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| 17:34 Uhr

LGBTQ*-Aktivisten besuchen Elbe-Elster
„Seelen-Striptease“ und Mut machen

 Am Montag machte die LesBI*Schwule T*our in Elsterwerda Station. Unter anderem dabei: Anne Werner (l.) und Lars Bergmann (r.) vom Landesverband „AndersARTIG“.
Am Montag machte die LesBI*Schwule T*our in Elsterwerda Station. Unter anderem dabei: Anne Werner (l.) und Lars Bergmann (r.) vom Landesverband „AndersARTIG“. FOTO: LR / Daniel Roßbach
Elsterwerda. Bei der LesBI*Schwule T*our in Elbe-Elster besuchen Aktivisten für queeres Leben, beginnend in Elsterwerda, verschiedene Städte im Landkreis und zeigen (Regenbogen-)Flagge. Von Daniel Roßbach

Am Montag machte Elsterwerda den Anfang, weitere Stationen sind Doberlug-Kirchhain, Finsterwalde, Herzberg und Bad Liebenwerda (in dieser Reihenfolge) in den nächsten Tagen: Mit der „LesBI*SchwulenT*our“ sind in dieser Woche lesbische, schwule und Menschen mit anderen queeren Geschlechteridentitäten in Elbe-Elster präsent.

„Den CSD in die kleinen Städte bringen“

„Die Idee der Tour seit den 1990er-Jahren ist, den Christopher Street Day, kurz CSD, in die kleinen Städte zu bringen“, sagt Lars Bergmann von AndersARTIG, dem Landesverband für Lesben, Schwule, Bisexuelle und Transgender in Brandenburg. Damit bezieht er sich auf die Veranstaltungen, in deren Rahmen seit 1977 in vielen Städten Demonstrationen und Festivals für die Rechte homosexueller Menschen stattfinden. In Cottbus nahmen daran in diesem Jahr mehr als 500 Menschen teil, so viele wie noch nie.

„Bei den Touren machen wir die Regenbogenfahne sichtbar, und damit schwules, lesbisches, bi-, trans-, intersexuelles und queeres Leben“, so Bergmann. In Elsterwerda findet das mit einem Besuch in der Oberschule in Prösen, der Regenbogenfahne am Rathaus und einem Infostand am Markt statt. „Es ist nur schade, dass heute kein Markttag ist und so weniger Menschen hier unterwegs sind“, sagt Lars Bergmann: „Wir werden also in die Stadt und auf Leute zugehen.“

 Die Regenbogenfahne, das internationale Zeichen der „queeren Gemeinschaft“, am Rathaus in Elsterwerda.
Die Regenbogenfahne, das internationale Zeichen der „queeren Gemeinschaft“, am Rathaus in Elsterwerda. FOTO: LR / Daniel Roßbach

In der Tat ist an diesem Montag wenig los auf dem Elsterwerdaer Marktplatz. „Es sind nicht sehr viele Leute, aber wir haben ein paar nette Gespräche geführt“, sagt Anne Werner aus dem Organisationsteam. Am Donnerstagnachmittag kommt noch eine Veranstaltung zu dem Programm hinzu: um 18:30 wird im Café der Möglichkeiten ein Film gezeigt, der frühere Editionen der Tour dokumentiert.

Information und Beratung in Schulen

Mehr Publikum hat das Team der Tour in der Oberschule in Prösen, wo es am Montagmorgen zu Gast war. Nadine Bochert-Apfelbacher, die beim Verband AndersARTiG das Projekt „Bildung unterm Regenbogen“ leitet, sagt: „Schüler*innen sind offen, wenn sie Wissen haben, was lesbisch, schwul, bi oder trans ist.“ Die Initiative berät auch Lehrende zum Umgang mit diesem Thema.

Die Regenbogenfahne wird bei allen Stationen der Tour in Elbe-Elster am Rathaus gehisst – außer in Finsterwalde, wo Denkmalschutz-Gründe dem im Weg stehen. „Wir haben aber guten Kontakt zu allen Städten“, sagt Lars Bergmann. Das sei in der Vergangenheit auch schon einmal anders gewesen, etwa in Nauen.

 Verschiedene Flaggen stehen für verschiedene Teile der queeren Bewegung.
Verschiedene Flaggen stehen für verschiedene Teile der queeren Bewegung. FOTO: LR / Daniel Roßbach

Queeres Leben in Elbe-Elster noch wenig sichtbar

Die Aktivisten zielen bei den Touren vor allem auf Regionen, in denen es, anders als in vielen Großstädten, keine oder wenig permanente Strukturen und Anlaufstellen für Menschen mit queeren, also nicht heterosexuell geformten Geschlechteridentitäten gibt. „Queeres Leben ist in Elbe-Elster noch ziemlich unsichtbar. Wir wissen aus unseren Beratungsangeboten, dass es natürlich auch hier queere Menschen gibt, aber es reicht offensichtlich nicht so weit, dass sie sich organisieren“, sagt Lars Bergmann.

Man sei deswegen auch hier, um lesbischen, schwulen und ­transs­exuellen Menschen Mut zu machen und Kontakte zu knüpfen: „Wir wollen auch die Szene anregen und sagen: ‚Mensch, macht doch mal was für eure Interessen!’ Und wir sehen immer wieder, dass sich nach Besuchen in einer Stadt mehr Menschen die Beratungsangebote unseres Verbandes annehmen.“ Dies gelte besonders für Begegnungen in Schulen, ergänzt Nadine Bochert-Apfelbacher.

Städte und Kreise gefordert

FOTO: LR / Daniel Roßbach

Daraus folgt für Bergmann auch die Forderung an Städte und Kreise, queere Menschen zu unterstützten, indem zum Beispiel Treffpunkte geschaffen werden. Obwohl Elsterwerdas Bürgermeisterin Anja Heinrich die Aktion herzlich in der Stadt begrüßt, lehnt sie diese Forderung ab: „Ich sehe, dass jeder mit seiner Lebenseinstellung bei uns überall willkommen ist“, sagt Anja Heinrich. „Ob das typische Vater-Mutter-Kind-Familien sind oder sich Partner finden, ist da egal. Ich finde es nicht erforderlich, dafür einen Extra-Treff zu schaffen.“ Wenn es eine Gruppe gäbe, die Räume benötige, könne man diese sicher zur Verfügung stellen, so die Bürgermeisterin weiter. Auf dieses Argument antworten Aktivisten wie Bergmann, dass sichtbare Anlaufstellen als erster Punkt für die Gemeinschaft wichtig seien, um sich zusammen zu finden.

„Seelen-Striptease“

Wichtig sei bei einer Aktion wie der Tour aber nicht zuletzt die Wirkung für jene, die sie organisieren. „Für diejenigen, die mitfahren, ist das so eine Art Seelen-Striptease: Sie stehen hier mit ihrer Identität und sind damit auch angreifbar“, sagt Bergmann. Er berichtet auch davon, dass die Aktivisten nicht nur auf der Facebook-Seite des Projekts, sondern auch vor Ort immer wieder Beleidigungen hören. „Auch in manchen Gesprächen wird man mit Vorurteilen konfrontiert. Um diese zu diskutieren, dazu sind wir ja auch hier. Trotzdem ist es anstrengend.“ In den vergangenen drei Jahren sei der Ton rauher geworden. „Es ist deutlich spürbar, was Parteien wie die AfD an Schaden hinterlassen“, sagt Lars Bergmann