ANZEIGE
ANZEIGE
ANZEIGE
| 17:57 Uhr

Marionetten begeistern das Publikum
Kröbeln lässt die Puppen tanzen

Die Vertreter der Puppenspielerdynastien bei dem 23. Historischen Marionettenspieltag in Kröbeln.
Die Vertreter der Puppenspielerdynastien bei dem 23. Historischen Marionettenspieltag in Kröbeln. FOTO: Veit Rösler
Kröbeln. Stehende Ovationen gibt es für den „Freischütz“ beim 23. Historischen Marionettenspieltag. Die Spieler plaudern aus ihrer Familiengeschichte. Von Veit Rösler

Mehr als 100 Gäste haben am Wochenende im voll besetzten Saal des Gasthauses „Drei Linden“ in Kröbeln die Premiere des neu inszenierten „Freischütz“ verfolgt. Am Ende des von sechs Puppenspielern dargebotenen Stückes gab es stehende Ovationen. Neben dem Internationalen Puppentheaterfestival, das jedes Jahr im September in Elbe-Elster veranstaltet wird, bietet der stets am Palmsonntagswochenende zelebrierte Marionettenspieltag umfänglich die originale Stimmung aus einer Zeit, als die wandernden Akteure noch von Saal zu Saal zogen.

Marionettenspieler Uwe Dombrowsky (63) erklärt: „Vor über 100 Jahren erfüllten die wandernden Marionettentheater noch eine ganz wichtige Funktion. Sie brachten die Theaterkultur in die entlegensten Dörfer.“ Nachforschungen der Dresdener Puppentheatersammler hätten ergeben, dass 1905 in den Puppenbühnen allein in Sachsen über zwei Millionen Eintrittskarten verkauft wurden.

Wo früher hinter dem Gasthofsaal Wohn- und Bagagewagen mit Pferden oder Zugmaschinen standen, campieren die wandernden Puppenspieler heute in modernen Wohnwagen. Auf diese Art sind Uwe Dombrowsky aus Engertsdorf und sein Kollege Camillo Fischer (38) aus Frankenberg mit ihren Familien auch diesmal angereist.

Die Kinder wurden dort geboren, wo die Familie ein Gastspiel hatte. Auch heute noch schwört Camillo Fischer auf seinen Wohnwagen, selbst wenn an einigen Gastspielorten feste Unterkünfte angeboten werden. Der zufällig in Rossau bei Mittweida geborene Camillo Fischer ist seit seiner Babyzeit mit seinen Eltern und Großeltern unterwegs. Über die Wintermonate haben die Puppenspieler heute ein festes Quartier.

Camillo Fischer ist die achte Generation der Dynastie. Möglicherweise reicht seine Puppenspielergeschichte noch länger zurück. Als das durch Napoleon initiierte Passwesen ausgebaut wurde, sei 1813 sein Ur-Ur ...-Großvater Anton Kressig in Konstanz als Seiltänzer und Marionettenspieler registriert worden. In der Familie wurden natürlich auch Töchter geboren, sodass die Bühnen nach deren Heirat stets einen neuen Namen erhalten hatten. Heute existierten noch die drei Linien Roswitha Dombrowsky, Bettina Fischer und Kerstin Wilhelm.

In der gleichen Generation wie Camillo Fischer ist Hans-Joachim Pandel unterwegs. Die Urgroßmütter waren Geschwister. Ralf Uschner vom Mitteldeutschen Marionettentheatermuseum Bad Liebenwerda und die Dresdener Puppentheatersammlung haben die Familiengeschichte detailreich erforscht.

Gespielt wird mit zum Teil mehr als 100 Jahre alten Marionetten. Camillo Fischer stellt Puppen zu bestimmten Inszenierungen auch selber her. Daneben habe Elisabeth Kressig um 1900 damit begonnen, die Handlung und die Texte der Stücke aufzuschreiben. Kurt Dombrowsky hat daraus eine ansehnliche Sammlung gemacht. Etwa 20 Stücke habe ein Marionettenspieler sofort parat.

Auch heute noch könne das wandernde Puppenspielervolk gut von seinen Einkünften leben. Das ganze Jahr über gibt es Nachfragen zu Feiertagen, Privat- und Firmenfeiern, in Kindergärten, Schulen und in den Ferien. So konnte der Veranstalter, das Marionettentheater-Museum Bad Liebenwerda, diesmal wieder auf einen großen Erfahrungsschatz aufbauen.

In den 90er-Jahren war das Stück „Freischütz“ mit alter Bühne, alten Marionetten und mit auf alten Noten aufbauender neuer Musik in historischer Aufmachung schon einmal inszeniert worden. Weil die Bühne von damals mittlerweile über ein Jahrhundert alt ist, kam diesmal die Bühne des Museums zum Einsatz. Allerdings sind einige Teile ebenfalls sehr alt. Zudem hat Theatermaler Volker Pohlenz aus Wöllnau bei Eilenburg extra für die Inszenierung in Kröbeln mit der Wolfsschlucht, der Fachwerkzimmerszene und für die Bergszene drei neue Bühnenbilder geschaffen. Die Gäste erlebten in Kröbeln mit einem Blick Geschichte, Gegenwart und Zukunft des Wandermarionettenspiels.