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Drogenkriminalität
Nach wie vor kein Pardon bei Cannabis

Dies sind von der Polizei in Elbe-Elster sichergestellte Drogen sowie Utensilien zu deren Verarbeitung und zum Wiegen: Links eine Kiste mit einem Cannabisvorrat, der für eine Person wahrscheinlich ein Jahr lang reicht. Darunter liegen Crystaltütchen, Amphetaminpaste und Ecstasytabletten. Rechts unter anderem sogenannte Legal Highs (berauschende Kräutermischungen), Cannabiszerkleinerer, Waagen, die aussehen wie Zigarettenetuis oder als MP 3-Player getarnt, und Rasierklingen zum Zerkleinern von Drogen.
Dies sind von der Polizei in Elbe-Elster sichergestellte Drogen sowie Utensilien zu deren Verarbeitung und zum Wiegen: Links eine Kiste mit einem Cannabisvorrat, der für eine Person wahrscheinlich ein Jahr lang reicht. Darunter liegen Crystaltütchen, Amphetaminpaste und Ecstasytabletten. Rechts unter anderem sogenannte Legal Highs (berauschende Kräutermischungen), Cannabiszerkleinerer, Waagen, die aussehen wie Zigarettenetuis oder als MP 3-Player getarnt, und Rasierklingen zum Zerkleinern von Drogen. FOTO: Manfred Feller / LR
Elbe-Elster. Handel und Besitz der nach Nikotin und Alkohol nächsthöheren Einstiegsdroge wird in Elbe-Elster gnadenlos verfolgt.

Alle Jahre wieder wird der Vorstoß unternommen, sogenannte weiche Drogen in Deutschland zu legalisieren. Insbesondere Cannabis. Diesmal sind es nicht die Kiffer aus dem heimischen Wohnzimmer, sondern ein Fachmann: André Schulz, Vorsitzender des Bundes Deutscher Kriminalbeamter. Der Hauptkommissar aus dem Hamburger Landeskriminalamt tritt für die regulierte Legalisierung von Cannabis ein. Der Staat soll den Verkauf von Marihuana kontrollieren.

Es sei viel Personal erforderlich, um die Drogenkriminalität zu bekämpfen. Doch der gewünschte Erfolg bleibe aus, meint er. Nach seiner Kenntnis stehen hinter sieben von zehn Drogenfällen die Konsumenten und nicht die Händler sowie organisierte Kriminelle. Die mit den Konsumenten befassten Beamten sollten besser Einbrecherbanden, Schmuggler und Schleuser jagen. Trotz fehlender Langzeitstudien bewertet André Schulz die Cannabisfreigabe in einigen Staaten als durchaus positiv.

In Brandenburg ist dies kein Thema. „Wir haben im Land eine einheitliche Auffassung. Die Gesetzeslage ist eindeutig: Jede Form von Drogenbesitz und -umgang ist strafbar“, sagt Polizeidirektor Thomas Ballerstaedt, Leiter der Polizeiinspektion Elbe-Elster. Auch wenn der eigene Konsum an sich nicht strafbar sei, habe doch jeder Konsument etwas erworben und damit eine Straftat begangen. „Die Diskussion um die Legalisierung von Cannabis ist politisch zu entscheiden“, ergänzt er. „Dort, wo diese Droge kontrolliert verkauft wird, ist kein Niedergang der Kriminalität zu beobachten, und die Konsumentenzahlen steigen“, fügt Heiko Glatz hinzu. Der Kriminaloberkommissar ist einer von drei Fachleuten in Sachen Drogenkriminalität in der 25-köpfigen Mannschaft der Kriminalbeamten in Elbe-Elster.

Die Zahlen in der Kriminalitätsstatistik geben nur einen Ausschnitt der Wirklichkeit wieder. Je mehr die Polizei kontrolliert, desto mehr Fälle gibt es. Seit dem Jahr 2014 steigen die Zahlen in Elbe-Elster wieder – von 198 auf 256  im Jahr 2016. Die Statistik für 2017 präsentieren zunächst das Innenministerium und die Polizeidirektion, ehe die Inspektionen damit an die Öffentlichkeit gehen können.

