ANZEIGE
ANZEIGE
ANZEIGE
| 06:09 Uhr

Nach mutmaßlichem Pfandbetrug in Bad Liebenwerda
Die Tricks der Pfandbetrüger

Die allermeisten Kunden sind ehrlich am Rückgabe-Automaten. Manche aber versuchen, das System zu überlisten und begehen Pfandbetrug.
Die allermeisten Kunden sind ehrlich am Rückgabe-Automaten. Manche aber versuchen, das System zu überlisten und begehen Pfandbetrug. FOTO: LR / Frank Claus
Bad Liebenwerda. Mitarbeiter der Mineralquellen Bad Liebenwerda GmbH sollen gemeinsam mit Komplizen Pfandgeld unterschlagen haben. Wie sich zeigt, wird an Rückgabe-Automaten häufig geschummelt: mit Angelschnur und falschen Etiketten. Von Frank Claus

Polizei und Staatsanwaltschaft ermitteln nach einem mutmaßlichen Millionenbetrug bei der Abrechnung von Leergut und in diesem Zusammenhang auch zur mutmaßlich unrechtmäßigen Veräußerung befüllter Getränkekisten bei der Mineralquellen GmbH in Bad Liebenwerda (Elbe-Elster). Ermittelt werde, so die Cottbuser Staatsanwaltschaft, gegen sieben Personen, darunter Mitarbeiter aus dem Bereich Lager/Versand sowie aus kleineren Getränkefirmen, die Ware aus dem Bad Liebenwerdaer Unternehmen beziehen.

Wie aus Mitarbeiterkreisen bekannt wurde, soll zwei Beschäftigten Betrug in Höhe von je eine dreiviertel Million Euro vorgeworfen worden sein. Vier weiteren werde demnach Betrug in Höhe von je 50 000 Euro vorgeworfen. Die Mineralquellen GmbH bestätigt die Ermittlungen, will sich trotz mehrfacher Nachfrage mit Hinweis auf die laufenden Ermittlungen zu den Vorwürfen und Vorgängen aber nicht äußern.

Wie häufig ist Pfandbetrug in Getränke produzierenden Unternehmen? Die RUNDSCHAU suchte Antworten bei der Genossenschaft Deutscher Brunnen (GDB), über die fast alle namhaften Mineralbrunnen-Betriebe Deutschlands ihr Leergut beziehen. Nach eigenen Angaben sind 180 Unternehmen dort organisiert. Pressesprecher Georg Staudt: „Mit mehr als 5,5 Milliarden Füllungen jährlich ist das Pool-Mehrwegsystem der deutschen Mineralbrunnen das größte Mehrwegsystem Europas. Bei diesem System verwenden Mineralbrunnen in ganz Deutschland einheitliche Mehrwegflaschen und Kästen.“

Er schätzt, dass in Deutschland etwa eine Milliarde Glas- und PET-Mehrwegflaschen auf dem Markt sind. Die Ein-Liter-PET-Flasche werde durchschnittlich vier bis fünf Mal befüllt, die 0,5- und 0,7-Liter Glasflaschen etwa sechs bis sieben Mal. Gerade jetzt in den Hitzetagen bewähre sich auch die Online-Leergutbörse, die die GDB für ihre Mitglieder führe. Habe ein Mineralbrunnen beispielsweise mehr Leergut, als er aktuell braucht, könne er dieses anderen Mineralbrunnen anbieten. Verfügbares Leergut könne so direkt zwischen den Mineralbrunnen vermittelt werden.

Und Pfandbetrug? „Uns liegen aus unseren Mitgliedsunternehmen dazu keine Angaben vor“, sagt Georg Staudt, räumt aber ein, dass auch er hin und wieder von Vorfällen hört. „Da werden in der Nachtschicht Dinge über den Zaun gegeben.“ Dass das im großen Stil passiere, davon habe er keine Kenntnis. „Das bleiben innerbetriebliche Vorgänge. Wir erfahren es erst, wenn es in der Presse steht.“

Viel häufiger ist hingegen Pfandbetrug an Automaten in Supermärkten, wie das Magazin „Stern“ im April unter Hinweis auf Recherchen des Magazins „Chip“ schreibt. Besonders verbreitet sei demnach die Angelschnur-Methode. Dabei würden die Pfandflaschen mit einer Angelschnur versehen und in den Automat eingelegt. Sobald der sie erkennt und akzeptiert, ziehen die Betrüger diese blitzschnell wieder aus dem Gerät. So werde sie nicht vernichtet und könne mehrfach eingelegt werden. Bei 25-Cent-Leergut-Flaschen ein lohnendes Geschäft. Die Staatsanwaltschaft Köln, so der „Stern“ habe allein in 2016 14 Ermittlungsverfahren wegen derartiger Betrugsfälle eingeleitet.

Ebenso häufig sei den Recherchen zufolge noch eine andere Betrugsmasche. Das Logo der Deutschen Pfandsystem GmbH (DPG) wird kopiert und auf eigentlich pfandfreie Flaschen geklebt. Über einen besonders kuriosen Fall schreibt „Chip“. „Vor wenigen Jahren hatten wir den Fall, dass Klopapierrollen so bedruckt und in das Gerät eingeführt wurden“, hatte eine Aldi-Nord-Mitarbeiterin berichtet.

Richtig erfinderisch sei ein Kölner Getränkehändler vorgegangen. Der habe einen Pfandrückgabeautomaten mithilfe eines Holztunnels und eines Magnetsensors so umgebaut, dass Flaschen zwar gescannt, aber nicht geschreddert wurden. So habe er dieselbe Flasche immer wieder neu einstecken und das Pfand einlesen lassen – insgesamt schätzungsweise fast 180 000-mal. 44 000 Euro habe er sich so ergaunert, bis er nach einem anonymen Hinweis der Polizei ins Netz gegangenen sei. Das Amtsgericht Köln habe ihn wegen gewerblichen Betrugs zu einer zehnmonatigen Freiheitsstrafe auf Bewährung verurteilt.

Noch ganz frisch sind zwei Meldungen vom Juli dieses Jahres. Die „Berliner Morgenpost“ schreibt über einen Mann, der in einem Berliner Supermarkt aufgefallen sei, „weil er den ganzen Nachmittag über Pfandflaschen in den Automaten warf. Eine Überprüfung des Mannes durch Mitarbeiter des Supermarktes ergab, dass der 53-Jährige nur pfandfreie Flaschen einwarf, die mit gefälschten Etiketten beklebt waren.“ Bei einer Durchsuchung seines Kleintransporters hätten Polizeibeamte eine große Anzahl weiterer gefälschter Etiketten und präparierte Flaschen entdeckt.

In Pirna soll ein Mann versucht haben, Flaschen mit kopierten Etiketten am Automat loszuwerden: „Ein 44-jähriger Pole wollte mehr als 30 leere Flaschen abgeben, die ein kopiertes Pfandetikett trugen. Im Auto des Mannes fanden die Beamten noch zwei weitere randvolle Einkaufstüten mit gefälschtem Leergut“, berichtete der MDR.

Eine Sprecherin des sächsischen Landeskriminalamtes erklärt: „Pfandbetrug kommt ab und zu vor, aber das ist kein Kriminalitätsschwerpunkt in Sachsen.“ Verlässliche Daten gibt es nicht. Denn bei der Polizei wird Pfandbetrug nicht gesondert in den Kriminalstatistiken aufgeführt.

Die Automatenhersteller rüsten unterdessen nach. So soll zum Beispiel den „Angelschnur-Betrügern“ oder „Falsche-Etiketten-Klebern“ das Handwerk gelegt werden.