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| 15:54 Uhr

Interview mit Pfarrer Walter Lechner
„Ich würde am liebsten alle mitnehmen“

In der Kirchgemeinde Frauenhain im benachbarten Sachsen spielen Landes- und kommunale Grenzen keine Rolle. Und so nahmen unlängst an der 25-, 50-, 60-, 65- und 70-jährigen Jubelkonformation in Frauenhain auch viele Merzdorfer aus dem Schradenland teil. Für sie war es auch der Abschied von Pfarrer Walter Lechner.
In der Kirchgemeinde Frauenhain im benachbarten Sachsen spielen Landes- und kommunale Grenzen keine Rolle. Und so nahmen unlängst an der 25-, 50-, 60-, 65- und 70-jährigen Jubelkonformation in Frauenhain auch viele Merzdorfer aus dem Schradenland teil. Für sie war es auch der Abschied von Pfarrer Walter Lechner. FOTO: Mirko Sattler
Frauenhain/Merzdorf. Pfarrer Walter Lechner verlässt nach zwölf Jahren die Kirchgemeinde Frauenhain und damit auch deren Ortsteil Merzdorf im Schradenland.

Als Walter Lechner 2006 nach Frauenhain kam, war er frisch studierter Theologe, verheiratet und erstmals Vater geworden. Zwölf Jahre später verlässt der 38-jährige Österreicher mit Frau und den nunmehr drei Kindern als evangelischer Pfarrer die Region und damit auch Merzdorf im Schradenland. Er geht nach Dresden.

Herr Lechner, wie haben Ihre Kinder auf die Nachricht vom Umzug reagiert?

Lechner Sie wussten, dass das möglich ist. Aber natürlich ist es nicht einfach, es ist mit Abschied verbunden. Aber nicht nur für die Kinder, sondern für unsere Familie insgesamt. Frauenhain ist für uns Heimat. Die neue Kirchgemeinde ist in Dresden und damit nicht weit weg. Wir werden regelmäßig herkommen. Das war auch für die Kinder eine Beruhigung.

Pfarrer sollen im Schnitt alle zehn Jahre den Dienstort wechseln. Sie waren etwas länger da. Mussten Sie gehen?

Lechner Nein, es gab keinen Druck. Die Entscheidung war freiwillig und ist auch eher kurzfristig gefallen, weil im Frühjahr das Angebot da war. Dann ging alles schnell. Es ist nicht so, dass wir weg wollen. Eher so, dass es jetzt eine neue Herausforderung gibt, die mich reizt. In der Frauenhainer Kirchgemeinde ist vieles auf einem guten Stand, es gibt kaum Probleme.

Wie wird sich Ihre neue Kirchgemeinde von der jetzigen unterscheiden?

Lechner Sie wird mit 3500 Kirchgliedern fast doppelt so groß sein wie die Schwesterkirchgemeinden Gröditz, Nauwalde, Frauenhain und mit einem Altersschnitt von 37 Jahren auch viel jünger. Anders wird sein, dass die Kirche in der Großstadt eine kleinere Rolle als auf dem Land spielt. Hier in den Dörfern sind bis zu 40 Prozent der Leute Christen.

Was werden Sie an Ihrer jetzigen Kirchgemeinde vermissen?

Lechner So vieles! Ich sage schon immer zu allen, ich würde sie am liebsten gern mitnehmen. Meinen Kirchenvorstand zum Beispiel.

Der sich wodurch auszeichnet?

Lechner Wir haben ein freundschaftliches Miteinander, sind aber auch eine geistliche Gemeinschaft. Es geht also nicht nur ums Bauen, den Friedhof und Geld, sondern auch ganz viel um unseren Glauben. Wir reden über theologische Themen und streiten auch. Es klingt jetzt vielleicht pathetisch, aber da haben wir manche Heilig-Geist-Momente erlebt.

An welche Momente werden Sie sich gern erinnern?

Lechner Ganz viele. Es gab viele sehr intensive Gottesdienste. Erst zu Himmelfahrt waren knapp 200 Leute im Pfeifholz da. Am meisten in Erinnerung werden die Momente bleiben, in denen spürbar wurde, dass Gott wirklich da ist.

Haben Sie in den zwölf Jahren etwas über Ihren eigenen Glauben gelernt?

Lechner Auf jeden Fall, vor allem, was persönliche Frömmigkeit im Alltag angeht. Es gab auch Momente, in denen ich fast beschämt war, weil Leute mir einen fröhlicheren Glauben vorgelebt haben, als ich ihn mitgebracht habe.

Inwiefern?

Lechner Ich war eine eher bürgerliche Kirchlichkeit gewohnt. Wo ich herkomme, ist es nicht unbedingt üblich, intensiv über seinen Glauben zu sprechen. Hier ist das anders. Vor Kurzem habe ich mit jemandem gesprochen, der radikal gesagt hat, das sei alles Quatsch, woran ich glaube. Ob ich das wirklich glaube, wollte er wissen. Da habe ich rundheraus gesagt: natürlich. Ohne Umschweife zu seinem Glauben zu stehen, das hat viel mit meiner Zeit hier zu tun.

Sie haben die Kirchgemeinde mehr als ein Jahrzehnt geleitet. Was wünschen Sie sich, soll von Ihrer Arbeit fortleben?

Lechner Ich sage immer, eine Kirchgemeinde lebt nicht vom Pfarrer. Ich habe auch keine Sorge, dass es weitergeht. Allein schon wegen der vielen engagierten Ehrenamtlichen. Wenn ich mir wünschen könnte, dass etwas bleibt, dann vielleicht die Reihe „Tankstelle Kirche“, die Gesprächsabende in der Ritterloge oder das Passionsspiel. Zukunft wird aber nur haben, was die Kirchgemeinde für erstrebenswert hält.

Was würden Sie Ihrem Nachfolger mit auf den Weg geben?

Lechner Sei neugierig und schau genau hin, würde ich sagen. Lass Dich auf kein Schubladendenken ein. Es gibt überall Leute, mit denen man wunderbar Gemeinde bauen kann.

Es fragte Eric Weser.

Vertretung aus Gröditz

Seinen Dienst in Dresden wird Pfarrer Walter Lechner offiziell Anfang September antreten, in Frauenhain wird er am 24. Juni verabschiedet. Der Gottesdienst in der dortigen Kirche beginnt um 14 Uhr.
Christian Thiele , Pfarrer der Kirchgemeinde Gröditz und Nauwalde, wird die Vakanzvertretung übernehmen.

Die Pfarrerstelle Frauenhain soll erhalten bleiben. Eine Neubesetzung könnte Anfang 2019 erfolgen.