Vor allem die Geschäftsleute sehen damit die Entwicklung der Innenstadt in höchstem Maße gefährdet und erklärten deshalb in einer Postwurfsendung an alle Einwohner Bad Liebenwerdas und der Ortsteile: Wenn schon einen Einkaufsmarkt, dann innenstadtnah. Sie wenden sich damit also nicht gegen neue Wettbewerber, fordern aber das Ausbluten der Innenstadt, was ihrer Meinung nach eine Folge eines Einkaufszentrums auf der „grünen Wiese“ wäre, zu verhindern. Die Verkaufsfläche des eingeschossigen Neubaus in der Berliner Straße soll rund 6000 Quadratmeter betragen, davon allein etwa 3200 für einen Lebensmittelmarkt.
Zahlreiche Stadtverordnete können Gefährdungen für die Entwicklung der Innenstadt nicht erkennen und verwiesen darauf, dass die Kurstadt durch einen solchen Markt noch interessanter für Kunden werden würde. Die Kunden würden nicht mehr in andere Städte fahren müssen und könnten mehr als bisher Preisvergleiche anstellen. Zudem verwiesen sie auf die schlechten Verkehrsbedingungen, die innerstädtisch zu erheblichen Belastungen allein durch den Lieferverkehr führen könnten. Die RUNDSCHAU nahm dies zum Anlass, im Elsterwerdaer toom-Markt nachzufragen, welche Belastungen der Lieferverkehr bringe. Der reine toom-Verbrauchermarkt verfügt über eine Verkaufsfläche von etwas mehr als 7000 Quadratmeter. toom-Manager Roland Schulze erklärte, dass täglich etwa zwischen 50 und 70 Fahrzeuge anliefern würden, wobei die Größenordnung der Transportmi ttel höchst unterschiedlich sei. Neben einigen Lkw - Schulze geht davon aus, dass ein einzelner Lebensmittel-Discounter wie in Bad Liebenwerda vorgesehen etwa zwei bis fünf Lieferungen am Tag erhält - würden Fahrzeuge überwiegen, die kleinere Abpackungen bringen. Eine nicht unerhebliche Zahl von Geschäften würde zudem nur über den Paketdienst beliefert.
Im toom-Markt gibt es fast nur tagsüber Anlieferungen. Discounter würden oft nachts beliefert und lassen ihre Ware dazu in so genannten Warenschleusen abstellen. Die Investoren von Einkaufsmärkten verdeutlich immer wieder, wie wichtig ihnen der Standort an verkehrsträchtigen Straßen ist, weil bis zu 30 Prozent des Umsatzes von Durchfahrenden komme. Deshalb war auch der Standort am Nordring (ehemals VEB Getränke) verworfen worden.
Verärgert war der Vorsitzende des Bad Liebenwerdaer Gewerbevereins Kai Uwe wendt über die „Anregungen“ im Brief des Abgeordneten Siegmar Schmidt. Der hatte von den Arbeitsplätzen gesprochen, die solche Einkaufsmärkte bringen würden. Wendt forderte den Abgeordneten auf, sich mal genauer zu informieren, wie viele der Mitarbeiter ausgebildet seien und vor allem, wie sie entlohnt würden. Im Facheinzelhandel würden solche Märkte gutqualifizierte Arbeitsplätze vernichten. Was Wendt noch ärgert: Da schlägt ein Abgeordneter vor, die Geschäfte in Bad Liebenwerda öfters mal sonntags zu öffnen. „Ja weiß er denn als Abgeordneter nicht, dass dies das Ladenschlussgesetz verbietet und wir nur vier Mal im Jahr nach Beantragung öffnen dürfen?“
Und Wendt verweist nicht zuletzt auf das Landesentwicklungsgesetz. Da stehe geschrieben, dass es Ziel der Brandenburger Politik sei, Innenstädte zu revitalisieren. In Bad Liebenwerda verfolge man, so Wendt, scheinbar das Gegenteil und mache einen Fehler, den man anderswo inzwischen oft versuche, mit viel Aufwand zu korrigieren. René Schröpfer, selbst Innenstadthändler, verweist noch auf einen anderen kleinen, aber nicht unerheblichen Aspekt: „Wir unterstützen Vereine, Feste und regionale Veranstaltungen. Geh' doch mal zu einem Discounter und frage nach einem Preis für ein Dorffest...“
Viele Geschäftsleute wollen heute ab 16.30 Uhr ihre Läden schließen und auf dem Markt demonstrieren.