Unter allen erfassten Drogendelikten in Elbe-Elster machten 2016 der Handel und der Besitz von Cannabis ungefähr 40 Prozent aus. Weit vorn liegen die gefährlicheren synthetischen Drogen. Handel bzw. Schmuggel von Heroin wurden nur zweimal aktenkundig, Kokain und Crack gar nicht. Das bedeutet nicht, dass diese Teufelsdrogen hier nicht im Umlauf sind.

Die Polizei schätzt, dass ihr und dem kreislichen Gesundheitsamt zwischen 650 und 700 Drogenkonsumenten in Elbe-Elster namentlich bekannt sind, weil sie bereits auffällig waren oder sich um Entzugshilfe bemüht haben. „Die Dunkelziffer liegt deutlich höher“, ist der Drogen- ermittler Heiko Glatz überzeugt. Auch sein Chef gibt sich keiner Illusion hin: Illegale Drogen würden auf dem Land wie in der Stadt gehandelt und konsumiert. Wo mehr Menschen, besonders junge Leute sind, entsprechend mehr. Bei der Häufigkeit  sei zum Beispiel die Kleinstadt Finsterwalde vergleichbar mit einer Großstadt in Nordrhein-Westfalen.

Die Legalisierung von Cannabis könnte nach Ansicht der Polizeibeamten unter anderem dazu führen: Wie bei Alkohol und Tabak würde das nun günstiger erworbene Can- nabis teurer an jene verkauft werden, die nicht legal kaufen dürfen, also an junge Leute. Auch der illegale Markt würde seine Preise nach unten anpassen. Thomas Ballerstaedt stellt provokant fest: „Wenn Drogen legalisiert würden, dann könnte man auch kleine Diebstähle legalisieren. Das würde uns entlasten.“

Cannabis, das in Joints geraucht wird, werde aktuell in Elbe-Elster mit etwa acht bis zehn Euro je Gramm gehandelt. Die Preise schwanken. Der Händlergewinn sei nicht so groß. Wie beim Tabak beginnen manche Konsumenten bereits mit zwölf Jahren damit. Mit 16/17 Jahren werde der Rausch nicht selten durch Crystal in neue Höhen geschraubt.

Mit den synthetischen Drogen wird richtig Geld verdient. Nach Angaben von Kriminaloberkommissar Heiko Glatz werden in den vietnamesischen Drogenküchen in Tschechien trotz der Verfolgung durch die dortigen Behörden jährlich zehn bis zwölf Tonnen von den Chemikalien hergestellt. Die Produktionskosten würden zwischen sechs und zehn Euro je Gramm liegen, die Abgabe an Konsumenten in Tschechien bei 13 bis 16 Euro je Gramm. „Bei uns sind es zwischen 60 und 80 Euro“, benennt Heiko Glatz die Gewinnspanne für die Händler. Crystal-Meth-Einsteiger würden anfangs 0,1 Gramm als Tagesdosis aufnehmen, Dauerkonsumenten alle paar Tage ein Gramm. Und manche noch mehr, weil die Dosis erhöht werden muss, um dieselbe Wirkung zu erzielen. „Bereits die Erstdosis kann abhängig machen“, bemerkt der Ermittler.

Was zu Beginn der Drogenkarriere noch bezahlbar ist, endet oft in der Beschaffungskriminalität. Elbe-Elster habe das etwa ab 2010 aufkommende Crystalproblem erkannt und reagiert. Nicht wenige Einbrecher, Buntmetalldiebe und Serientäter sitzen in Haft.

Konsumiert werde die vermeintliche Spaß- und Stressbewältigungsdroge Crystal quer durch viele Bevölkerungsgruppen – vom Schüler über den Studenten bis zum Hartz IV-Empfänger, der Hausfrau und dem Erwerbstätigen auch höheren Bildungsstandes.

Eines sei vielen nicht klar: Jeder Crystalfall werde dem Straßenverkehrsamt gemeldet, auch wenn ein Fußgänger erwischt wird. Besitzt er einen Führerschein, ist dieser weg. Es beginnt ein langer Behörden- und Untersuchungsweg, der teuer ist und den Job kosten kann.

Von der Polizei in Elbe-Elster sichergestellte Drogen und Utensilien
Von der Polizei in Elbe-Elster sichergestellte Drogen und Utensilien FOTO: Manfred Feller / LR