ANZEIGE
ANZEIGE
ANZEIGE
| 18:12 Uhr

Angekündigte Schließung von Südzucker-Fabrik in Brottewitz
Zuckerwerker wie heiße Kartoffeln?

 Die Demonstration im Februar vor der Südzucker-Zentrale in Mannheim konnte das Aus nicht verhindern, hat aber die Belegschaft gestärkt.
Die Demonstration im Februar vor der Südzucker-Zentrale in Mannheim konnte das Aus nicht verhindern, hat aber die Belegschaft gestärkt. FOTO: LR / Frank Claus
Brottewitz. Das Aus für die Südzucker-Fabrik in Brottewitz ist seit dem 25. Februar dieses Jahres beschlossene Sache. Eine Kampagne gibt es noch, dann ist für knapp 100 Beschäftigte am Standort für immer Feierabend. Von Frank Claus

Diesen Tag im Februar – vergessen können sie ihn nicht. Fast 90 Beschäftigte steigen gegen 3 Uhr vorm Brottewitzer Werktor in zwei Busse. Ihr Ziel: Den letzten Strohhalm greifen und vor der Konzernzentrale in Mannheim mit weiteren, gut 200 Zuckerwerkern, unter anderem aus Warburg, für den Erhalt ihrer Arbeitsplätze kämpfen. Als sie um 14 Uhr wieder die Heimfahrt antreten, sind sie nicht euphorisch, aber mit sich im Reinen. „Wir haben gekämpft.“

Kurz vor Jena erreicht sie dann die bittere Botschaft. Der Aufsichtsrat der Südzucker AG hat die Schließung von insgesamt fünf Werken – je zwei in Deutschland und Frankreich sowie eins in Polen – beschlossen. Nur eine Rübenkampagne soll es ab September noch geben, dann ist Schluss in Brottewitz. Nach mehr als 140 Jahren Zuckerrübenverarbeitung! Die Reaktionen aus der Werkleitung, von Politik und Gewerkschaften klingen nicht vollmundig, eher sachlich. Man wolle die Zuckerwerker nicht fallen lassen wie heiße Kartoffeln. Wirklich?

Stefan Born, der Betriebsratsvorsitzende, sagt knapp ein halbes Jahr später: „Die Bemühungen, den Mitarbeitern neue Jobs oder Übergangsregelungen zu verschaffen, sind groß. Und auch hinsichtlich der Nachnutzung des Standortes laufen intensive Gespräche und Verhandlungen.“ Gerade erst ist die zweite große Runde nach dem Aus zu Ende gegangen. Am Tisch Brandenburgs Wirtschafts-Staatssekretär Hendrik Fischer, der zuständige Werkleiter für Brottewitz und Zeitz, der NGG-Gewerkschaftssekretär, der Chef der Arbeitsagentur aus Cottbus, der Elbe-Elster-Landrat Christian Heinrich-Jaschinski, Mühlbergs Bürgermeisterin Hannelore Brendel und Vertreter des Betriebsrates. „Eine sehr sachliche Runde“, bestätigt Hendrik Fischer und will ernsthaftes Bemühen um sozialverträgliche Lösungen erkennen. Betriebsrat Stefan Born bestätigt: „Wir haben hart verhandelt und einen ordentlichen Sozialplan ausgehandelt.“ Die Werkleitung habe allein 80 Arbeitsplätze in Zeitz angeboten und insgesamt 180 im Firmenverbund. Klar, würden die wenigsten davon vermutlich angenommen. Viele Zuckerwerker haben Haus und Hof in der Mühlberger Ecke und müssten nun ins 125 Kilometer entfernte Zeitz. Täglich knapp je zwei Stunden hin- und zurück pendeln, das mache keiner.

 Die Südzucker-Fabrik in Brottewitz hat ihre letzte Rübenkampagne vor sich.
Die Südzucker-Fabrik in Brottewitz hat ihre letzte Rübenkampagne vor sich. FOTO: LR / Jens Berger

Doch die Festlegungen im Sozialplan seien noch umfangreicher. So gebe es verlängerte Kündigungsfristen für Mitarbeiter über 50 Jahre, und habe die Firma erklärt, dass sie sich mit der Arbeitsagentur an der Finanzierung von Qualifizierungsmaßnahmen beteiligen wolle.

Auf die Bildung einer Transfergesellschaft sei verzichtet worden. „das macht doch keinen Sinn, wo wir alle jetzt noch eine Kampagne fahren“, sagt Stefan Born. Wirklich alle?

„Die meisten sind an Bord geblieben, einer hat gekündigt, zwei weitere stehen davor. Aber natürlich schauen sich viele intensiv um“, so der Betriebsrat. Sowohl Gewerkschaften als auch Arbeitsagentur hätten den Beschäftigten geraten, sich umfangreiche Rechtsberatung einzuholen. Was nütze eine jetzt gut klingende Abfindung, wenn nach Anrechnung aufs Arbeitslosengeld davon nicht mehr viel bleibt? Auch da sei der Südzucker-Betriebsrat sehr engagiert. Die hiesige Arbeitsagentur bereitet bereits jetzt Jobbörsen vor, habe in dieser Woche wieder sogenannte Profilings erstellt, um Eignung und Stärken der einzelnen Mitarbeiter herauszufiltern.

Werkleiter Dr. Markus Lorenz, so der Wirtschaftsstaatssekretär, habe versichert, in Brottewitz keine Investruine hinterlassen zu wollen. Vieles werde abgebaut und anderen Standorten zugeführt. Es würden vielfältige Aktivitäten laufen, die entweder eine Gesamt- oder Teilnachnutzung des Areals vorsehen. Dabei seien auch Spekulanten auf dem Markt. Der Werkleiter behalte sich deshalb vor, über diese Entwicklungen selbst zu befinden und zu informieren.

Intensiv eingebunden seien diesbezüglich Mühlbergs Bürgermeisterin Hannelore Brendel und Landrat Heinrich-Jaschinski. Denn mit dem Aus der Zuckerrübenverarbeitung endet auch der Bestandsschutz.