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Läuft der Bahn die Zeit davon?

Im Bauabschnitt Süd, hier bei Hohenleipisch, klemmt die Säge. Kein großes Brücken- oder Tunnelbauwerk ist bislang begonnen.
Im Bauabschnitt Süd, hier bei Hohenleipisch, klemmt die Säge. Kein großes Brücken- oder Tunnelbauwerk ist bislang begonnen. FOTO: Frank Claus
Elsterwerda. Es läuft nicht wie geschmiert beim 475-Millionen Euro teuren Ausbau der Bahnstrecke Berlin – Dresden. Vor allem im Bauabschnitt Süd zwischen Walddrehna und Hohenleipisch klemmt die Säge gehörig: Zwei bis drei Monate Bauverzug sind eingetreten. Frank Claus

Wo jetzt eigentlich Bauleute wuseln müssten, dreht sich kein Rad. Wo Gründungsarbeiten für Brücken und Tunnel das Tagesgeschäft bestimmen sollten, herrscht gespenstische Ruhe. Dabei drückt die Zeit: Am 9. Dezember 2017 soll der insgesamt 73 Kilometer lange Abschnitt zwischen Baruth im Landkreis Teltow-Fläming und Hohenleipisch wieder für den Verkehr freigegeben werden. 21 Bahnübergänge sollen bis dahin durch Brücken oder Tunnel ersetzt werden. Fast 90 000 Schwellen, 121 Kilometer Schienen, Hunderte Kilometer Kabel müssen verlegt werden. 1800 Oberleitungsmasten sind aufzustellen und etwa 840 000 Kubikmeter Erdstoffe müssen bewegt werden. Eigentlich keine Zeit zum Luftholen.

Was ist also los am Bahn-Prestigeobjekt? Projektkoordinator Michael Bung redet gar nicht um den heißen Brei: "Wir haben zwei bis drei Monate Bauverzug im Bauabschnitt Süd." Ursache dafür seien erhebliche Korrekturen bei den Ausführungsplanungen für Brücken und Tunnel. Nochmalige Baugrunduntersuchungen hätten vielfach instabile Untergründe ergeben. Aus zunächst geplanten Flachgründungen müssten nun aufwendigere Pfahlgründungen werden.

Und das war vorher nicht feststellbar?

Michael Bung: "Wir selbst haben wie üblich Schwerpunkt-Baugrunduntersuchungen durchgeführt und dennoch die Firmen aufgefordert, nochmals eigene Prüfungen vorzunehmen. Die zeigen jetzt ein detaillierteres Bild." In vielen Fällen würden die Vorprüfungen auch bestätigt werden, im Baulos Süd nicht. Der Projektkoordinator wirft der Firma, die als Hauptauftragnehmer fungiert, vor, nicht sofort nach Streckensperrung im August mit den Prüfungen begonnen zu haben. Die wiederum erklärt, dass nicht alle gestellten Fragen durch den Auftraggeber zeitnah beantwortet worden seien. Ein üblicher Kleinkrieg auf Großbaustellen.

Aber könnte die Baufirma nicht bewusst schwierigere Baugründe ins Feld führen, um den Preis für die Bauausführung in die Höhe zu treiben? Michael Bung: "Die Frage habe ich erwartet. Aber alle vorgelegten Ergebnisse werden durch von uns beauftragte Ingenieurbüros geprüft und wurden bestätigt."

Und nun? Michael Bung: "Der Gesamtzeitplan ist nochmals exakt analysiert worden. Wir konnten mit den Ausrüstungs- und Stellwerkstechnikern, die zum Schluss zum Zuge kommen, vereinbaren, dass in Teilabschnitten gearbeitet wird. So könnte der Zeitplan wieder ins Lot kommen. Und wir müssen eben schneller als geplant bauen." Schon jetzt würden Szenarien erarbeitet, in denen mit mehr Personal und notfalls auch in Nachtarbeit gebaut werden muss. "Noch arbeiten wir mit der Baufirma partnerschaftlich zusammen", sagt Michael Bung und will damit aufzeigen, dass alle das Projekt fristgerecht stemmen wollen.

Und was, wenn ein außergewöhnlich harter Winter kommt? Michael Bung mag daran lieber nicht denken, kann es aber nicht ausschließen: "Dann ist die Strecken-Inbetriebnahme im Dezember 2017 vermutlich nicht zu halten."

Kommentar zum Artikel: Knifflige Angelegenheit