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| 19:12 Uhr

Bessere Gesundheit durch Bewegung
Ein Radler hat seine Diabetes fast weggestrampelt

 Der Arbeitsplatz von Michael Piero aus Schönborn ist das Museum 1547 in der Elbestadt Mühlberg. Die 32 Kilometer hin und wieder zurück strampelt er auch dann, wenn sein Tourenrennrad gerade repariert wird. Dann scheut er sich auch nicht, mit einem pinkfarbenen Damenrad zu fahren.
Der Arbeitsplatz von Michael Piero aus Schönborn ist das Museum 1547 in der Elbestadt Mühlberg. Die 32 Kilometer hin und wieder zurück strampelt er auch dann, wenn sein Tourenrennrad gerade repariert wird. Dann scheut er sich auch nicht, mit einem pinkfarbenen Damenrad zu fahren. FOTO: LR / Manfred Feller
Schönborn/Mühlberg. Für den Sport hatte Michael Piero aus Schönborn schon immer etwas übrig. Doch so richtig losgelegt hat er erst, als sein Arzt ihm eine überhaupt nicht erfreuliche Diagnose gestellt hat. Von Manfred Feller

Michael Piero war beruflich viel in Deutschland und anderen Ländern unterwegs. Er gibt zu, seine sportlichen Ambitionen in dieser Zeit vernachlässigt und gut gegessen zu haben. Wahrscheinlich zu gut. „Vor acht Jahren hatte mir dann mein Arzt gesagt: ,Sie sind Diabetiker. Das Gewicht muss runter und der Stoffwechsel aktiviert werden’“, erinnert sich der Schönborner.

Doch der heute 62-Jährige hat sich seinem Schicksal nicht ergeben. Er wollte nicht, dass fortan Medikamente sein Leben bestimmen. Der Warnschuss hatte gesessen. „Innerhalb eines Jahres habe ich 15 Kilogramm verloren“, berichtet er. Nicht unbedingt durch übermäßigen Verzicht, aber durch bewusstere Nahrungsauswahl („Ich esse fast kein Schweinefleisch.“) und durch Bewegung als der eigentliche Schlüssel zum Beinahesieg über den Diabetes.

Vom Zufallsfund zum Lieblingssportgerät

„Auf dem Trödelmarkt hatte ich ein günstiges Tourenrennrad entdeckt, gekauft und neu aufgebaut. Nach einem halben Jahr war ich wieder in Form“, sagt er. Sein Körper hatte sich offensichtlich an einstige sportliche Aktivitäten erinnert.

„Nach einem Jahr musste ich kein Insulin mehr spritzen. Das gab mir noch mehr Selbstvertrauen. Sicher nicht in jedem Fall, aber bei mir ist diese Stoffwechselkrankheit beherrschbar“, macht er Betroffenen auch anderer Krankheiten Mut, ihre bisherige Lebensweise zu überprüfen und neu durchzustarten. „Meine Erkenntnis ist: Gesundheit gibt es nicht geschenkt. Man muss dafür etwas tun“, rät er, eingefahrene, weil bequeme Wege zu verlassen.

Als Typ 2-Diabetiker lebe er heute beschwerde- und fast medikamentenfrei. „Ich habe ein gesundes Herz, keine Augen- und Nervenprobleme, wie Taubheit in den Händen und Füßen“, beschreibt er die oft typischen Symptome. Zudem sei das Radfahren gelenkschonend und mache den Kopf frei für Arbeit und Familie.

32 Kilometer hin und 32 Kilometer zurück

Michael Piero arbeitet seit 2015 im Museum Mühlberg 1547. Seine Arbeitszeit erlaubt es ihm als Pendler, jede zweite Woche den Weg vom Wohnort Schönborn und zurück mit dem Tourenrennrad im Durchschnittstempo von guten 24 km/h abzustrampeln. Die 32 Kilometer lange Strecke führt über Tröbitz, Rothstein, Prestewitz, Bad Liebenwerda, Möglenz und Burxdorf an die Elbe. Nur bei absolut miesem Wetter steige er in den Bus.

In bis zu fünf Wolltrikot-Schichten, zwei Hosen und zwei paar Handschuhen gut eingepackt radele er im Winter bis etwa sieben Grad unter dem Gefrierpunkt. Glatteis und Schnee mag kein Radfahrer. Aber auch keinen scharfkantigen, reifentötenden Splitt auf den Wegen, bittet Michael Piero die Straßenwärter, dies künftig zu unterlassen.

„Die Fahrten in der Freizeit mitgerechnet, habe ich seit dem Jahr 2015 mehr als 30 000 Kilometer zurückgelegt“, erzählt er. Die längsten Touren führen ihn bis nach Gardelegen – ungefähr 200 Kilometer an einem Tag. Seine Freundin begleite ihn ab und an, beispielsweise auf dem Elberadweg und auf der Insel Rügen.

