit seiner Frau. "Was hier so blumig umschrieben wird, heißt eigentlich nur, dass die Frau kein Recht auf sexuelle Selbstbestimmung hat", stellt sie klar. Sex gilt als Pflichtbestandteil der Ehe. "Mit diesem Bild werden Kinder in der arabischen Welt groß", sagt Swantje Rosenboom-Lehmann. Dieses Bild von Mann und Frau verändert sich nicht in einer Woche: "Man kann nicht erwarten, dass die Flüchtlinge über Nacht unser modernes Frauenbild übernehmen. Dafür braucht es ein Leben lang, eine Generation."

Wie ist das Verhältnis von Bürger und Staat?"Die Menschen fliehen aus Ländern, in denen seit Jahrzehnten immer wieder Krieg herrscht", erklärt Swantje Rosenboom-Lehmann. "Es gibt kein Vertrauen in den Staat." Schließlich herrschen Korruption, Willkür und Gewalt. Der Einzelne lerne von klein auf, dass nur die Familie ein Garant zum Überleben ist. "Auch bis dieses tiefe Misstrauen überwunden ist, braucht es Zeit", weiß die Referentin. "Viele Flüchtling in Deutschland können es Anfangs fast gar nicht glauben, dass hier alles ohne Korruption abläuft."

Kann Integration gelingen?

"Auf Basis der Einzelnen kann Integration gelingen, aber mit einer Masse von 1,5 Millionen Flüchtlingen ganz klar nicht", sagt Swantje Rosenboom-Lehmann. Sie sieht die Regierung am Zug: "Damit diese Aufgabe gelingt, müssen die Töpfe weit aufgemacht werden. Aktuell kann ich aber leider nicht erkennen, dass die Regierung herzhaft handeln will."