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| 19:07 Uhr

Domsdorf
Neue Details der Louise-Geschichte

Die Urenkelin des einstigen Louise-Besitzers, Ignaz Petschek, Nancy Petschek-Kohn (2.v.r.) in der Ausstellung in der Louise Domsdorf mit Mechthild Passek vom Förderverein der Louise, Bauer-Geschäftsführer Rainer Bauer, Jürgen Bartholomäus (Förderverein) und Uebigau-Wahrenbrücks Bürgermeister Andreas Claus, in dieser Funktion auch Bergwerksdirektor der Louise.
Die Urenkelin des einstigen Louise-Besitzers, Ignaz Petschek, Nancy Petschek-Kohn (2.v.r.) in der Ausstellung in der Louise Domsdorf mit Mechthild Passek vom Förderverein der Louise, Bauer-Geschäftsführer Rainer Bauer, Jürgen Bartholomäus (Förderverein) und Uebigau-Wahrenbrücks Bürgermeister Andreas Claus, in dieser Funktion auch Bergwerksdirektor der Louise. FOTO: LR / Frank Claus
Domsdorf. Einem der bedeutendsten Unternehmer, der auch im heutigen Elbe-Elster-Land gewirkt hat, ist Rainer Bauer auf der Spur. Jetzt hat er Besuch aus den USA empfangen. Von Frank Claus

Das hat im Jahr 2013 für Aufmerksamkeit gesorgt. Im Sommer jenes Jahres hat die Hamburger Staats- und Universitätsbibliothek rund 420 Bücher, die von den Nazis während des Zweiten Weltkriegs beschlagnahmt wurden, an eine Nachfahrin der jüdischen Besitzer zurückgegeben. Nancy Petschek-Kohn, eine Urenkelin der Eigentümer Ignaz und Helene Petschek, nahm die 420 Bände entgegen. Dazu gehören Werke zum Judentum, zur Geschichte und Philosophie sowie europäische Literatur-Klassiker. Nun war die im Bundesstaat New York wohnende Frau auch in Domsdorf und Knappenrode, um einstige Wirkungsstätten ihrer Familie persönlich kennenzulernen.

Dass der Name Petschek einst auch in der heutigen Elbe-Elster-Region einen klangvollen Namen hatte, weiß Rainer Bauer, der Geschäftsführer der Bauer Fruchtsaft GmbH in Bad Liebenwerda. Der Unternehmer beschäftigt sich seit Langem mit dem Schicksal von Juden in der Region, bringt sich auch aktiv um die Aufarbeitung der Ereignisse rund um den „verlorenen Zug“ ein. Am 20. oder 21. April 1945 rollte der Zug, an dem weiße Fahnen flatterten, in Richtung Falkenberg/Elster durch Tröbitz und blieb vor der inzwischen gesprengten Elsterbrücke nahe dem Dorf Langennaundorf bei Kilometer 101,6 nach zweiwöchiger Irrfahrt stehen.

Die etwa 2000 jüdischen Männer, Frauen und Kinder sollten ins KZ Theresienstadt gebracht werden. Der Zug wurde bis Tröbitz zurückgefahren, wo auf Befehl der Russen die Einwohner die nun befreiten, aber ausgemergelten und kranken Menschen aufnahmen.

„Wir dürfen nicht vergessen“, das sagt Rainer Bauer heute und ist im Zusammenhang seiner Recherchen auch auf den Unternehmer Ignaz Petschek (1857-1934) gestoßen, dem zu Beginn des 20. Jahrhunderts große Anteile an Braunkohlewerken und Bergbaugesellschaften in Nordwestböhmen und Mitteldeutschland, so auch die Brikettfabrik Louise in Domsdorf, gehörten.

Dabei war auch „die Entdeckung von Petschek“ eher ein Zufall. Bei einem Besuch mit Dr. Peter Fischer vom Zentralrat der Juden entdeckte dieser in der Ausstellung in der Louise das Jubiläumsbuch zum 70. Geburtstag von Ignaz Petschek und machte auf die einst herausragende Bedeutung des Mannes aufmerksam.

Nach Aussagen der Hamburger Staatsbibliothek galt der Mann als großzügiger Mäzen der Jüdischen Gemeinde in seiner Heimatstadt Aussig (tschechisch: Ústí nad Labem) und wie Rainer Bauer heraus fand, war er auch in der hiesigen Region hoch geachtet.

„Es ist schade, dass wir heute über einen der mächtigsten und einflussreichsten Unternehmer jener Zeit so wenig wissen“, sagt Rainer Bauer. Über die Investitionen Petscheks in der Niederlausitz hat Rainer Bauer dies recherchiert: „Anfang des 20. Jahrhunderts orientierte Ignaz Petschek seine Geschäftstätigkeit um, er investierte vor allem in der Niederlausitz, erwarb Anteile an diversen Braunkohlegesellschaften, baute dort ein neues Handelsmonopol für Braunkohle auf. Inwiefern dieser Strategiewechsel mit dem großen Streik im Kohlenrevier Böhmen (von Februar bis März 1900 streiken dort 50 000 Arbeiter) zusammenhing oder mit der Beseitigung einer voraussehbaren Konkurrenz in Deutschland, wohin er den Großteil seiner Kohle exportierte, ist unbekannt. Jedenfalls kaufte Ignaz Petschek immer weitere Betriebe, unter anderem 1913 die Eintracht, der mehrere Bergbaubetriebe in der Niederlausitz gehörten (Grube Louise Domsdorf und Gruben in Welzow). Ganz besonders war er seiner böhmischen Heimat und insbesondere Usti/Aussig verbunden – dies kam in ganz außerordentlich hohen Spenden für seine Heimatregion zum Ausdruck: Er spendete große Summen für den Bau eines Lungenheilsanatoriums (1905), einer Blindenschule (1908, zusammen mit J. Weinmann) und das dortige Haus des verwundeten Soldaten wurde ebenfalls mit Mitteln Petscheks aufgebaut. Noch 1930 ließ er auf eigene Kosten einen Kindergarten errichten. Am 14. Juni 1927 feiert Ignaz Petschek seinen 70. Geburtstag in großem Stil und mit vielen illustren Gästen in Berlin, er ist ein geachtetes Mitglied der deutschen Führungsschicht. 1929 übernimmt er die Mehrheit (73%) an der Ilse AG in Senftenberg (die staatliche VIAG hält 27%) und erwirbt eine Beteiligung an der Neuen Leipziger Zeitung.“

Später verleiben sich der Flick-Konzern und die Nazis das Petschek-Vermögen ein, Petscheks Familie emigriert in die USA. Zu DDR-Zeiten werden die Kohlewerke verstaatlicht, nach der Wende beginnen Verfahren über die Rückübertragung von Eigentum, die teilweise erfolgreich sind.

Dem Förderverein des Technischen Denkmals Brikettfabrik „Louise“ in Domsdorf bietet der Besuch der Urenkelin Nancy Petschek-Kohn, die selbst ein Buch zur Familiengeschichte schreibt, jetzt die Chance, eigene Geschichtslücken zu schließen.

Das Jubiläumsbuch zum 70. Geburtstag von Ignaz Petschek - wie es in die Louise kam, weiß keiner.
Das Jubiläumsbuch zum 70. Geburtstag von Ignaz Petschek - wie es in die Louise kam, weiß keiner. FOTO: LR / Frank Claus