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"Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen!"

FOTO: privat
Der letzte Hilferuf eines Menschen, bevor die Ohnmacht ihn stumm macht. So zweifelt Jesus am Kreuz, bevor er sein Leben verliert. *Superintendent im Kirchenkreis Bad Liebenwerda

In der schlimmsten Gottverlassenheit Gott anzuschreien, ihn einzufordern, das ist die Botschaft von Karfreitag. Für Jesus gab es keinen "gottlosen" Ort, nicht im Leben, nicht im Sterben. Mit diesem schwierigen Gedenktag soll uns im Gedächtnis bleiben, dass die schlimmsten Momentenicht gottlos bleiben müssen.

Es gehört Mut dazu, diesem Satz zuzustimmen. Gilt das auch für das Flugzeug, das jemand abgestürzt hat? Wenn Menschenleben ausgelöscht werden ist schon eine schicksalshafte Verkettung von Umständen nicht zu verarbeiten. Aber der Gedanke an Vorsatz in dieser Katastrophe - unmöglich von Gott zu reden. Oder kann man die Verbrechen der fundamentalistischen "Gotteskrieger" gleich welcher Schattierung überhaupt ertragen? Es bleibt die Feststellung, dass man nach Auschwitz nicht über Gott reden kann. In aller Ausweglosigkeit kann man statt dessen wie dieser Jesus am Kreuz versuchen mit Gott zu reden. Selbst wenn Antwort, Erlösung, Wiedergutmachung oder Gerechtigkeit ausbleiben. Es bleibt dieser stumme Hilfeschrei, der die Gegenwart Gottes einfordert und mich nicht mit mir und meiner Verzweiflung allein lässt. Wenn Sie in den freien Tagen, die vor Ihnen liegen, eine Kirche besuchen, werden Sie mit einem Kreuz konfrontiert. Vielleicht tragen Sie selbst ein kleines Kreuz um den Hals, haben im Auto ein Kreuz an den Spiegel gehängt. Manchmal stilisiert, in den verschiedenen Epochen mit Deutungen ausgestattet ist es zum Symbol christlichen Glaubens allgemein geworden. Dieses Folterinstrument haben Sie jedes Mal im Blick, wenn Sie eine Kirche betreten. Es mag Sie daran erinnern, dass nach der schlimmsten Gottesverlassenheit die Erfahrung der Auferstehung die Menschen erschreckt und zugleich ermutigt hat. Und dass der Lebensbaum des Osterfestes nicht ohne das hölzerne Leidenszeichen denkbar ist. Darum ist Karfreitag kein Anlass für philosophisch begründete Neugier, ob es denn einen Gott gibt. Und das Osterfest ist nicht die Feier des ewigen Kreislaufs von Vergehen und Erwachen. Immer ist es die Ferne und Nähe dessen, den Jochen Klepper in einem Lied beschreibt: Gott will im Dunkeln wohnen und hat es doch erhellt.

Ich wünsche Ihnen das Schweigen aushalten zu können, und das fröhliche Auferstehen in der Begegnung mit dem Jesus, den Gott nicht im Tod gelassen hat.

Ich wünsche Ihnen gesegnete Feiertage