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Nach 60 Jahren der Schluss-Strich

Elsterwerda.. Mit Wehmut sehen die Elsterwerdaer dem geschäftlichen Ende von Möbel Urwank entgegen. Manch einer mag es gar nicht glauben, drückt sich zum letzten Mal die Nase an den Schaufenstern platt, besucht es vielleicht ebenso letztmalig, um ein Schnäppchen zu ergattern oder um noch einmal das Gespräch mit dem letzten Urwank-Spross in den Geschäftsräumen zu führen. Von Mona Claus

Was auffällt, ist die Heiterkeit, mit der Dr. Peter Urwank der Kundschaft begegnet. Melancholie oder Resignation? Fehlanzeige. Er habe für sich im richtigen Moment einen Schlussstrich gezogen, als ihn gesundheitliche Probleme zur Aufgabe des Geschäfts zwangen. Noch einige Jahre aktiv am Leben teilhaben zu können, das sei ihm momentan einfach wichtiger.
Zudem verhehlt er nicht, dass er sich mit der Zukunft der Möbelbranche nicht so anfreunden könne. Die Größe der Häuser werde immer zweitrangiger, so sein Eindruck. „Es wird ein Raum sein, freundlich eingerichtet, Musik im Hintergrund und der Computer auf dem Tisch. Virtuell wird man dann wohl durch ein Menü geführt und wählt aus, Möbel, Accessoires, Bilder.“
Möbel verkaufen und präsentieren, das wurde in seiner Familie jahrelang anders gehandhabt. Seine Eltern Annelies und Walter Urwank waren es, die im Oktober 1946 in der Berliner Straße in Elsterwerda ihr erstes Möbelhaus eröffneten. Im Dezember des gleichen Jahres erblickte Sohn Peter das Licht der Welt. Bereits im Oktober des darauf folgenden Jahres zog das kleine Unternehmen in die Bahnhofstraße (heutiges Sportartikelgeschäft). Am 1. Juni 1953 schließlich kam es zur Zwangsenteignung, das Möbelhaus Urwank gehörte zum Konsum. Die Enteignung wurde aber schon kurz darauf, am 28. Juli 1953, rückgängig gemacht. Urwanks waren wieder ein privates Unternehmen. 1956 war es, als die Urwanks mit ihrem Möbelhaus zum heutigen Standort in der Hauptstraße 23 umzogen. Dort wurden sie 1959 halb verstaatlicht und damit Kommissionshändler der Handelsorganisation.
„Auch damit wurde es keineswegs leichter für diese Verkaufsbranche“ , erzählt Dr. Peter Urwank aus seinem damals kindlichen Erleben. „Ich erinnere mich, wir hatten einen kleinen Lkw und Kontakte zu Sägewerken. Von denen bekamen wir Holzkontingente. Dieses Holz wiederum wurde im Erzgebirge gegen Stühle eingetauscht. Wer den Film 'Karbid und Sauerampfer' kennt“ , so Dr. Peter Urwank, „weiß, was ich meine.“ Dabei fällt ihm ein, dass es das Möbelhaus seiner Eltern war, welches als erstes Kontaktring-Geschäft im ehemaligen Bezirk Cottbus eine Qualitätszertifizierung bekam.
Mit all dem Wissen um die schweren Zeiten nach dem Krieg, den Tauschgeschäften, den gesellschaftlichen Problemen und den sich ständig verändernden Verkaufsstrategien wuchsen auch Peter Urwank und seine Schwester Heidemarie heran. Dabei war dem heutigen Doktor der Naturwissenschaften durchaus schon damals bewusst, dass er derjenige sein würde, der die geschäftlichen Geschicke in die Hand gelegt bekäme.
Dennoch ging Peter Urwank erst einmal seinen Neigungen nach. Machte als einer der Besten im naturwissenschaftlichen Bereich 1965 sein Abitur am heutigen Elsterschloss-Gymnasium und studierte anschließend an der TU Dresden Physik. Den Studienjahren schloss sich die Zeit der Dissertation an. „Forschung war meine Welt“ , sagt Dr. Peter Urwank. Im Juni 1973 zog es ihn an das Zentralinstitut für Kernforschung nach Rossendorf. Hier verlieh man ihm am 20. Dezember 1974 den Titel Dr.rer.nat. (Doktor der Naturwissenschaften). „Ich war immer ein wissenschaftlicher Mitarbeiter, Mitglied in wichtigen wissenschaftlichen Gremien und Beiräten“ , erzählt er. Vier Institutspreise für beste wissenschaftliche Leistungen und zirka 30 Veröffentlichungen, teilweise in englischer Sprache, nennt Urwank als seine geistigen Werke.
Mit der Wende allerdings ging es auch in Rossendorf nicht mehr nur vorwärts. Das aber war und ist die Lebensmaxime des Mannes: „Immer vorwärts marschieren, niemals einen Schritt zurück“ . Der Forschungsbereich wurde abgewickelt, daraufhin bat Dr. Peter Urwank um einen Aufhebungsvertrag. Fast zeitgleich erfolgte zu Hause am 1. Juli 1990 die volle Reprivatisierung des Familienunternehmens, in das er am 1. Dezember 1995 schließlich selbst mit einstieg.
Davor nutzte Dr. Peter Urwank die Zeit, um gut ein Jahr lang ein Managementtraining für Führungskräfte in Dresden zu besuchen. Sein komplexes Wissen über wissenschaftliche und wirtschaftliche Zusammenhänge gleichermaßen brachten ihm honorige Angebote aus der Wirtschaft ein. Diese schlug er aus, um schließlich dem Wunsch seiner Eltern zu folgen und das Geschäft zu übernehmen. Das geschah schließlich am 1. Juli 1995. Zu den Möbeln gesellten sich im Geschäft seitdem Accessoires wie Porzellan, Gegenstände aus Zinn, Bilder, Kristall, Weihnachtsartikel und eine Hobby ecke für Briefmarken- und Münzsammler.
Bis Ende November läuft noch der Abverkauf, dann ist Schluss, erklärt der Möbelfachmann mit dem Doktortitel. Erst danach möchte er entscheiden, was mit dem Haus werde. „Momentan“ , erklärte er, „gebe es keine konkreten Pläne, schließlich sollte eine Entscheidung darüber sorgfältig bedacht sein“ . Er freue sich auf die Zeit danach. Da sei zum Beispiel das Malen, das er liebe und für das er mehr Zeit haben möchte. Und die bisher stiefmütterlich behandelte Briefmarkensammlung wolle er ebenso unter die Lupe nehmen. „Vielleicht braucht ja sonst noch jemand meine helfende Hand“ , denkt er dabei an seine Lebensgefährtin.