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Heiße Debatte in Bad Liebenwerda:
Die Luft wird nicht mehr dünne

Bad Liebenwerda. Die Grundschule in Bad Liebenwerda erhält als erste im Kreis eine moderne Lüftungsanlage. Von Frank Claus

Als Stadtverordnetenversammlung (SVV) der jähen Wendungen kann die vom Mittwoch in Bad Liebenwerda in die Geschichte eingehen. Angesetzt als Sonder-SVV, um nach mehreren Beratungsrunden zur geplanten Lüftungsanlage für das Grundschulzentrum „Robert Reiss“ endlich Nägel mit Köpfen zu machen, scheint wenige Minuten nach Beginn der Debatte klar: Auch diese Runde geht wieder in die Hose.

Was war geschehen? Den Abgeordneten wird erst wenige Minuten vor Sitzungsbeginn das auf den Tisch gelegt, was sie nach der letzten Debatte eingefordert haben: Konkrete Zahlen, die aussagen, was neben der herkömmlichen Lüftungsanlage eine mit einer zusätzlichen Befeuchtung der Raumluft und eine mit Komplett-Klimatisierung kostet. Mit 438 000 Euro wird eine herkömmliche Belüftungsanlage beziffert, eine vollständige Klimaausrüstung für die Schule würde, so das Zahlenwerk, etwa 850 000 Euro kosten.

Eine Summe, bei der die Abgeordneten am liebsten Marienkäfer gespielt, sich auf den Rücken gelegt und mit den Beinen gestrampelt hätten: „Wir haben die Unterlagen jetzt zwei Minuten in der Hand und sollen über 850 000 Euro entscheiden“, meint der SPD-Abgeordnete Harald Lax empört. Auch Claudia Sieber (Die Linke) stellt fest: „Ich bin sehr verärgert, dass ich das jetzt so kriege.“

Etwas Luft aus der Debatte nimmt Holger Stenzel von der AHS-Ingenieurgesellschaft mbH Falkenberg, die die Belüftungstechnik für die Schule plant. Er stellt in groben Zügen die Funktionsweise von normaler Belüftung, Belüftung mit Befeuchtung und kompletter Klimaanlage vor und sagt, dass die meisten Schulneubauten inzwischen mit normalen Lüftungsanlagen geplant würden – so auch die neu entstehende Oberschule in Bad Liebenwerda. Er kenne keine Schule, die mit kompletter Klimatechnik versehen sei. Zumal auch die Besonderheiten von Schulen zu bedenken seien. Auch wenn die Tage mit „Hitzefrei“ zugenommen hätten, über lange Zeit im Hochsommer sei die Schule zu — der Ferien wegen. In den Besucherreihen grummelt Schulleiterin Monika Lehmann. Die „Hitzefrei“-Tage seien immer mehr geworden, es habe selbst im Mai schon unterrichtsfreie Tage gegeben. Der Abgeordnete Hagen Hentschel (CDU) moniert, dass Lüftungsanlagen zu wenig Luftfeuchtigkeit erzeugen würden, was zur Reizung von Schleimhäuten vor allem bei Grundschulkindern führe.

Als Susann Kirst von der Verwaltung deutlich macht, dass Bad Liebenwerda die Lüftungsanlage in der Drittelfinanzierung von Bund, Land und Stadt gefördert bekäme, aber für zusätzliche Befeuchtung oder gar Klimatechnik keinen Förder-Cent sehen würde, wird es still im Saal. Es wird klar: Bad Liebenwerda kann und will sich den „Mercedes“ nicht leisten.

Zumal die Fachleute erklären, das die Investitionskosten für die Anlage nur die eine Seite seien, Wartung und Bewirtschaftung würden ebenso heftig ins Kontor schlagen. Für eine Befeuchtung benötige man eine 40-kW-Anlage, für Klimatechnik gar eine 60-kW-Stromversorgung.  Und noch ein Punkt sei zu bedenken: Befeuchtung und Klimatechnik bedeuten auch Wassereinsatz und hohe Hygienestandards, um zum Beispiel Legionellen vorzubeugen. Das kostet. Dagegen nehmen sich die von den Fachleuten bereits in einer vorherigen Sitzung dargestellten Betriebskosten für Strom und Wartung einer Belüftungsanlage mit 6200 Euro jährlich eher bescheiden aus. Im Gegenzug würden Heizkosten von 7600 Euro anfallen, wenn das Lüften im Winter wie bisher über Fenster erfolge.

Damit zieht endgültig Ernüchterung ein im Sitzungssaal. Wird es doch noch der Tag der Entscheidung? Hubert Blaas (Die Linke) regt an, zunächst dem Einbau der Lüftungsanlage zuzustimmen, zwei bis drei Jahre Erfahrungen zu sammeln, um dann eventuell doch noch zu prüfen, die Befeuchtung nachzurüsten. Technisch sei das machbar.

Bürgermeister Thomas Richter (CDU) drängt nun auf eine Entscheidung, will das Projekt im nächsten Jahr umsetzen. „Drücken Sie das Kreuz durch“, fordert er die Abgeordneten auf. Bei zehn Ja- und je zwei Nein-Stimmen und Enthaltungen wird der Einbau der Lüftungsanlage beschlossen. Bad Liebenwerda bekommt damit die erste Grundschule im Landkreis, in der die Luft nicht mehr dünne werden soll.