Ins Baltikum und nach Italien

„Für die nächste Zeit habe ich noch zwei große Projekte: Ich möchte das Baltikum und in Italien die Emilia-Romagna mit dem Fahrrad erkunden. Meine Vorfahren kommen aus dieser Region“, erzählt der 62-Jährige mit dem italienischen Nachnamen.

Familiär habe er aber auch zu den Franzosen eine Herzensbeziehung. Deshalb will er eines Tages als Ruheständler die „Diagonalen in Frankreich“ bewältigen, die – auf einer Landkarte aufgezeichnet – einen Stern ergeben. Dies sind Straßburg – Brest, Dünkirchen – Biarritz am Atlantik und von Nizza in die Bretagne, jeweils zwischen 900 und 1100 Kilometer. Und eine Alpenüberquerung vom Genfer See nach Nizza über rund 700 Kilometer soll es auch noch sein. Michael Piero möchte der Diabetes und anderen Krankheiten, die das Alter vielleicht noch mit sich bringen könnte, einfach keine großen Chancen einräumen.

Nicht nur nette Kraftfahrer

Nach mehr als 30 000 Gesundheitskilometern auf dem Rad ist der Museumsmitarbeiter noch in keinen Verkehrsunfall hineingezogen worden. „Aber die Vorfahrt wurde mir schon so manches Mal genommen. Oder Kraftfahrer halten den seitlichen Abstand von eineinhalb Metern beim Überholen nicht ein, zeigen mir den Stinkefinger beziehungsweise hupen, so nach dem Motto ,Verschwinde von der Straße!’“, erinnert er sich daran nur ungern. Wo es möglich ist, nutze er die Fahrradwege. „In Elbe-Elster haben wir im Vergleich zu anderen Gegenden gute Bedingungen. Es gibt zwar Reparaturbedarf, aber daran wird gearbeitet“, weiß er von der Millionenförderung durch das Land.

Eine bewegte Familiengeschichte

Michael Piero könnte nicht nur ein Buch über das Fast-Besiegen einer Krankheit schreiben, sondern auch über seine bewegte Familiengeschichte. Was hat ein 1957 in Doberlug Geborener mit Frankreich und Italien zu tun? „Unsere Geschichte ist durch die beiden Weltkriege bestimmt worden“, verrät er. Und jedes Mal spiele der heutige Landkreis Elbe-Elster eine Rolle. In Kürze: Die Vorfahren väterlicherseits stammen aus Italien. Aus wirtschaftlichen Gründen seien diese im 19. Jahrhundert in das Elsass gezogen, wo der Großvater dann zu Hause war. Durch die Kriegswirren habe er seine Frau kennengelernt, die aus Lindena stammt. Vater Wolfgang, auch französischsprachig aufgewachsen, lernte im Zuge des nächsten Krieges seine in Schönborn beheimatete spätere Frau kennen. Und Michael Piero war mal mit einer „belgischen Französin“ verheiratet.

Die Liebe zum Radfahren hat Michael Piero von seinem Vater. „Der Radsport spielte schon damals in Frankreich eine große Rolle. Vom Lehrlingsgehalt eines Jahres hatte sich mein Vater ein gebrauchtes Peugeot-Rennrad gekauft. Damit ist er dann an einem Tag über die Berge nach Basel und zurück gefahren“, so der 62-Jährige. Mit dreieinhalb Jahren saß auch er selbst schon auf dem Kinderrad ohne Stützräder.

Beruflich viel unterwegs gewesen

Michael Piero ist noch weit mehr als seine Vorfahren herumgekommen. Das wäre das nächste zu schreibende Buch. Nach dem ­Abitur arbeitete er in den Ferien in der LPG „Goldene Ähre“ Lindena unter Arno Golz. Das war gewissermaßen die Vorbereitung für das Agrar-Ingenieurstudium in Rostock. Nach dem Abschluss war er in der landwirtschaftlichen Versuchsstation bei Bad Doberan tätig. 1989 wurde er bei der Staatlichen Versicherung der DDR Bodenschätzer und hat Schadensfälle aus der Landwirtschaft bearbeitet. Im Jahr darauf folgte als Volontär eine Zusatzausbildung zur biologischen Landwirtschaft auf einem Gut in Schleswig-Holstein.

Ab 1995 arbeitete er in der privat organisierten Entwicklungszusammenarbeit mit Kirgistan. Es folgten Projekte der Welthungerhilfe auch in Tadschikistan. 2013 kehrte er zum Elternhaus nach Schönborn zurück. Er entdeckte im Zuge der Landesausstellung die Heimatgeschichte und wurde schließlich Mitarbeiter im neuen Museum 1547 in Mühlberg an der Elbe.